piwik no script img

Sieg über Polio in Afrika Impfkampagnen zahlen sich aus

Kommentar von

Katrin Gänsler

Die WHO erklärt die Kinderlähmung in Afrika für überwunden. Das darf den Blick auf die mangelhaften Gesundheitssysteme nicht verstellen.

D ie Freude ist in vielen afrikanischen Ländern zu Recht groß. Nach mehreren Rückschlägen gilt der Kontinent nach Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO seit Dienstag als frei von Polio. Das zeigt, dass die zahlreichen Impfkampagnen und die – oftmals gerne verpönte – Lobbyarbeit erfolgreich waren und bezüglich anderer Krankheiten fortgeführt werden müssen.

Das ist umso wichtiger, da die Gesundheitssysteme in zahlreichen Ländern äußerst schwach bleiben. Es mangelt an Krankenhäusern und Gesundheitsstationen. Gut ausgebildete Ärz­t*in­nen und Pflegepersonal, die es durchaus gibt, praktizieren aufgrund von sehr viel besseren Arbeitsbedingungen lieber in den USA oder Europa.

Besonders betroffen sind ländliche Regionen, wo der Weg zum nächsten Arzt mitunter viele Stunden dauert, wo es kaum Strom gibt und Medikamente und Ausrüstung fehlen. Doch nicht nur das: Der Zugang zum Gesundheitssystem ist eine Geldfrage. Krankenversicherungen sind weiterhin die Ausnahme. Damit werden theoretisch gut behandelbare Krankheiten schnell lebensbedrohlich. Das ist umso dramatischer, wenn ausgerechnet derjenige ausfällt, der das Haupteinkommen erwirtschaftet.

Was bei Polio, aber auch bei Lepra dazukommt, sind die sozialen Folgen. Die Krankheiten hinterlassen sichtbare Spuren. Das sorgt noch immer dafür, dass Menschen aus ihren Dörfern und von ihren Familien verstoßen werden. Doch auch wenn das nicht passiert, mangelt es an Behindertengerechtigkeit. Überall sind Stufen, Aufzüge – wenn es sie überhaupt gibt – funktionieren nicht zuverlässig. Minibusse und Mopeds, die vielerorts den öffentlichen Nahverkehr dominieren, stellen oft unüberwindbare Hürden dar.

Deswegen gilt nach der Freude über das Ende von Polio: Es ist erst der Anfang. Der Erfolg sollte dazu motivieren, mehr und vor allem nachhaltiger in die Gesundheitssysteme zu investieren und eine generell bessere Versorgung – etwa beim Zugang zu Trinkwasser – zu schaffen. Nur so lassen sich weitere Krankheiten zumindest eindämmen.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Katrin Gänsler Westafrika-Korrespondentin

Nach dem Abitur im Münsterland bereiste sie zum ersten Mal Südafrika und studierte anschließend in Leipzig, Helsinki und Kopenhagen Journalistik und Afrikanistik. Nach mehreren Jahren im beschaulichen Schleswig-Holstein ging sie 2010 nach Nigeria und Benin. Seitdem berichtet sie aus ganz Westafrika – besonders gerne über gesellschaftliche Entwicklungen und all das, was im weitesten Sinne mit Religion zu tun hat.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Kaboom

    Und man sieht mal wieder, wie unfassbar böse dieser Bill Gates ist. Der (oder vielmehr die Foundation) hat bekanntlich zig Millionen in Impfkampagnen gegen Polio gesteckt.

    www.gatesfoundatio...-development/polio

    Tstststs, typisch ....