Neuer Thriller von Stephen King: Der junge Geisterseher

Die Toten lügen nicht: In dem Thriller „Später“ von Stephen King muss sich ein Junge unter den gestorbenen Menschen bewähren und kämpfen.

Ein Horrorclown grinst dich an

Kinderschreck A. Pennywise, Spielzeug nach einer Stephen-King-Figur ​ Foto: John Angelillo/imago

Stephen King ist – neben vielem anderen – ein engagierter und effektiver Coming-of-Age-Schriftsteller. King-Klassiker wie „It“, „The Shining“, „Dr. Sleep“, „Low Men in Yellow Coats“ schildern das mythisch Böse aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen. Aus dem Blickwinkel einer Lebensphase also, in der die Angelegenheiten der Erwachsenenwelt oft genug auch ohne die Anwesenheit von Geistern und Monstern unverständlich und unheimlich erscheint. Und die okkulten Fähigkeiten des Geistersehens, der Telekinese, der Prophetie und des Exorzismus werden in seinem Werk durchgehend Kindern zugesprochen – oder Erwachsenen, die im Grunde Kinder geblieben sind.

Auch Jamie Conklin, der Held des neuen – in der Technik einer Netflix-Exposition auf Fortsetzung angelegten – Romans „Später“, besitzt eine dieser dämonischen Gaben. Er kann gestorbene Menschen sehen und mit ihnen reden.

King bedient sich zur Ausarbeitung dieser sehr unheimlichen Vorstellung bei dem schwedischen Mystiker Emanuel Swedenborg, der mitten im Zeitalter der Spätaufklärung (das freilich auch eins der Geisterseher war) postulierte, dass das „Leben der [im Jenseits, S. W.] neu angekommenen Geister ihrem Leben in der natürlichen Welt nicht unähnlich ist, und sie nichts vom Zustand ihres Lebens nach dem Tode wissen, sie sich aber doch darüber wundern, dass sie ganz wie in der Welt einen Leib und alle Sinne besitzen“.

Unter anderem können die Toten nicht lügen. Sie halten sich, ein wenig gleichgültig, aber durchaus gesprächsbereit, eine Weile lang am Ort ihres Todes auf, den meisten unsichtbar. Aber besonders Begabte, ­Jamie Conklin zum Beispiel, können sie sehen, hören und befragen. Was dessen Erfinder die vielfältigsten Ansatzpunkte für halb unheimliche, halb kriminalistische Handlungsansätze bietet.

Geheimnisse einer Polizistin

Jamies Mutter nämlich ist nicht nur eine literarische Agentin, deren gewinnbringendster Autor gerade gestorben ist, sie ist auch liiert mit Liz, einer Polizistin, die sich in illegale Drogengeschäfte und die dazugehörigen Folgedelikte, Morde und Todesfälle verwickelt hat.

Stephen King: „Später“. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne, München 2021, 304 Seiten, 22 Euro

Was Stephen King aus dieser mehrsträngigen Exposition macht, ist wie immer fulminant, darf hier jedoch nicht im Detail verraten werden. Nur so viel: Eine weitere Tiefendimension in Bereiche okkulten Wissens neben dem Swedenborgismus gewinnt „Später“ dadurch, dass auch der tibetische Buddhismus und seine schamanistisch-dämonologischen Riten und Mythen zu Momenten der Handlung gemacht werden. Jamie nämlich bekommt es nicht nur mit gelangweilt die Wahrheit aussprechenden toten Schriftstellern und der kriminellen Liebhaberin seiner Mutter zu tun, sondern auch mit einem veritablen Dämon, der sich im Astralkörper eines sehr bösen toten Mannes versteckt hat.

Dieser Tote heißt Kenneth Therriault und ist ein Serienmörder, der sich nach Vorbereitung einer finalen Großexplosion selber in die Luft gesprengt hat. Ort und Zeitpunkt des posthumen Anschlags zu enthüllen, zwingt die kriminelle Polizistin den kleinen Jamie, sehr gegen seinen Willen und sehr zu seinem Schaden. Denn der im Geist jenes Massenmörders versteckte Dämon beschließt, ihn nicht mehr in Ruhe zu lassen. Therriaults Geist erscheint Jamie von nun an überall. Eine Lage, in der logischerweise nur noch die Geisteswissenschaften helfen können, nämlich in Gestalt des emeritierten Professors Martin Burkett, eines Nachbarn.

Aufgrund seiner ethnologisch-religions­his­to­ri­schen Eingeweihtheit weist der 80-jährige Professor den jungen Geisterseher auf das Chüd-Ritual des tibetischen Buddhismus hin, durch welches böse Geister bekämpft werden können. Und mit dessen Hilfe Jamie seinen dämonischen Quälgeist auch eine Weile auf Distanz hält. Er wird allerdings, darauf kann jetzt schon gewettet werden, in den Fortsetzungen des Romans (der auf Cliffhanger-Art endet) noch eine tragende Rolle spielen.

Viele Bälle in der Luft

Wie Stephen King es schafft, die disparaten Bälle dieses Spiels – Ethnologie, okkulte Theologie, Kriminologie, Literaturgeschichte, Splatterikonografie, ödipale Psychologie und Bullshit – in der Luft zu halten, ohne dass unsere willing suspension of disbelief erlahmt und alles zu Boden purzelt, ist auch in seinem neuen Roman wieder ein Kunststück, das die Leserin mit derselben Atemlosigkeit verfolgt, die uns Darbietungen eines Hochseilartisten abfordern.

Das zentrale Geheimnis besteht wie immer in der Sympathie des Lesers für die Hauptfigur. King versteht sie durch eine Vertrautheit mit kindlicher Psychologie aufzubauen, die erkennbar eigener autobiografischer Erfahrung entstammt. Hier liegt der identifikatorische Wärmepol des Buchs, dessen Autor der Sohn einer alleinerziehenden Mutter gewesen ist. Auch der literarische Hochseilartist Stephen King ist ein Erwachsener, der sich seine Kindheit bewahrt hat. Nicht zuletzt aber ist „Später“ ein sehr plausibler New-York-Roman. Die Geografie und Psychogeografie der großen Stadt und ihres Umlands spielen auf gelingende Weise mit.

Stephen Kings Bücher tendierten seit „The Dark Tower“ zur Fortsetzung und zur Erzeugung großflächiger und mythenförmiger Erzähluniversen. Nach der „Bill-Hod­ges-Trilogie“, die sich im letzten großen Roman „Der Outsider“ nach dem literarischen Ableben der Hauptfigur sozusagen posthum verzweigte, ist „Später“ ein neuer Auftakt. Wir constant readers können uns auf Beiträge zu einem neuen Zyklus in den nächsten Jahren freuen. Wie es ja zu den vielfältig tröstenden Gewissheiten unseres Leselebens seit Jahrzehnten gehört, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bald wieder ein Roman von Stephen King herauskommen wird.

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