piwik no script img

Stadtteilküche weggentrifiziertSollen die Armen doch woanders essen

Friederike Gräff

Kommentar von

Friederike Gräff

Im halb gentrifizierten Hamburg-Ottensen wird der Stadtteilküche „La Cantina“ gekündigt. Die Linke will sich nicht damit abfinden.

Speisekarte für Arme und nicht ganz so Arme: „La Cantina“ in Ottensen Foto: Mauricio Bustamante

V ielleicht gibt es irgendwann eine Masterarbeit „Verdrängungs- und Gentrifizierungsprozesse in Hamburg-Ottensen“, in der das Schicksal der Stadtteilküche „La Cantina“ als Anschauungsbeispiel auftaucht. Alle Zutaten sind da: eine Stadtteilkantine, die 20 Jahre lang Menschen mit wenig Geld, Obdachlosen, aber auch Leuten, die in der Umgebung wohnen, einen Mittagstisch anbietet. Und dazu Menschen, die lange arbeitslos waren, einen Arbeitsplatz.

Auf der anderen Seite ein neuer Eigentümer des Gewerbehofs, der den Mietvertrag kündigt. Als es in Medienberichten hieß, es ginge um Brandschutz, hatte das Bezirksamt erklärt, die Cantina dürfe ihre Küche durchaus weiterbetreiben. Nun sagt der Vermieter, es gebe Sanierungsbedarf. Nur: Kündigen darf er sowieso, auch ganz ohne Gründe anzugeben. Ob er das tut, um die Bausubstanz zu erhalten oder um die Miete zu verdoppeln, das weiß vorerst nur er selbst.

Es gibt einen Teil von Ottensen, in dem die Gentrifzierungsfrage längst gegessen ist, in der Hauptstraße mit dem Edelklamottenladen, wo mal ein Scherenladen war, und dem ebenso edlen Möbelladen, wo früher Farbe verkauft wurde. Und es gibt einen kleineren Teil, wo die Häuser schrabbeliger sind, wo die Sache noch nicht so klar ist.

Die Stadtteilküche liegt im Hohenesch im Vorderhaus eines Gewerbehofs, der aus der Zeit fällt, ein winkeliger Bau mit Gewerben vom Motorradschrauber über Künstlerateliers bis zum Lampendesign. Er war lange in Familienbesitz, der letzte Verwalter hatte ihn von seinem Vater übernommen mit dem Auftrag, alles so zu bewahren. Das erzählt zumindest einer der früheren Mieter. Früher, denn inzwischen sind alle gegangen.

Mit dem Eigentümerwechsel drehte sich der Wind

Die Geschichte dazu ist kleinteilig und hat Graustufen. Sicher ist, dass sie mit den neuen Eigentumsverhältnissen begann. Als eine Architektin das Nachbarhaus kaufte, verbot sie den Gewerbetreibenden, die Zufahrt zu nutzen. Außerdem beanstandete sie beim Bezirksamt den Brandschutz und brachte damit den Stein ins Rollen, der dem Gewerbehof das Aus bescherte. Der alte Eigentümer nahm einen Investor mit ins Boot, um den notwendigen Umbau zu finanzieren, so erzählen es die alten Mieter.

Und auch mit diesem Eigentümerwechsel drehte sich der Wind. Die Mieter bekamen neue Mietverträge mit einmonatiger Kündigungsfrist und suchten sich anderswo längerfristige Perspektiven. Die Bezirksversammlung versuchte noch, bei Hamburgs Senat ein Vorkaufsrecht zu erwirken – vergeblich. Der Hinterhof ist jetzt leer.

Nun ist auch der Cantina gekündigt worden. Sie suchten neue Räume, sagt Nese Wagner vom Trägerverein Koala. Aber das ist, vorsichtig gesagt, schwierig. Im Hohenesch, einen Katzensprung vom Altonaer Bahnhof entfernt, ist die Cantina einer der wenigen Orte, wo sich Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund treffen – am Stadtrand wäre das kaum der Fall.

Aber die Mieten in Ottensen sind so hoch, dass Koala, der von der Stadt und dem Europäischen Sozialfonds gefördert wird, sich die kaum wird leisten können. Die alte war wegen des langjährigen Mietvertrags günstig.

Es gibt deprimierend wenig Antworten in diesen Gentrifizierungsgeschichten, die immer ein bisschen unterschiedlich sind, und doch gleich enden

Inzwischen haben einige Medien kritisch über die Kündigung berichtet und vielleicht ruft deshalb der Vermieter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, bei der taz an. Die Kündigung sagt er, sei wegen des Sanierungsbedarfs alternativlos, und ein Weiterbetrieb der Cantina während der Arbeiten nicht möglich. Aber er helfe, so gut er könne, bei der Suche nach neuen Räumen. Und was wird aus den alten? Dazu könne er nichts sagen, der Umbau sei zu unwägbar.

Die Politik, zumindest die Linke, will noch nicht aufgeben. Sie hat mit einem Antrag den Bezirk zu Gesprächen mit dem Vermieter aufgefordert. Die Politik solle „eine baufachlich und wirtschaftlich langfristig tragfähige Absicherung der Stadtteilkantine am Standort Hohenesch 68“ aushandeln. Praktisch bedeutet das, eine höhere Miete zu sponsern.

Das kann der Linken nicht leicht gefallen sein. Und es zeigt, wie schwierig das Problem ist. Der Vermieter sagt nicht, welche Mie­te­r:in­nen er sich künftig wünscht. Und er schweigt, wenn man sagt, dass eine Sanierung ja vermutlich anders aussähe, wenn man die Erhaltung der Cantina zur Priorität machte. Es gibt deprimierend wenig Antworten in diesen Gentrifizierungsgeschichten, die immer ein bisschen unterschiedlich sind, und doch gleich enden.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Friederike Gräff
Redakteurin taz nord
Ausgebildet an der Deutschen Journalistenschule. Interessiert sich dafür, was Menschen antreibt, sei es in Gerichtsprozessen oder in langen Interviews. Hat ein Sachbuch übers Warten geschrieben, "Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands", Chr.Links Verlag und eines übers Schlafen "Schlaf. 100 Seiten", Reclam. Im Februar 2025 ist ihr Erzählband "Frau Zilius legte ihr erstes Ei an einem Donnerstag" bei Schöffling erschienen.
Mehr zum Thema

0 Kommentare