Sprachförderung in der Kita: Sprechen mit Rossmann
Mit dem Programm „Klasse 0“ wollen Konzerne gezielt Kinder mit Sprachdefiziten fördern. Der Kitaverband fordert stattdessen stabile Rahmenbedingungen.
Foto: Bernd Thissen/dpa
Das von der Drogeriekette Rossmann und weiteren Unternehmen finanzierte Programm „Klasse 0“ kommt auch Kindern in Berlin zugute. An Grundschulen in Hohenschönhausen, Lichtenberg und Kreuzberg erhalten Kitakinder damit zwei Mal pro Woche für je zwei Stunden eine besondere Sprachförderung. Sie soll ihnen den Übergang in die Grundschule erleichtern. Die Schulen bekommen dafür von Rossmann und der Initiative „Wir für Schule“ jeweils bis zu 8.000 Euro, etwa für pädagogisches Personal, Materialien oder Aufwandsentschädigungen für Ehrenamtliche. Bundesweit nehmen bisher rund 140 Schulen teil, wobei nach Angaben des Unternehmens mehr als 250 Schulen Interesse hätten.
Die Idee kommt von einer Grundschule in Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz. Die Schulleiterin hatte ihr Konzept in einer Talkshow vorgestellt und von den Bedarfen an ihrer Schule erzählt. Der Rossmann-Geschäftsführer wollte „direkt und unbürokratisch helfen“ und stellte 1 Million Euro zur Verfügung, um das Konzept auch an andere Schulen zu bringen.
Dass dies im Prinzip nur der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“ ist, räumen sie beim Konzept „Klasse 0“ selbst ein. „Die Aufgabe hat ohne Frage eine politische Dimension und bedarf entsprechender Maßnahmen. Diese geschehen allerdings aktuell nicht oder bestenfalls partiell“, schreibt die Initiative auf ihrer Webseite. Ihr Programm sehen sie als „Innovationsschub von außen“, der nur punktuell erfolgen könne.
Zum Vergleich: In Berlin allein gibt es rund 450 Grundschulen. „Im Schnitt haben in jeder ersten Klasse acht Kinder solche gravierenden Rückstände, dass sie nicht aufholbar sind“, sagte Guido Richter, der Vorsitzende des Verbandes Berliner Grundschulleitungen (VBGL) dem Tagesspiegel. Er kritisierte darin auch, dass die Bezirke die gesetzliche Pflicht von 18 Monaten Sprachförderung vor der Einschulung nicht umsetzen würden – da könne die private Förderung gut unterstützen.
Staatliche Aufgaben – externe Akteure
Beim Kitaverband in Berlin begrüßen sie grundsätzlich „jedes Engagement zur Unterstützung von Sprachförderung in Bildungseinrichtungen“, schreibt der Verband der kleinen und mittelgroßen Kitaträger in Berlin (VKMK) in einer Stellungnahme. Doch die Sprachförderung über Unternehmen zeige, wie staatliche Bildungsaufgaben zunehmend auf externe Akteure verlagert würden. Dies könne ungleiche Bildungschancen verfestigen.
„Wenn externe Akteure in die Sprachförderung einbezogen werden müssen, verweist dies nicht auf ein innovatives Modell, sondern auf eine fehlende strukturelle Kohärenz in der Bildungspolitik“, sagt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK – Der Kitaverband. Der VKMK vertritt die Interessen der freien und unabhängigen Kindertageseinrichtungen in Berlin.
Der Verband sieht das Problem außerdem auf einer strukturellen Ebene. Denn seit der Novelle des Kita-Fördergesetzes im vergangenen Jahr würden grundsätzlich die Kinder gefördert, die auch Transferleistungen (BuT) bekämen.
Sprachförderbedarf entstehe aber aus verschiedenen Faktoren, etwa sprachlichen Umweltbedingungen, Bildungsnähe im Elternhaus, frühkindlicher Interaktionsqualität sowie individuellen Entwicklungsverläufen, erklärt der Verband. Es bestehe das Risiko, dass mit dieser Logik systematisch viel zu wenige Kinder gefördert würden. Eine Förderung müsse sich an individuellen Sprach- und Entwicklungsbedarfen orientieren. Der Verband spricht davon, dass bis zu 60.000 Kinder „mit erwiesenem Unterstützungsbedarf“ durchs Raster fallen könnten.
Dabei leisteten die Kitas schon gute Arbeit, bei wachsenden Anforderungen. „Die Einrichtungen verfügen über Kompetenz, Personal und pädagogische Konzepte, um Kinder individuell zu fördern. Was fehlt, sind verlässliche, langfristig tragfähige und bedarfsgerechte Rahmenbedingungen“, kritisiert VKMK-Geschäftsführer Békési. Und diesen verlässlichen Rahmen müsse eben wiederum die Politik bereitstellen.
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