Streiks in Frankreich

Wirkungsvolle Protestmaßnahme

Die Verlangsamung des öffentlichen Lebens lässt Streikende an Selbstbewusstsein gewinnen. Es bleibt mehr Zeit, Bündnisse zu knüpfen.

Leere Gleise und Bahnsteige in Paris.

Nichts geht mehr: verwaiste Gleise und Bahnsteige in Paris Foto: Charles Platiau/reuters

Dieses Mal sind sie in Frankreich wohl teilweise selbst überrascht. Das Bahnunternehmen SNCF blickt auf den längsten Streik seiner Geschichte: 36 Tage. Öffentlich-rechtliche Radios senden Playlists statt Nachrichten, Opern werden abgesagt, Schulen und Kindergärten bleiben immer mal wieder geschlossen. Mitte Dezember schalteten Stromunternehmen in einigen Städten stundenweise den Strom ab, die Benzinversorgung ist durch blockierte Raffinerien beeinträchtigt.

Auch Anwaltskanzleien, Krankenhäuser und Arztpraxen machen an abgestimmten Tagen dicht. Und nun kommt der vierte Generalstreik in knapp über einem Monat. Eine Protestform, die wirkt. Plötzlich wird klar, wie wichtig und unverzichtbar all diese Berufe sind, wie viel politische Macht Angestellte in ihrer Masse tatsächlich haben. Ein neues Selbstbewusstsein tritt hervor: Nehmt uns ernst, denn wir halten alles am Laufen. Plötzlich erinnert man sich, um wessen Bedürfnisse es in einer Demokratie eigentlich gehen soll.

Durch die extreme Verlangsamung im öffentlichen Leben haben auf einmal Vollzeit arbeitende Menschen Zeit, sich mit ihrer Rente zu beschäftigen. Die Medien sind gezwungen, sich des komplizierten Themas anzunehmen. Ein Video erklärt im Rezo-Stil, warum insbesondere junge Menschen später von der Reform benachteiligt sein werden – und bekommt allein auf Facebook fast 3 Millionen Klicks. Auch die besser dastehende Mittelschicht versteht, dass sie betroffen ist.

Die Verlangsamung schafft auch Zeit, solidarische Bande zu knüpfen. Über Internetplattformen wurden mittlerweile über 1 Million Euro gesammelt, zur Unterstützung jener Dauerstreikenden, die ein Monatsgehalt verlieren. Das Konzept der Regierung, eine komplizierte Reform vorzulegen, die niemand versteht, geht nicht auf. Spaltungstaktiken funktionieren nur bedingt, Narrative einer faulen Mittelklasse kommen nicht an. Die Mehrheit in Frankreich befürwortet weiterhin den Streik – und macht mit.

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