Soziale Ungleichheit und Corona : Ungute Erinnerungen
Haben Kulturschaffende für Krisenzeiten einfach den falschen Beruf gewählt? Die Ungleichverteilung von Coronahilfen führt zur Entsolidarisierung.
Foto: Jens Jeske
D ass die Sozialfront wegen Corona unübersichtlich geworden ist, ließ sich kürzlich in Berlin beobachten. Freiberufliche KünstlerInnen hatten zur Demo aufgerufen, sie forderten ein „Existenzgeld“ für die Freiberufler, ähnlich dem Kurzarbeitergeld für Angestellte. Die freiberuflich Kulturschaffenden seien nicht berücksichtigt worden in den Rettungspaketen der Bundesregierung, hieß es.
In den sozialen Netzwerken folgten hämische Kommentare: Die KünstlerInnen sollten sich halt einen richtigen Beruf suchen. Überhaupt gebe es ja Hartz IV und wie die Demonstrierenden dazu kämen, sich für was Besseres zu halten als andere Arbeitslose. Man hatte den Eindruck, dass Schwache auf Schwache dreinschlagen und das ist immer ein beklemmender Anblick.
Das Opfer-Ranking in der Pandemie folgt nicht den alten Mustern von Gewinnern und Verlierern. Während Beschäftigte im Lebensmittelhandel nicht auf Kurzarbeit gehen, sah und sieht es bei Personal in der Gastronomie anders aus. MusikerInnen, freiberufliche DozentInnen, ReiseleiterInnen: Die menschennahe Dienstleistung, erst recht im Kulturbereich, ist zerschlagen.
Damit werden die materiellen Folgen von Corona individualisiert. Das erlebt jede, die Leute kennt, die ein paar zehntausend Euro durch weggebrochene Aufträge verloren haben, während andere unbeschadet durch die Krise gehen, abgesichert durch Festanstellung und die Möglichkeit zum Homeoffice.
Folgen der Entsolidarisierung
Die Ungleichverteilung führt zur Entsolidarisierung, und welche Folgen das im Wahlkampf 2021 haben wird, wenn die Wirtschaft coronabedingt weiter unter Druck steht und der Spielraum eng wird, das ist die Frage. Mit welchen Programmen wenden sich die Parteien an welche Gruppen?
Ungute Erinnerungen werden wach an die 90er und nuller Jahre, als die Wirtschaft schwächelte und das Wohl der Unternehmen ganz oben stand und alles rechtfertigte, den Angriff auf die Gesundheitsleistungen, auf die Renten, auf die Arbeitslosenunterstützung, dann die Sparpakete. Dem muss man vorbauen.
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