Sterbebegleiterin über Abschiednehmen: „Als würde man Schinken in ein Piranhabecken halten“
Wenn Charlotte Wiedemann über das Thema Sterben spricht, rennen ihr die Leute die Bude ein. Für viele sei das ein blinder Fleck gewesen.
taz: Frau Wiedemann, Sie nennen sich eine Sterbebegleiterin. Was bedeutet das?
Charlotte Wiedemann: Meine Funktion ist die Vorbereitung auf das Sterben und die Expertise in Bestattungsfragen. Ich bin jede Woche in Kontakt mit Sterbenden und mit Menschen, die Sterbende begleiten oder gerade einen Trauerfall erlebt haben.
taz: Und was ist da Ihre Aufgabe?
Wiedemann: Es bekommt den Menschen oft nicht gut, wenn sie das Thema Sterben immer verdrängt haben, bis sie in einer absoluten Ausnahmesituation große Entscheidungen treffen müssen. Auch wenn es nur darum geht, ob jemand kremiert werden soll oder nicht. Das kann eine sehr schwere Entscheidung sein, wenn man nicht weiß, was die verstorbene Person wollte. Mir geht es darum, dass die Menschen lange vor einem Sterbefall darüber nachdenken und mit anderen Menschen darüber reden.
taz: Neben dieser persönlichen Beratung treten Sie ja auch öffentlich auf. Wie ist denn da die Nachfrage?
Wiedemann: Es ist, als würde man ein Stück Schinken in ein Piranhabecken halten. Weil dies für viele so lange ein blinder Fleck war, können die Leute gar nicht aufhören, darüber zu sprechen. Ich habe in den sozialen Medien einen Kanal mit dem Namen „Der Tod und Wir“ mit über 400.000 Followern. Und ich mache Veranstaltungen in einem Kreativraum in Berlin. Da geht es um solche Themen wie Sterbemeditationen, Gedenktattoos stechen, die eigene Urne zu töpfern oder den Sarg zimmern.
taz: Was könnte der Grund für dieses neue Verhältnis zum Tod sein?
Wiedemann: Im Gegensatz zum materiellen Erbe rückt das emotionale Vermächtnis immer mehr in den Vordergrund. Dazu gehören etwa Briefe, die eine sterbende junge Mutter hinterlässt, und die ihre Tochter dann an ihrem 18. Geburtstag zu lesen bekommt.
taz: Welche Rolle spielt in Ihrer Arbeit die Hoffnung der Menschen auf ein Leben nach dem Tod?
Wiedemann: Das Thema kommt immer wieder auf. Ich versuche dabei interkonfessionell, aber auch unkonfessionell zu arbeiten. Viele Menschen sind ja auf Sinnsuche und sehr berührbar für spirituelle Fragen. Und ich habe festgestellt, dass Menschen, die nicht durch einen christlichen Glauben geprägt sind, rund um Todesfälle oft eine Sehnsucht nach magischem Denken entwickeln. Da geht es ja um uralte Bedürfnisse, die traditionell von Religionen, aber heute auch von modernen Entwicklungen aufgenommen werden.
taz: Wie das denn?
Wiedemann: Eine unserer Religionen ist ja heute das Internet. Und da geht es auch um eine Perspektive des Weiterlebens: Kann ich mein Bewusstsein in eine Cloud hochladen? Kann ich meine Stimme konservieren? Können Menschen auch nach meinem Tod noch weiter mit mir sprechen?
Charlotte Wiedemann liest in Hannover am 2. 7. um 14.30 Uhr in der Bäckerei Göing, Limmerstraße 28, sowie am gleichen Tag um 18 Uhr in den Räumen von GBG Bestattungen, Baumschulenallee 2. Der Eintritt ist jeweils frei.
taz: Arbeiten Sie auch auf dieser Ebene?
Wiedemann: Ja, und da tut sich gerade sehr viel: Es gibt etwa virtuelle 3D-Erinnerungsräume, in denen Fotos, Sprachnachrichten und Videos, Lieblingsbücher oder Lieblingsrezepte geteilt werden. Diese Angebote nutzen auch Sterbende, um sich selber auf ihr Ableben vorzubereiten und ein wenig ihr eigenes Leben zu kuratieren. Das ist inzwischen eine neue Branche von Start-ups, die unter dem Label Death Tech laufen.
taz: Nun machen Sie eine Lesung in einer Bäckerei, also einem Ort des Lebens.
Wiedemann: Das stimmt, aber für mich gehört der Tod zum Leben dazu. Es kam mir zuerst auch ein wenig absurd vor, aber als ich dazu ein wenig recherchiert habe, merkte ich, dass viele Verbindungen zwischen Gebackenem und dem Tod bestehen.
taz: Es gibt so etwas wie Sterbegebäck?
Wiedemann: Ja, zum Beispiel die kreisförmigen Donuts und Bagels, die ursprünglich für Beerdigungen gebacken wurden, weil sie symbolisieren, dass das Leben weitergeht. Und die Brezel, die eine Unendlichkeitsform hat und früher zum Leichenschmaus gereicht wurde.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert