Steinmeier auf der Gamescom : Deutsche Drachen Mangelware
Zum ersten Mal hat ein Bundespräsident die Gamescom in Köln eröffnet und eine erwartbar langweilige Rede gehalten. Da wäre so viel mehr drin gewesen!
Foto: Christoph Reichwein/dpa
I ch hatte ja kurz die Hoffnung, dass der Bundespräsident als Druide auf die Gamescom kommt: in grauer Kutte, mit verschnörkeltem Stab, vielleicht ein bisschen wie der Mönch aus Lützerath.
In Games sind Druid:innen mächtige Figuren, die zaubern können. Mit seinen weißen Haaren, der runden Brille und der elaborierten Sprechweise wäre Frank-Walter Steinmeier perfekt für die Rolle.
Mit ihm hat am Donnerstag nicht nur ein Bundespräsident zum ersten Mal die weltweit größte Computer- und Videospielmesse besucht, sondern auch den sogenannten Gamescom Congress eröffnet, wo Branchenexpert:innen kluge Sachen sagen. Statt diese einmalige Cosplay-Chance zu nutzen, um vielleicht auch Gamer:innen als Zielgruppe zu erreichen, lieferte er ein perfektes Einschlafhörbuch.
„Ich befürchte, Sie sehen es mir an: In meiner Altersklasse gehöre ich nicht zum Kern der Gamer-Generation“, begann der Bundespräsident seine Jahrhundertrede, dann ging es vorhersehbar weiter: Er hob die Bedeutung der Branche und von Games hervor, die sowohl Kulturgut als auch Unterhaltung seien; thematisierte Cybergrooming, also die gezielte Kontaktaufnahme von Erwachsenen zu Minderjährigen über das Internet, und ging auf Computerspielsucht ein. Mit all den Themen hat der Mann recht. Nur: Das haben vor ihm schon zig andere Politiker:innen gesagt.
Wie war das mit Merkel auf der Gamescom?
Für sie ist die Spielemesse in Köln seit Jahren Laufsteg, um sich „volksnah“ und „ein bisschen cool“ zu geben. Der chronisch unfähige und hoffentlich bald in Privathaftung genommene Ex-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nutzte die Messe regelmäßig als Cringe-Bühne. Klassiker wie „Deutschland ist eine Gaming-Area“ stammen von ihm. Scheuers Ministerium übernahm damals die Koordination der nationalen Computerspiele-Förderung.
Legendär ist der Gamescom-Auftritt von Angela Merkel. Als erste Kanzlerin eröffnete sie 2017 die Spielemesse. Auf ihrem Rundgang besuchte sie den Klötzchenspielstand von Minecraft, ließ eine Kuh per Heliumballon abheben und kritisierte das Milliarden-Franchise für seine schlechte Grafik. Verewigt wurde sie trotzdem in Klötzchen-Blazer vor dem Reichstagsgebäude.
Dieses Jahr eröffneten Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU), die mittlerweile für die Gamesförderung verantwortlich ist, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), ja sogar der Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) die Spielemesse. Keine Kabinettsklausur im brandenburgischen Neuhardenberg, sondern ausgiebiges Streifen durch die Messegänge.
Statt Aufbruchstimmung bekamen die Politiker:innen im Bausimulator „Evolution“ den Abrissmodus präsentiert. Laut Berichten kletterte Wüst beim Gang durch die Halle auf jedes Gefährt, vom XXL-Traktor bis hin zum französischen Fantasy-Drachen. Unser Siegfried wäre entsetzt.
Hohe Standortkosten
Denn deutsche Drachen gibt es in der Gamesbranche nur noch sehr selten. Hierzulande werden zwar viele Games gekauft, aus heimischer Produktion stammen aber nur die wenigsten, und immer mehr Studios schließen.
Das hat viele Gründe, unter anderem hohe Standortkosten. Deshalb gibt es die deutsche Gamesförderung, auf die sich Studios bewerben können. Jährlich macht das Bundesforschungsministerium dafür 125 Millionen Euro locker.
Das Gießkannenprinzip der deutschen Gamesförderung wird seit Jahren kritisiert, sogar vom Bundesrechnungshof. Zwar gibt es immer wieder erfolgreiche Spiele, die ohne die Steuergeldspritze vermutlich nicht entstanden wären (etwa das Cozy-Game „Tiny Bookshop“). Aber dann gibt es auch Werke wie den Autobahn-Polizei-Simulator 3, mit dem die Behörden hoffentlich nicht trainieren.
Ich stelle mir ja häufiger vor, welche Games Politiker:innen in ihrer knappen Freizeit spielen. Steinmeier sehe ich als Heiler im Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ oder als Chefdiplomat im Globalstrategiespiel „Europa Universalis 4“, in das er schon Tausende Stunden gebuttert hat.
Merz, der nach seiner aufwühlenden Rede im Hürtgenwald für die Gamescom offenbar kein Wort übrig hat, wird hingegen den Microsoft-„Flight Simulator 98“ spielen. Vielleicht fliegt er mit seiner Propellermaschine ja gerade übers virtuelle Köln.
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