Stocken der Psychiatriereform: Schluss mit der Anstalt

Viele psychisch kranke Menschen sind mit ambulanter Hilfe besser dran als mit einer Einweisung in die Psychiatrie. Doch der Reformprozess stockt.

Zwei Gläser voller Tabletten

Die medikamentöse Behandlung psychischer Erkrankungen ist nicht immer die beste Methode Foto: Vanessa Reiber/dpa

Seit 50 Jahren soll in Deutschland die Versorgung von psychisch kranken Menschen verbessert werden. Weg von einem sedierten Verwahren in Anstalten, hin zu wohnortnahen Angeboten, die einerseits Heilungsprozesse befördern und andererseits ein gutes, selbstbestimmtes Leben mit der Krankheit ermöglichen.

Doch der Reformprozess kommt nur langsam voran und ist in vielen Regionen ganz stecken geblieben, darunter ausgerechnet in Bremen, einst Vorreiterin der Psy­chiatriereform. 2013 hat dort sogar das Landesparlament beschlossen, dass es so nicht weitergeht und einen Zeitplan vorgelegt, wann welche Schritte umgesetzt sein sollen. Doch auch das brachte nicht den gewünschten Impuls, stattdessen lag Bremen vier Jahre später an der Spitze der bundesweiten Tabelle bei medikamentösen Zwangsbehandlungen und Fixierungen.

Jetzt liegt die Hoffnung auf Martin Zinkler, dem neuen Chefarzt der kommunalen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hat auf seiner vorherigen Stelle im schwäbischen Heidenheim bewiesen, dass eine andere Psychiatrie möglich ist. Voraussetzung dafür ist eine Einigung mit den Krankenversicherungen. Denn die zahlen gut für die stationäre Versorgung und schlecht oder gar nicht für ambulante Angebote.

Ein Ausweg sind regionale Budget-Verträge, bei denen die Versorger nicht nach den Krankenhaus-Fallpauschalen abrechnen, sondern das Geld dort einsetzen, wo es die Pa­ti­en­t*in­nen brauchen. Solche Verträge gibt es nicht nur in Heidenheim, sondern auch in mehreren Landkreisen in Norddeutschland.

Behandlung aus freien Stücken

Zinkler will aber noch mehr. Er hat die Vision, dass sich Menschen in Zukunft aus freien Stücken für eine Behandlung entscheiden können, ganz ohne Zwang, und so, wie sie zu ihnen passt. Das aber setzt eine Gesellschaft voraus, die nicht Verantwortlichen und Mit­ar­bei­te­r*in­nen des Gesundheitssystems sagt: „So, jetzt macht mal schön, diese Berichte über an Betten fixierte und mit Medikamenten ruhiggestellte Menschen wollen nicht mehr lesen, das verdirbt einem ja den Morgenkaffee.“ Sondern den eigenen Umgang mit psychischen Krankheiten auf den Prüfstand stellt. Darf es sie überhaupt geben? Ertragen wir es, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass Menschen an und in dieser Welt verrückt werden?

Denn psychische Erkrankungen entstehen selten einfach so, aus heiterem Himmel, aufgrund irgendwelcher fehlgeleiteten Synapsenverschaltungen oder Ungleichgewichten im körpereigenen Chemiehaushalt. Mittlerweile gibt es zwar Hinweise darauf, dass unter anderem Autoimmunerkrankungen psychotische Zustände verursachen können, aber als gesichert gilt, dass die dauerhafte Verletzung der Seele krank macht. Zu wenige Glücksmomente, zu wenig Hautkontakt, zu viel Angst und Stress und das vielleicht schon von frühester Kindheit an, beeinflussen den Hormonhaushalt und können auch Hirnstrukturen verändern.

Die Vorstellung, solche verletzten Seelen gut mit Zwangsbehandlungen und Klinikaufenthalten heilen zu können, mutet … irre an.

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Seit 2003 bei der taz als Redakteurin und Chefin vom Dienst in Bremen. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; seit 2019 in Weiterbildung zur systemischen Beraterin.

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