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Spektakel im Berliner ZooTiere, Bäume, Sensationen

Im Berliner Zoo werden übrig gebliebene Weihnachtsbäume verfüttert. Medien lieben so was. Es läuft aber nicht ganz so wie geplant.

Auch große Katzen spielen gern: ein Tiger und sein Weihnachtsbaum im Berliner Zoo Foto: Nikita Teryoshin

Sonja guckt neugierig, kommt aber keinen Schritt näher. Alice und Milo stehen noch weiter hinten, und von Xena ist nicht mal etwas zu sehen. Für die übrigen Anwesenden ist das jetzt etwas ungünstig. Denn sie sind gekommen, um Sonja und Co beim Weihnachtsbaumverzehr zu fotografieren, sauber aufgereiht stehen sie am Rentiergehege des Berliner Zoos, ein Teleobjektiv länger als das nächste. Aber die Tiere bleiben in sicherer Entfernung. Dabei hatte Milo kurz zuvor, als die Bäume noch auf dem Gehweg lagen, schon seine Schnauze durchs Geländer gestreckt.

Seit Jahrzehnten verteilt der Berliner Zoo nach Weihnachten unverkaufte Christbäume an seine Tiere. Er bekommt sie von ausgewählten Händlern, die ihre Bäume unbehandelt lassen. Mehrere Hundert sind so dieses Mal zusammengekommen, laut Zoo bieten sie den Tieren mit ihren ungewohnten Gerüchen, Oberflächen und Strukturen „eine besondere Form der Anreicherung“. Manche Tiere fressen die Zweige, andere nutzen sie als Spielzeug oder schubbern ihren Rücken daran. Viel Neues passiert in Gefangenschaft ja sonst auch nicht.

Anchali, mit 13 Jahren die Jüngste, schnappt sich den Baum mit ihrem Rüssel Foto: Nikita Teryoshin

Exotische Tiere, Weihnachten, Recycling – diese Kombination überrascht, ist griffig, putzig und bildstark. Journalisten lieben so etwas. Entsprechend viele Foto- und Filmanfragen erreichen den Berliner Zoo, der diese zu einem Termin bündelt. Bei dem werden dann an mehreren Stationen Bäume frisch ausgeteilt, auch wenn sie in anderen Tiergehegen längst stehen oder hängen, wie etwa bei den Wisenten oder den Tigern.

Am ersten Montagmorgen des neuen Jahres stapft also eine kleine Journalistenkarawane durch den Zoo. Es wird eifrig geplaudert, das große Thema sind aber nicht die Tiere, sondern der tagelange Stromausfall im Südwesten der Stadt. Eine Fotografin erzählt von ihrer frustrierenden Motivsuche vor Ort. Längst nicht alle Straßenlaternen seien ausgefallen, in den wenigen dunklen Straßen würden die Menschen nicht wie erhofft mit Taschenlampen herumlaufen, und in die von Kerzenlicht erleuchteten Wohnungen könne man nicht rein – die Klingeln würden ja auch nicht funktionieren.

Denn darum geht es: Ein Ereignis, eine Erzählung in nur einem einzigen Motiv festzuhalten. Auch hier im Zoo. Doch dafür müssten die Rentiere jetzt mal zu den Bäumen gehen, die ein Tierpfleger schwungvoll ins Gehege geworfen hat. Sie tun es nicht. Die Karawane zieht weiter, zu den Elefanten. „Eine Bank“ seien die, verspricht die Pressesprecherin. Und tatsächlich, kaum sind die feuerwehrtorgroßen Türen des Elefantenhauses offen, trabt Anchali, mit 13 Jahren die Jüngste, los. Mit ihrem Rüssel hebt sie nacheinander zwei Bäume hoch, danach ist eine mit Futter gefüllte Kugel erst einmal spannender.

Auch gegenüber bei den Sibirischen Steinböcken werden nun ein paar Tannen platziert. Der Bock mit den längsten Hörnern schaut sich das gleich mal an – doch da hasten die Fotografen schon wieder zurück, denn Anchali hat sich einen weiteren Baum geschnappt. Und Elefanten verkaufen sich einfach besser, da kann der Steinbockhügel noch so pittoresk verschneit sein.

Die Sibirischen Steinböcke bekommen nicht ganz so viel Aufmerksamkeit Foto: Nikita Teryoshin

Weil das alles noch ein wenig unbefriedigend ist, improvisiert das Presseteam flugs eine vierte Station: Ein weiterer Baum wird mit essbaren Süßkartoffelscheiben geschmückt und bei den Pandas platziert. Bewacht von ihrer Mutter toben, tapsen und hampeln die Nachwuchsbärinnen Leni und Lotti um ihn herum, und die Fotografen drängeln sich am Geländer, das hier ziemlich eng ist.

Inzwischen sind auch reguläre Besucher mit im Zoo und einer fragt, ob sein Kind mal nach vorne darf. Aber keine Chance. Nicht, wenn das Motiv gerade stimmt.

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