Spiegel-Interview mit Sandra Ciesek: Das Dilemma mit kritischen Fragen

Der „Spiegel“ hat die Virologin Sandra Ciesek im Interview „Quotenfrau“ genannt und später relativiert. Dabei sollte er die Kritik als Gewinn sehen.

Sandra Ciesek im Close-Up auf einem Podium

Die Virologin Sandra Ciesek war wenig amüsiert über die Fragen Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Twitter kann die Hölle sein. Scharf, zynisch, platt. Aber Twitter kann auch eine Bühne für interessantes Denken sein, klug, nuanciert, auf den Punkt. Es ist nicht immer einfach zu unterscheiden, wo die Denkarena endet und die Hölle anfängt. Dass klassische Medien damit schwer umgehen können, zeigte gerade der Spiegel.

Der veröffentlichte ein Interview mit der Virologin Sandra Ciesek. Ciesek ist Professorin für Virologie und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie in Frankfurt. Sie tritt im Wechsel mit Christian Drosten im Corona-Podcast des NDR auf. Im Spiegel-Interview ging es aber erst einmal um ihr Geschlecht: „Frau Professor Ciesek, seit September sind Sie alle zwei Wochen im Wechsel mit Christian Drosten im NDR-Corona-Podcast ‚Coronavirus Update‘ zu hören. Ihnen ist klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“

„Christian Drosten hat sich im Laufe der letzten Monate zu einem Popstar entwickelt, dem jetzt auch noch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen wurde. Sie hingegen sind ‚die Neue an Drostens Seite.‘“ Und: Cieseks erste Folgen klängen „nach Volkshochschule“, ob das demnächst spannender werden würde?

Kein Mann würde in Interviews so auf sein Geschlecht reduziert, kritisierten Twitter-NutzerInnen. Die Spiegel-RedakteurInnen verteidigten ihre Fragen als „kritisch“, „frech“ und „provokant“. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, wenn sie das wirklich wären. Nur zeigt ein anderes Interview, wie „kritisch“ und „provokant“ Cieseks männliche Kollegen befragt werden. Im Mai interviewten dieselben Redakteurinnen, die jetzt Ciesek interviewt haben, Christian Drosten. Die ersten Fragen damals waren: „Herr Professor Drosten, Ihr Podcast wird millionenfach abgerufen, auf Twitter folgen Ihnen mehr als 300.000 Menschen, jeder Tweet wird hundertfach geteilt und tausendfach gelikt – wie gefällt Ihnen Ihre neue Berühmtheit?“, „Werden Sie auf der Straße angesprochen?“ und: „Wäre Deutschland ohne Sie schlechter vorbereitet in die Pandemie geschlittert?“

Das Drosten-Interview klingt wie Heldenverehrung

Da ist wenig Provokantes, Freches, Kritisches drin. Das liest sich eher wie Heldenverehrung. Der Spiegel konkretisierte nach der aktuellen Kritik eine Frage an Sandra Ciesek in der Onlineversion des Interviews. Eine der Interviewerinnen schob die Verantwortung für die Fragen dennoch Ciesek selbst zu, die doch bitte im Interview hätte deutlich machen sollen, dass sie mit den Fragen nicht einverstanden sei.

Klar, es ist anstrengend und nervig für JournalistInnen, dass auf Twitter, Facebook und Instagram jedeR Medienkritik äußern kann. Wofür man früher Briefpapier, einen Füller und eine Briefmarke brauchte, braucht es heute nur einen schnell getippten Tweet. Aber genau das ist auch ein Gewinn, weil es ermöglicht, dass wir transparenter und offener über unsere Arbeit und ihre Fehler sprechen könnten. Beim Spiegel allerdings richten sie die „kritischen Fragen“ diesmal lieber an die anderen statt an sich selbst.

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