Streiks in Frankreich : Wirkungsvolle Protestmaßnahme
Die Verlangsamung des öffentlichen Lebens lässt Streikende an Selbstbewusstsein gewinnen. Es bleibt mehr Zeit, Bündnisse zu knüpfen.
D ieses Mal sind sie in Frankreich wohl teilweise selbst überrascht. Das Bahnunternehmen SNCF blickt auf den längsten Streik seiner Geschichte: 36 Tage. Öffentlich-rechtliche Radios senden Playlists statt Nachrichten, Opern werden abgesagt, Schulen und Kindergärten bleiben immer mal wieder geschlossen. Mitte Dezember schalteten Stromunternehmen in einigen Städten stundenweise den Strom ab, die Benzinversorgung ist durch blockierte Raffinerien beeinträchtigt.
Auch Anwaltskanzleien, Krankenhäuser und Arztpraxen machen an abgestimmten Tagen dicht. Und nun kommt der vierte Generalstreik in knapp über einem Monat. Eine Protestform, die wirkt. Plötzlich wird klar, wie wichtig und unverzichtbar all diese Berufe sind, wie viel politische Macht Angestellte in ihrer Masse tatsächlich haben. Ein neues Selbstbewusstsein tritt hervor: Nehmt uns ernst, denn wir halten alles am Laufen. Plötzlich erinnert man sich, um wessen Bedürfnisse es in einer Demokratie eigentlich gehen soll.
Durch die extreme Verlangsamung im öffentlichen Leben haben auf einmal Vollzeit arbeitende Menschen Zeit, sich mit ihrer Rente zu beschäftigen. Die Medien sind gezwungen, sich des komplizierten Themas anzunehmen. Ein Video erklärt im Rezo-Stil, warum insbesondere junge Menschen später von der Reform benachteiligt sein werden – und bekommt allein auf Facebook fast 3 Millionen Klicks. Auch die besser dastehende Mittelschicht versteht, dass sie betroffen ist.
Die Verlangsamung schafft auch Zeit, solidarische Bande zu knüpfen. Über Internetplattformen wurden mittlerweile über 1 Million Euro gesammelt, zur Unterstützung jener Dauerstreikenden, die ein Monatsgehalt verlieren. Das Konzept der Regierung, eine komplizierte Reform vorzulegen, die niemand versteht, geht nicht auf. Spaltungstaktiken funktionieren nur bedingt, Narrative einer faulen Mittelklasse kommen nicht an. Die Mehrheit in Frankreich befürwortet weiterhin den Streik – und macht mit.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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