Streiktagebuch: "Die Leute beschimpfen uns"
Sabine Bulla, 44, BVG-Busfahrerin, streikt für besseren Lohn. Doch langsam gehen ihr der Mut und die Puste aus.
"Inzwischen sind wir alle ziemlich müde und angeschlagen. Bei mir und den Kollegen herrscht so ein Gefühl, dass der Streik auch zu Ende gehen könnte. Aber wir machen trotzdem weiter.
So schwer es im Moment ist, aufhören kommt für mich nicht infrage. Das würde ich nur machen, wenn es offiziell von Ver.di beschlossen wäre. Trotzdem erscheint mir persönlich der Streik inzwischen sinnlos, ich fühle mich hoffnungslos und habe keinen Mut mehr. Wir bekommen so wenig Unterstützung von außen. Gesprochen habe ich über dieses Gefühl noch nicht mit den Kollegen. Aber ich weiß, dass auch von den anderen sich viele nachts hin- und herwälzen und nicht durchschlafen können. Oft kommen die dann zur Nachtschicht in den Bushof und leisten den anderen Gesellschaft.
Schlimm sind die Reaktionen aus der Bevölkerung: Hupende Autos fahren an uns vorbei, wenn wir auf dem Bushof stehen. Die Leute beschimpfen uns, das war am Anfang noch nicht so stark. Wir versuchen, uns nicht provozieren zu lassen und es mit Humor zu nehmen. Der Zusammenhalt gibt da Gelassenheit. Wir haben auch Pläne, auf die Straßen zu gehen, um Passanten über den Streik zu informieren. Vielleicht kommt dann mehr Verständnis.
Denn Aussagen wie die von Michael Müller von der SPD, der Busfahrerlohn sei ganz ordentlich, kann ich überhaupt nicht verstehen. Woher hat der denn die Information, die Altbeschäftigten würden 2.800 Euro verdienen? Das ist einfach falsch. Ich bin ja selbst schon 21 Jahre bei der BVG, und ich verdiene 1.900 Euro netto. Leben kann ich davon mit meinen beiden Kindern schon, aber viel mehr ist nicht drin. Das zweite Gehalt von meinem verstorbenen Mann fehlt einfach, das hebt die Witwenrente nicht auf. Von der bleibt sowieso nicht viel übrig, weil noch Pflege- und Krankenversicherung abgezogen werden. Deswegen finde ich, der Tarif sollte sich ändern. Das ist für mich ein Unding."
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert