Soziologe über Hochschulreform in Bayern: „Eher Gefahr als Chance“

Bayern will seine Hochschulen reformieren. Dabei könnte die demokratische Mitbestimmung auf der Strecke bleiben, befürchtet Stephan Lessenich.

Student sitzt vor einem Laptop, auf dem ein Erklärvideo läuft.

Umsatz- und Gewinnrechnung per Video. Kritiker fürchten eine Ökonomisierung der Hochschulen Foto: Armin Weigel/dpa/picture alliance

taz: Herr Lessenich, Bayerns Hochschulen sollen künftig agiler, wettbewerbsfähiger, freier werden – so sieht es ein Eckpunktepapier des baye­rischen Kabinetts vor. Klingt doch super, oder?

Stephan Lessenich: Na ja. Für mich klingt das eher wie ein verspätetes Wiederaufleben des Neoliberalismus. Ich erinnere mich, dass es vor etwa zwei Jahrzehnten, als ich noch in Göttingen war, schon mal so eine Welle gab, wo es hieß, die Hochschulen bräuchten mehr Autonomie – der Göttinger Universität hat das damals nicht unbedingt gutgetan. Inzwischen sind wir doch eigentlich schon weiter und sehen, dass es eine gewisse staatliche Rahmung nicht nur im Bildungswesen braucht.

55, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sein Schwerpunkt liegt auf sozialen Entwicklungen und Strukturen.

Bernd Huber, Ihr Präsident, ist aber sehr angetan von den Plänen.

Wenn ich Universitätspräsident wäre, wäre ich auch angetan. Der Handlungsspielraum von Hochschulleitungen im Verbund mit den Hochschulräten wächst schließlich massiv, wenn diese Reform Gesetz wird. Mir würde es als Präsident auch gut gefallen, wenn ich da beispielsweise meine Vorstellung von demokratischer Hochschule realisieren könnte. Aber so wie die Dinge stehen und wie die derzeitigen Universitätsleitungen gestrickt sind, muss man davon ausgehen, dass die neue Freiheit kaum zur Demokratisierung der Hochschulen genutzt werden wird. Deshalb sehe ich da eher eine Gefahr als eine Chance.

Markus Söder

Wird von tausend Professorinnen und Professoren für die Reformpläne kritisiert: Markus Söder Foto: Frank Hoermann/Simon/imago

Was befürchten Sie?

Meine größte Befürchtung ist, dass alle Formen demokratischer Mitbestimmung von den Instituten über die Fakultäten bis zur Gesamtuniversität auf der Strecke bleiben. Eine zukünftige Universitätsleitung könnte sagen, dieser ganze Mitbestimmungskram, das brauchen wir nicht mehr, ab jetzt gibt es eine schlanke Hierarchie mit ganz wenigen Entscheidungsinstanzen. Von Wahlen der Gremien ist in dem Eckpunktepapier ja auch gar keine Rede mehr. Von Gleichstellungsbelangen im Übrigen auch nicht.

Aus dem Zweiklang Forschung und Lehre soll nach dem Willen der bayerischen Regierung künftig ein Dreiklang Forschung – Lehre – Transfer werden.

Damit habe ich zunächst einmal kein Problem – auch wenn viele Hochschullehrerinnen und -lehrer, die die Wissenschaftsfreiheit hochhalten, sich extrem an diesem Transfer-Gedanken stören. Für mich steht fest, dass es einen öffentlichen Auftrag für Hochschulen gibt, mit ihrem Wissen und ihrer Expertise auch in die Gesellschaft zu wirken. Deshalb kommt es eher darauf an, wie diese Aufgabe ausbuchstabiert wird.

Die Hochschulreform ist Teil von Markus Söders „Hightech Agenda Bayern“, die bis 2023 Milliardeninvestitionen in moderne Technologien vorsieht. Da liegt nahe, dass hier doch eine sehr spezielle Art von Transfer gemeint ist.

Das stimmt. Und wenn hier nur die Überführung von technischem Know-how in die wirtschaftliche Verwertung gemeint ist, besteht natürlich die Gefahr, dass künftig bestimmte Fächer und Fakultäten, die dieser Transfer-Vorstellung nicht entsprechen, etwa bei der Vergabe von Geldern leer ausgehen könnten.

Sie meinen die Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die wären wohl besonders in Gefahr. Das ist ja überhaupt ein Geburtsfehler dieser Hochschulreform, dass sie in den Kontext der Hightech-Agenda gestellt wird. Dabei sind das einfach zwei Paar Schuhe. Egal, wie man zur Hightech-Agenda steht: Man sollte sie nicht mit der Hochschulreform koppeln.

Immerhin sollen die Hochschulen auf diese Weise fit für den internationalen Wettbewerb gemacht werden.

Diese Illusion, wir wollen wie Harvard, Stanford oder ähnliche Kaliber werden, ist doch wirklich abgeschmackt. Das war vor 20 Jahren der Hype. Dabei wissen wir doch, dass die deutsche Hochschullandschaft völlig anders institutionalisiert und gewachsen ist. Jetzt diesen alten Hut Harvard wieder hervorzuzaubern, passt zwar zu dem baye­rischen Großkopfertentum, ist aber im Grunde nur peinlich.

Können Sie denn die Befürchtung gar nicht nachvollziehen, dass Deutschland international ins Hintertreffen gerät? Es ist ja tatsächlich so, dass beispielsweise Spitzenkräfte aus der Wissenschaft in anderen Ländern Bedingungen geboten bekommen, von denen ihre Kollegen in Deutschland nur träumen können.

Deutschland ist eine der reichsten Industrienationen der Welt und in etlichen Bereichen auch Weltmarktführer. Natürlich gibt es Bereiche, wo wir mal nur auf Platz fünf oder sieben oder zwölf von 225 Nationen sind. Wenn man natürlich immer und überall der Weltmeister sein will, hat man ein Problem. Aber das sind wirklich altertümliche Wachstumsvorstellungen. Mit einer klugen, nachhaltigen Entwicklung hat das nichts zu tun.

Was würden Sie sich denn von einer Hochschulreform erwarten?

Zum einen einen entschiedenen Demokratisierungsprozess, der auch das Mitspracherecht der Studierenden und des Mittelbaus stärkt. Zum anderen, dass man die Lehre mehr in den Mittelpunkt stellt und wertschätzt. Schließlich leben wir Hochschulen doch davon, dass wir Studierende haben, die etwas anfangen können mit dem, was wir machen.

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