Singuhr feiert 30 Jahre Klangkunst: Anarchische Apparate
Die Berliner Klangkunst-Plattform Singuhr feiert 30. Jubiläum und verwandelt Ruinen und Kuppelhallen in Orte für außergewöhnliche Hörerlebnisse.
Seit Freitagabend werden in der Berliner Innenstadt Studien zur Anarchie der Apparate durchgeführt. Und weil Anarchie mit Willkür nichts zu tun hat, lässt die Mutter der Ordnung Einkehr unbedingt zu: Das Kirchenschiff der Parochialkirche, der Zweite Weltkrieg hat in ihm gründlich aufgeräumt, beherbergt bis Montag nächster Woche in Gestalt eines schimmernden Metallzylinders einen sonderbaren Findling, welcher sich bereits bemerkbar macht, bevor er ins Auge fällt. Er sendet Posaunentöne in und aus dem weiten Raum.
„Ton-Kuppel“ hat der Künstler Bernhard Leitner seine Installation genannt, mit der vergangenen Freitag die Festivitäten zum 30. Jubiläum der Initiative Singuhr eingeläutet wurden. Seit 1996 veranstaltet Singuhr, kuratiert von Carsten Seiffarth und Markus Steffens, an ausgewählten Orten Ereignisse außergewöhnlicher Klangkunst.
Leitners Klänge wandern, sie tasten den unverputzten Backstein ab, sie nisten in den Mauerlöchern und zwischen den abgeschlagenen Wandbemalungen, zwei schemenhaften Gesichtern und einer utopischen Landkarte. Die Posaunen dröhnen und grollen gen Himmel, der hier ein einsehbares, hölzernes Dachgestühl ist; sie spielen den Choral einer noch unbenannten Religion, die mit ihren Verheißungen vorsichtig ist.
„singuhr XXX – 30 Jahre Klangkunst in Berlin“: Klanginstallationen noch bis 7. Juni; Bernhard Leitner „Ton-Kuppel“, Parochialkirche, 14 bis 20 Uhr; Akio Suzuki „oto-date berlin 2026“, Stadtquartier Klosterviertel; Infos: singuhr.de
Die Klänge korrespondieren mit dem Eisenkreuz, welches der Kunstschmied Fritz Kuhn 1961 aus gefundenen Schrotteilen anfertigte. Seine schwebende Konstruktion wirkt wie aus einer gesprengten Orgel gefertigt. Zu jeder Viertelstunde kommt noch das Glockenspiel hinzu. Es könnte ein Alarm sein oder ein Adieu.
Symphonie einer dysfunktionalen Großstadt
Wer die Parochialkirche verlässt, sollte Akio Suzukis Wanderkarte „oto-date berlin“ einstecken. Er hat Adressen und Punkte im Singuhr-Koordinatensystem markiert und empfiehlt Blick- und Hörwinkel. So geht es beispielsweise von der Littenstraße an die Spree in Richtung Märkisches Museum, und am frühen Sonntagabend bildeten Polizeisirenen, wütende Wortmeldungen und das metallische Aufkreischen der S-Bahn-Schienen zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke die nicht mehr kontemplative Symphonie einer dysfunktionalen Großstadt.
Das Doppelkonzert, mit dem Singuhr den Sonntag im Wedding in der Kuppelhalle des Silent Green ausklingen ließ, begann im Vergleich wesentlich meditativer. Mit der Landschaftsmusik „Inspiration“ brachte Sam Auinger Orte, Material und Wetter zu Gehör: Schnee, Äste, schließlich den Croton Point am zugefrorenen Hudson River. Weniger anheimelnd war dann bereits Edwin van der Heides Lautsprecher-Komposition „In Between“. Hans Peter Kuhn kombinierte in „Oh Gravitas … (wie entkomme ich Dir)“ Field Recordings verschiedenster Orte, rhythmische Figuren, versteckte Melodien und Gesang und setzte dabei auf abrupte Wechsel von harsch zu filigran.
Mit Hugo Esquinca hatte der Abend seinen Hooligan gefunden: In „INTERVENCIÓN 0526 [6.2]“ ließen sich die Wesen vernehmen, welche nach Mitternacht zwischen Putz und Tapete übereinander herfallen. Die Unberechenbarkeit der Technik hörbar machte Raul Keller mit „moondur / shifter“, einer geräusch- und rauschhaften Angelegenheit mit einem selbstgebauten Effektgerät auf der Basis eines Theremins, jenes ätherische Instrument, das berührungslos gespielt wird. Ricardo Cariobas „troubled sea of the mind“ war ein Meer aus verschachtelten Beats, Pausen und Stop-and-Go-Passagen. Es wurde getanzt.
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Robert Lippok entwickelte schließlich „Pure Love“ aus einer sphärischen Eröffnung heraus akzentuiert rhythmisch, um dann zur kammermusikalischen Koda zu finden. Da war die Kuppelhalle bereits in pinkes Licht hinter einem dezenten Nebel getaucht; und da war sie wieder, die weltliche Einkehr.
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