Stau in Hamburg: Der Horror, den wir brauchen

Hamburg liegt laut einer Studie auf Platz drei der staureichsten Städte. Das klingt aber schlimmer, als es ist. Wobei schlimm hier sogar gut wäre.

Stau in Hamburg wegen temporärer Sperrung

Sorgt für Stau: temporäre Sperrung in der Hamburger City Foto: Bodo Marks/dpa

47 Stunden haben Hamburger Au­to­fah­re­r*in­nen in diesem Jahr in Staus verloren. Damit liegt Hamburg auf Platz drei der staureichsten Städte, heißt es in einer Erhebung von Inrix, die am Dienstag vorgestellt wurde. Inrix ist ein Unternehmen, das Verkehrsanalysen verkauft.

Das ist ein gefundenes Fressen für Autofans sowie Regierungskritiker*innen. Die Opposition schießt in Sachen Verkehrspolitik schon lange gegen den rot-grünen Senat: „Vorsätzliches Stauchaos beenden – Bürgermeister muss grünen Verkehrssenator endlich stoppen“, wetterte die CDU Ende Oktober und verlangte von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), dem „Treiben“ seines grünen Verkehrsministers Anjes Tjarks „ein Ende“ zu setzen. Dabei ging es vor allem um den langsameren Verkehrsfluss durch die zahlreichen Baustellen in Hamburg. Baustellen, die notwendig sind, um Infrastruktur zu erhalten und zu verbessern.

Nach Veröffentlichung der Studie schlug die FDP in die gleiche Kerbe und forderte eine bessere Organisation der Baustellen. Aktuell schwöre ein „überforderter“ Tjarks die Stadt auf „weitere staureiche Jahre ein“, jetzt müsse Tschentscher ran. Denn Staus sorgten für eine hohe Umweltbelastung und Frust.

Aber: So frustriert dürften die Ham­bur­ge­r*in­nen im Vergleich gar nicht sein. Dicht an dicht tummeln sich direkt nach Hamburg kleinere Städte – die Plätze eins und zwei dagegen sind weit voraus. Autofahrende in München und Berlin stehen 79 und 65 Stunden im Stau. Zudem heißt Stau in der Studie nicht Stillstand. Es geht lediglich darum, die Fahrtzeit in Stoßzeiten mit anderen zu vergleichen und zu schauen: Wie viel langsamer ist ein Auto eigentlich unterwegs?

Heißt auch: Je schneller nachts gefahren wird – auch illegalerweise – desto mehr Staus gibt es auf dem Papier. Zumindest nach der Methodik von Inrix, die unter anderem auf Mobilfunkdaten basiert. Beide Punkte hat die Zeit bereits treffend analysiert.

Stau ist umweltschädlich, aber Autofahren eben auch

Und selbst wenn die Schreihälse recht hätten. Gibt es überhaupt zu viel Stau? Oder brauchen wir den Frust der Autofahrenden sogar? Klar, Stau ist umweltschädlich. Aber Autofahren eben auch. Dazu noch relativ gefährlich und ungesünder als Radfahren oder laufen. Trotzdem machen es die Menschen. Sogar mit Stau.

Bei manchen ist der Frust vielleicht schon so hoch, dass das Auto auch mal stehen gelassen oder abgeschafft wird. Aber im Durchschnitt scheint der Grad der Genervtheit noch nicht hoch genug, damit Menschen umsteigen: Die Zahl der in Hamburg zugelassenen Autos steigt immer weiter, Jahr für Jahr.

Gemessen an dem Ziel und dem Zeitdruck ist es hinzunehmen, dass durch Staus kurzzeitig mehr Emissionen ausgestoßen werden, wenn dadurch der große Wandel schneller voran geht. Leidensdruck ist (leider) etwas, das Veränderung bewirken kann. Zwar nicht so lustvoll wie eine klare, erstrebenswerte Vision es könnte – nur fehlt diese leider meist.

Natürlich ist es dabei wichtig, dass diejenigen, die auf ein Auto angewiesen sind, bevorzugt werden, etwa bei der Parkplatzsuche: Lieferant*innen, Handwerker*innen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Und auch, dass die Alternativen – Radwege und Öffis – besser werden. Hier kommt die Politik ins Spiel. Hier darf vehement und emotional gefordert werden. Denn hier geht es um die Etablierung eines zukunftsfähigen System, von dem wir sicher wissen, dass wir es brauchen.

Wie selbstverständlich freie Fahrt für freie Menschen mit einem klimaschädlichen Motor unterm Hintern zu fordern, hat sich überlebt.

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Jahrgang 1992. Seit Juli 2021 Redakteurin und Chefin vom Dienst bei der taz Nord in Bremen, von 2019 bis 2021 Volontärin. Schreibt unter anderem gerne über Klima, Protest, Parlamentsgeschehen, Justiz, Verkehrswende, Feminismus und Sport. Vorher M.A. Komplexes Entscheiden und B.A. Politikwissenschaft an der Uni Bremen.

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