Stephen Kings „Carrie“ als Serie: Keine Remake-Sünde
Amazon Prime Video verfilmt den Horrorklassiker „Carrie“ neu. Im Zeitalter von Social Media ergibt das Sinn, auch wenn die Serie nicht ganz überzeugt.
Dieses wunderschöne und doch eigenartige Gesicht. Ihre winzige Nase, die schmalen Lippen und hohen Wangenknochen. Dazu die hellblonden Augenbrauen und Wimpern, die die Härchen fast verschwinden lassen.
Sissy Spaceks Gesicht ist so gleichbedeutend mit dem Namen Carrie, dass es jede andere Schauspielerin schwer hat, sie in einer Neuverfilmung darzustellen. Aber so ist es nun mal bei Remakes.
Warum sich also an solch legendäres Material heranwagen wie an Stephen Kings „Carrie“, das mit Brian De Palmas Film von 1976 schon eine meisterhafte Adaption und mit Kimberly Peirce’ Remake von 2013 eine recht schlimme Neuauflage erfahren hat?
Mike Flanagan, Macher der neuen Amazon-Serie und bekannt von der Horrorserie „The Haunting of Hill House“ (2018) oder der Verfilmung einer anderen Stephen King Geschichte „Life of Chuck“ (2024), bringt „Carrie“ ins Jahr 2026. Und begeht damit ausnahmsweise keine Remake-Sünde.
Mobbing im Zeitalter von Social Media
Carrietta White, gespielt von Summer H. Howell, wächst in ihrem Zuhause eingesperrt auf, nicht mal eine Schule darf sie besuchen und wird zu Hause unterrichtet. Ihre Mutter ist fanatische Christin, der Vater Verschwörungstheoretiker. Die Außenwelt, das bringen ihre Eltern ihr bei, ist nicht für sie gemacht.
Als der Vater bei einem Unfall auf seiner Baustelle ums Leben kommt, sind Carrie und ihre Mutter, gespielt von der wunderbaren Samantha Sloyan, die Sissy Spacek im Übrigen verblüffend ähnlich sieht, auf sich alleine gestellt. Die Mutter muss arbeiten und die 16-jährige Carrie auf eine öffentliche High School. Dort merkt sie tatsächlich schnell, dass es die Außenwelt nicht gut mit ihr meint.
Wenn man an „Carrie“ denkt, dann hat man die berühmte Abschlussballszene aus der 1976er-Version im Sinn und wie Carries vermeintliche Freunde ihr dort einen besonders perfiden Streich spielen. Auch die neue Version handelt von Mobbing, doch das funktioniert längst nicht mehr wie in den 70ern. Schließlich gibt es heute das Internet.
die serie
„Carrie“
8 Folgen auf Amazon Prime
Bald taucht ein Instagram-Account mit dem Namen „Carrie Red“ auf. Dort werden Videos und Bilder gepostet, etwa davon, wie Mitschülerinnen Carrie samt Kleidung in die Dusche schmeißen, weil sie in ihre Hose menstruiert hatte. Oder davon, wie die erstmals betrunkene Carrie auf einer Party tanzt. Aber auch Lehrer_innen bleiben nicht verschont und werden in Posts etwa als pädophil bezeichnet. Bald terrorisiert der Account mit Carries Gesicht als Profilbild die gesamte Schule.
Jeder hat ein Trauma
Da die Serie viel Zeit damit verbringt, die Beziehungen zwischen den Schüler_innen zu untersuchen, handelt es sich deutlich mehr um Coming-of-Age als um ein echtes Horrorwerk wie das Original. Auch im Vergleich zu Flanagans Gruselserie „The Haunting of Hill House“ hat „Carrie“ spürbar weniger Schrecken zu bieten.
Und das, obwohl bald das Paranormale Einzug hält. Denn Carrie realisiert, dass sie eine besondere Gabe hat, mit der sie sich wehren kann: Telekinese. Sie kann Dinge zum Schweben bringen, Steine auf ihr Haus regnen lassen oder ihrer größten Mobberin mit reiner Willenskraft die Nase brechen. Je größer ihre Wut, desto größer auch das, was sie mit ihrer Gabe anrichten kann. Doch selbst da bleibt der Grusel aus.
Ein weiteres Problem sind die Charaktere selbst. Wie so oft im modernen Kino und Streaming muss inzwischen jede Figur eine tragische Vorgeschichte, ein Trauma vorweisen, das ihr Handeln motiviert. Ist es wirklich immer nötig, auszubuchstabieren, weshalb eine Person zu etwas Bösem fähig ist? Auch die Ta-lking-Head-Interviews sind ein eher durchschaubarer Trick, um die Handlung nachzuerzählen und Motive nachträglich zu erklären.
Dennoch bleibt die Neuverfilmung durchaus unterhaltsam und sinnvoll. Denn wie eine HighSchool-Schülerin dazu gebracht werden kann, sich an der gesamten Schule, der ganzen Stadt sogar, rächen zu wollen, das ist jetzt eine andere Frage als 1976.
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