Solidarität unter Frauen im Alter: Von der Kunst des Kümmerns
Im Alter zeigen sich die Grenzen der Frauensolidarität untereinander. Wie kann gute Freundinnenschaft trotzdem gelingen?
Suse, 74, ist tapfer und schwerkrank, gehbehindert und kann kaum noch Gemüse schneiden. Die Berlinerin, deren voller Name nicht in der Zeitung stehen soll, hat keine Familie, die sich kümmern könnte, keine Kinder, keinen Partner. Aber zwei Freundinnen hat sie noch. Suse hat einen Pflegegrad beantragt und sie weiß, der Gutachter wird bei seinem Besuch fragen, wer sie denn im Alltag unterstützt. Keine Angehörigen? Eine Freundin vielleicht? Ist Freundin Martina, 70, bereit, sich als Helferin, als „Pflegeperson“ nennen zu lassen? Martina, die fast jede Woche kommt und Suse auch schon mal beim Haarewaschen geholfen hat?
Nein, Freundin Martina will sich nicht eintragen lassen als eine „Pflegeperson“, als eine von Suses Helferinnen. Es ist ihr zu verbindlich, auch wenn eine solche Eintragung keine formalen Folgen hat. Die Hilfe beim Haarewaschen der geschwächten alten Freundin fühlte sich schon irgendwie merkwürdig an, fast etwas zu nah. Der eigenen alten und pflegebedürftigen Mutter hatte Martina schon mal beim Haarewaschen geholfen, klar. Aber bei einer langjährigen Freundin, die man einst als so vital, naturliebend und wanderbegeistert kannte?
Freundschaften, schreiben die Soziolog:innen Janosch Schobin und Sabine Flick, „sind hinsichtlich der fürsorglichen Erwartungen, die die Freund:innen legitim aneinander haben können, nicht von vornherein ausdifferenziert“. Zwar gelte dies in Partnerschaften und Familien auch immer weniger, dennoch könnten sich diese Lebensformen auf „bestimmte, tradierte Normalformerwartungen berufen, wenn es an die Frage geht, wer wem welche Art der Zuwendung schuldet“.
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Normen für Freundschaften, für Solidarität unter alten Frauen gibt es aber nur wenige. Dabei stellt sich die Frage danach besonders in einer Gesellschaft, in der 32 Prozent der Frauen im Alter von über 65 Jahren und 54 Prozent im Alter von 75 bis 85 Jahren alleine leben. Oft sind gar keine Familienmitglieder mehr vor Ort.
Fest steht: Es gibt Grenzen der Solidarität, erst recht unter alten Frauen, die in der gleichen Lebensphase womöglich beide schwächeln. „Leibesbezogene Pflege“ etwa sei in Freundschaften „nicht üblich“, schreiben Schobin/Flick im Reader „Freundschaft heute“. Deren schon etwas ältere Statistik weist weniger als zehn Prozent der Pflegehaushalte aus, in denen sich auch Freunde und Bekannte an der Körperpflege beteiligten.
Auch beim Geld „hört die Freundschaft“ auf, wie es oft heißt. „Geldverkehr“ in Freundschaften, darunter das Verleihen von Geld, sei selten, stellen die Soziolog:innen fest. Dabei macht sich gerade im Alter die Kluft zwischen Wohlhabenden und Altersarmen unter langjährigen Freundinnen unangenehm bemerkbar. Die Freundin auf Grundsicherung kann eben nicht zum Wellness-Urlaub mitkommen oder beim Edelitaliener speisen. Die wohlhabende Freundin kann entweder einladen oder sich den ärmeren Lebensverhältnissen anpassen, dann geht man eben zusammen wandern und lädt sich gegenseitig zum Essen nach Hause ein.
Das Problem bei der Solidarität unter alten Frauen sind die Erwartungen und gegenseitigen Überforderungen. Das fängt schon bei der Kommunikation an. Wer textet wen am meisten mit Sorgen und Krankheiten zu? Therapeut:innen raten zerstrittenen Paaren dazu, sich gegenseitig jeweils 15 Minuten zuzuhören, im Wechsel, dabei nicht zu unterbrechen und zu bewerten. Eine ähnliche Achtsamkeit klappt auch unter Freundinnen: Das Zuhören ohne zu unterbrechen oder ungebeten Ratschläge zu erteilen, nicht gleich auf die eigene Betroffenheit hinweisen, sparsam mit Negativem umgehen, die Redeanteile einigermaßen gerecht verteilen – das ist eine Kunst der Kommunikation unter Freundinnen im Alter.
Distanz muss Solidarität nicht schwächen, sondern kann sie stärken. Das gilt erst recht für Wohnprojekte im Alter. In einem der frühesten Frauenwohnprojekte in Göttingen zu Beginn der 90er Jahre siezten sich die Bewohnerinnen untereinander. Die feministische Sachbuchautorin Marilyn Yalom schrieb in ihrer Kulturgeschichte „Freundinnen“, dass sich in den USA inzwischen viele Jurist:innen mit der Vertragsgestaltung für „weibliche“ Wohnprojekte beschäftigen, damit die Verpflichtungen, Kosten und vor allem die Privatsphäre untereinander für Frauen im Alter rechtlich geregelt sind.
Zu viel Nähe, zu viele unerfüllte Wünsche, können am Ende jede Solidarität im Alter zerstören. „Du erinnerst mich an meine Mutter!“ ist ein Killersatz, denn er ist meistens negativ gemeint.
Bei Suse kommt jetzt regelmäßig eine Helferin vom Pflegedienst vorbei. Martina besucht Suse, die kaum noch aus dem Haus geht, weiterhin alle ein, zwei Wochen. Suse wird immer stiller, die Krankheit schreitet voran, sie nimmt Opiate. Zusammen Fernsehen gucken, Essen mitbringen, über Vergangenes und dosiert über gegenwärtige Probleme reden, das macht jetzt die langjährige Freundschaft aus.
Die Erwartungen an ihre Freundinnen habe sie reduziert, sagt Suse. Aber die Wertschätzung für Martina, die ihr verlässlich, wenn auch in Abständen, Gesellschaft leistet, die sei „eher gestiegen“. Vielleicht kommt es am Ende vor allem darauf an.
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