Spielfilm „The Day She Returns“: Sie hätte jetzt wirklich gern ein Bier
„The Day She Returns“ von Hong Sang-soo zeigt ein Interview in mehreren Variationen. Mit einfachen Mitteln entsteht etwas Komplexes.
Der koreanische Regisseur Hong Sang-soo pflegt einen reduzierten Stil. In seinen Filmen verbringen die Figuren viel Zeit damit, zusammenzusitzen und sich zu unterhalten. In der Regel trinken sie dazu Alkoholisches wie Soju. Mit geringem Budget und einfachen Mitteln gedreht, wirken seine grobkörnigen Bilder leicht dilettantisch, sind aber genau komponiert.
Seit einiger Zeit reduziert Hong Sang-soo diesen Ansatz mehr und mehr, ein vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist „The Day She Returns“, der auf der Berlinale in der Sektion Panorama läuft. Der Film zeigt wenig mehr als zwei Orte, das Innere eines Restaurants und später ein Schauspielstudio. Auch die Figuren sind minimal angelegt, ebenso wie die Handlung.
Eine bekannte, im Film namenlose Schauspielerin (Song Sunmi) fängt nach langer Pause wieder an zu arbeiten. Als Comeback hat sie eine Rolle in einem Independent-Film übernommen. Zu erleben ist sie an einem Interviewtag, bei dem sie mit drei verschiedenen Journalistinnen spricht. Die drei Gespräche sind in mehr oder minder derselben statischen Kameraeinstellung gefilmt, man schaut schräg seitlich auf die Schauspielerin an einem Restauranttisch mit einer der Journalistinnen, im Hintergrund blickt man durch eine großzügige Glasfront ins Freie.
„The Day She Returns“:
21. 2., 20 Uhr, Urania
22. 2., 16.15 Uhr, Cubix 7
Die Schauspielerin trifft auf recht unterschiedliche Pressevertreterinnen. Da ist die Studentin, die sich ihrer Rolle unsicher ist. Eine andere Journalistin spricht mehr als Fan denn als Profi zu ihr. Die dritte wiederum ist professionell-nüchtern. Auf alle von ihnen reagiert die Schauspielerin locker, zeigt sich offen, beantwortet einige Fragen recht ähnlich, bei anderen kommt sie auf neue Aspekte zu sprechen. Alle wollen von ihr wissen, warum sie so viele Jahre abwesend war. Sie habe sich nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer Tochter mehr um deren Erziehung kümmern wollen, lautet ihre Auskunft.
Wenige Momentaufnahmen runden sich zu einem Bild
Auch das Thema Alkoholkonsum kommt zur Sprache. So weist die Schauspielerin stets darauf hin, dass sie in einem Restaurant mit deutscher Küche und deutschem Bier sitzen. Sie fragt zudem jede der Journalistinnen, ob sie das Bier einmal probieren wolle. Zwischen den Interviews wechselt die Szenerie kurz nach draußen vor die Gaststätte, zeigt die Schauspielerin aus verschiedenen Perspektiven beim Rauchen.
Mit dem ersten richtigen Ortswechsel kippt auch die Tonlage des Films etwas. Im Schauspielstudio soll die Schauspielerin die Interviewsituation nachstellen und ihre gegebenen Antworten wiederholen. Doch wo sie zuvor lebhaft und geistreich gewesen war, spricht sie jetzt monoton, muss immer häufiger in ihren Notizen aus den Gesprächen nachlesen.
In diesen wenigen Momentaufnahmen rundet sich ein Bild aus Andeutungen, aus dem man eigene Schlüsse ziehen kann. Hong Sang-soo mag seine Herangehensweise in diesem Film lediglich geringfügig variieren, die scheinbar schlichte Geschichte erweist sich jedoch als überraschend komplex.
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