Sinkender Grundwasserspiegel: Wacken geht das Wasser aus

Im Kreis Steinburg werden die Moorflächen immer dünner. Schuld könnte die Wasser­entnahme durch das Wasserwerk Wacken sein.

Ein Fabrikgelände hinter einem Maschendrahtzaun.

Verbraucht jede Menge Wasser: der Chemie-Industriepark in Brunsbüttel Foto: Dirk Ingo Franke/Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0 DE)

NEUMÜNSTER taz | Zerstört die Wasserentnahme für die Industrieanlagen in Brunsbüttel Moorflächen in der Nachbarschaft? Seit über 30 Jahren kämpft ein Landwirt aus Wacken gegen das Wasserwerk. Die Betreiber verweisen darauf, dass sie alle Regeln einhalten. Aber Sorgen um das Grundwasser machen auch sie sich.

Die ersten Kuhlen auf seinen Wiesen bemerkte Hans Möller aus Wacken im Kreis Steinburg Mitte der 1980er-Jahre. Der moorige Boden senkte sich – und der Landwirt hatte einen Verdacht: Pumpt das örtliche Wasserwerk zu viel ab? Möller ging der Sache auf den Grund: „Ich habe selbst Messstellen gebaut und wöchentlich gemessen“, sagt er der taz. Inzwischen hat Möller seinen Milchviehhof an seinen Sohn Hauke übergeben, aber der Kampf gegen das Wasserwerk beschäftigt ihn weiter: „Die Wiesen sehen aus wie eine Mondlandschaft.“

Gerade haben Vater und Sohn Möller eine Zusammenfassung der Messdaten an die Wasser- und Bodenschutzbehörde des Kreises Steinburg geschickt. „Die Ergebnisse beweisen, dass auf den betroffenen Flächen langanhaltend Absenkungen der Grundwasserstände auftreten, die nicht auf die klimatische Wasserbilanz, Dränagen oder Vorfluter zurückzuführen sind, sondern eindeutig dem Verlauf der Grundwasserförderung in bestimmten Brunnen des Wasserwerks Wacken folgen“, heißt es im Begleitschreiben, das der taz vorliegt.

Hinter dem Wasserwerk Wacken steckt die Entwicklungsgesellschaft Brunsbüttel mbH (Egeb), die im Auftrag der Kreise Dithmarschen und Steinburg für Wirtschaftsförderung zuständig ist. Das Wasserwerk zählt zu den größten Betrieben seiner Art in Schleswig-Holstein, es fördert an mehreren Standorten im Jahr sieben Millionen Kubikmeter Grundwasser.

Hans Möller, Landwirt aus Wacken

„Die Wiesen sehen aus wie eine Mondlandschaft“

Gebraucht wird das kostbare Nass in den Dörfern der Region, aber vor allem im Industriestandort Brunsbüttel, wo zwei Drittel der Produktion verbraucht werden. „Zahlreiche kleine Brunnen sind trocken, der Boden geht kaputt“, sagt Möller. „Ich bin mal bei Bayer gewesen und habe gefragt, ob denen klar ist, was da passiert. Die Antwort lautete: Ja, wir kennen das Problem, aber uns ist das Wasser versprochen worden.“

Möller ist in den vergangenen Jahren bereits vor Gericht gegangen, um eine Entschädigung zu erhalten und das Wasserwerk zu zwingen, weniger abzupumpen. Seine Klage wurde abgewiesen, aber das Problem sei größer denn je, sagt er: „Der Boden wird immer trockener, auch weil Regenwasser fehlt. Vom früher meterdicken Moorboden bleiben nur zwanzig Zentimeter.“ Durch die Zersetzung des Torfs würden Nitrate freigesetzt. In ihrem ­Schreiben an den Kreis fordern Hans und Hauke Möller, die Fördermenge deutlich zu reduzieren. Die Industrieanlagen könnten Oberflächenwasser verwenden, schlägt der Landwirt vor.

Diese Idee weist das Energie- und Umweltministerium in Kiel nicht grundsätzlich von der Hand: „Die Aufbereitung von Brauchwasser und Oberflächenwasser zu Prozesswasser ist technisch möglich und wird an anderen Industriestandorten realisiert“, teilt Ministeriumssprecher Patrick Tiede auf Anfrage mit. Allerdings müsse abgewogen werden, ob das sinnvoll sei, denn „eine Aufbereitung ist immer mit einem hohen Einsatz von Energie und dem Anfall von hoch konzentrierten Reststoffen verbunden“. Derzeit werde „bei der heute ausreichend vorhandenen Grundwasserneubildung“ kein ökologischer Vorteil darin gesehen.

Doch die Menge an Grundwasser, die sich auf natürlichem Weg neu bildet, schrumpft, das merkt auch Guido Austen, bei der Egeb für den Bereich Wasser zuständig: „Die vergangenen Jahre waren extrem trocken, da gibt es nichts schönzureden. Wir haben, wie in ganz Norddeutschland, eine zu geringe Neubildung.“

Dennoch hält er nichts von der Idee, Oberflächen- oder gar Elbwasser für die Industrie zu nehmen: „Die Firmen brauchen es nicht zur Kühlung, sondern verwenden es im Fertigungsprozess.“ Die Aufbereitung wäre daher zu energieaufwändig. Hans Möllers Vorwurf, das Wasserwerk gefährde Böden und Trinkwassersicherheit, weist Austen zurück: „Wir fördern nicht im luftleeren Raum, sondern haben eine Bewilligung mit umfangreichen Auflagen. Die halten wir ein.“

Infolge dieser Auflagen „setzen wir inzwischen viele von Möllers ursprünglichen Forderungen um“, sagt Austen. So seien die Mengen im Lauf der Jahre gesunken. Ursprünglich hatte das Wasserwerk elf Millionen Kubikmeter pro Jahr fördern wollen – „keine Frage, das ist zu viel“. Auch einen der aktuellen Vorschläge der Möllers würde Austen umsetzen wollen, es geht um die Stilllegung eines Brunnen: „Aber da müssen wir abwarten, was die Behörden sagen.“

Das letzte Wort hat der Kreis, aber der Fall ist auch im Kieler Ministerium bekannt. „Der Betrieb des Wasserwerks hat zu Beschwerden geführt, aber ein Zusammenhang zwischen den Bodensetzungen und der Entnahme konnte nie verlässlich nachgewiesen worden“, sagt der Sprecher.

Hans Möller ist überzeugt, dass er mit seinen neuen Daten diesen Beweis bringen kann. Er wartet nun auf eine Antwort des Kreises Steinburg.

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