Situation auf den griechischen Inseln: Schlimmer als in Moria

450 Hilfsorganisationen und 160.000 Unterstützer:innen appellieren an die EU: Die Lage auf den Inseln Chios, Samos und Lesbos sei weiterhin menschenunwürdig.

Obdachlose Geflüchtete sitzen am Rand einer Landstrasse mit Decken und kleinen Zelten im Hintergrund

Für die Geflüchteten auf Lesbos hat sich die Lage nach dem Brand in Moria noch verschlechtert Foto: Murat Turemis

BERLIN taz | Mehr als 450 Hilfsorganisationen, Netzwerke und Gruppen sowie 160.000 weitere Personen fordern ein Umsteuern im Umgang mit Geflüchteten auf den griechischen Inseln. „Genug ist genug! Wir bekräftigen unsere Forderung danach, diese Menschen in sichere und menschenwürdige Unterkünfte zu bringen. Auch andere europäische Staaten müssen die Schutzsuchenden aufnehmen, um die Situation auf den griechischen Inseln zu entlasten“, fordern sie in dem unter anderem von Legal Centre Lesvos, Ärzte ohne Grenzen und Refugee Rights Europe initiierten Appell.

Der Aufruf an die Politiker*innen der EU und ihre Mitgliedsländer kommt einen Monat nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos. Dort hatten in den vergangenen Jahren zeitweise in schlimmsten Umständen bis zu 20.000 Menschen gelebt – in einer Einrichtung, die nur auf rund 2760 Menschen ausgelegt war. Derzeit leben noch mehr als 7500 Schutzsuchende in einem neu errichteten Camp bei Kara Tepe an der Küste von Lesbos, unter unmenschlichen Bedingungen, wie die Organisationen betonen.

“Die Zustände in dem neuen Lager erinnern uns stark an Moria. Unsere Patienten erzählen uns, dass ihre Situation dort sogar noch schlechter ist“, zitiert die Organisation Ärzte ohne Grenzen Marco Sandrone, ihren Einsatzleiter auf Lesbos. „Bewohner sagen, dass einige Zelte keinen Boden haben und sie auf Fels und Staub auf dem Boden schlafen müssen, dass viele Familien ihr Zelt mit anderen Familien teilen müssen und dass es nur 345 Toiletten gibt.“

Zwar konnten in den vergangenen Wochen knapp 2000 anerkannte Flüchtlinge die griechischen Inseln verlassen. Doch auch in den Registrierlagern der Inseln Chios und Samos ist die Lage weiterhin katastrophal. Im Lager Vial von Chios mit einer Kapazität für 1000 Menschen fristen zurzeit knapp 3300 Migranten ihr Dasein. Auf Samos leben knapp 4400 Menschen in und um ein Lager, das regulär 650 Menschen aufnehmen kann.

Hitze, Rattenbisse und ein Corona-Ausbruch

Um die ursprüngliche Struktur des sogenannten Reception and Identification Centre (RIC) an einem Berghang des Dorfes Vathy wohnen hier etliche Menschen in behelfsmäßigen Zelten ohne Elektrizität und ausreichende sanitäre Anlagen. Die Bewohner*innen, darunter ein Drittel Kinder, sind dem Wetter hilflos ausgeliefert: Sonne und Hitze über 32 Grad Celsius wie am Anfang der Woche sowie nun dem Regen, der am Donnerstag einsetzte. Viele leiden unter Rattenbissen, berichten von Skorpionen sowie Schlangen.

Zudem gibt es einen Corona-Ausbruch im Lager von Vathy: Mehr als 90 Menschen sind bereits positiv auf das Virus getestet worden. Seit dem Ausbruch steht das Camp unter einer Art Lockdown: Bewohner*innen sind dazu angehalten, sich zu isolieren, dürfen das Lager aber grundsätzlich verlassen.

Polizist*innen kontrollieren Ein- und Ausgänge am Haupteingang des Camps. Leider sei es auch schon dazu gekommen, dass Geflüchtete wegen des Lockdowns davon abgehalten worden seien, zu Arztterminen zu kommen, erklärte Jonathan Vigneron, Ärzte-ohne-Grenzen-Projektkoordinator auf Samos. Die Organisation betreibt dort nahe des Lagers zwei Standorte, in denen sie psychologische Hilfe leisten oder im Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit arbeiten.

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