Siedlergewalt im Westjordanland: Najat Jadallah, 62 Jahre alt, Schädelbruch
Eine ältere christliche Palästinenserin wird von israelischen Siedlern verletzt. Immer mehr Christ*innen im Westjordanland berichten von Attacken.
Foto: Ohad Zwingenberg/ap
Eine Frau mittleren Alters liegt mit geschlossenen Augen in einem Krankenhausbett, einen Infusionszugang in der rechten Hand, weiße Bandagen umhüllen ihren Kopf und ihr linkes Bein. Dieses Bild hat am Wochenende für Empörung in der christlichen Gemeinschaft gesorgt – bis weit über die palästinensischen Gebiete gesorgt.
Die Frau auf dem Bild ist die 62-jährige Najat Emil Jadallah, eine christliche Palästinenserin. Am Samstag haben radikale Siedler laut Medienberichten ihr Haus im Dorf Birzeit nördlich der De-facto-Hauptstadt Ramallah angegriffen und die Bewohner*innen mit Steinen beworfen. Jadallah erlitt einen Schädelbruch sowie mehrere Brüche am Bein.
„Ich habe Schmerzen. Sie haben mich geschlagen. Es tut so weh“, murmelt sie in einem Interview des katarischen Senders Al Jazeera aus ihrem Krankenhausbett. Laut der Rekonstruktion der Tochter kamen die Siedler zunächst mit ihren Schafen auf das Land der Familie. Jadallah habe sie angeschrien, daraufhin habe ein Siedler sie getreten und ihr mit einem Stein auf den Kopf geschlagen. Dann habe er nach Verstärkung gerufen und die Tür des Hauses der Familie eingeschlagen. Dort seien noch immer Dellen zu sehen.
Palästinensische Nachbarn eilten dann laut Medienberichten zu Hilfe und warfen Steine auf die Siedler. Schließlich erreichten israelische Streitkräfte das Haus, warfen Tränengas und nahmen drei Palästinenser fest, unter ihnen Jadallahs Sohn. Vier Palästinenser wurden verletzt. Das israelische Militär teilte auf Nachfrage mit, die Palästinenser hätten Steine auf Israelis geworfen und einen leicht verletzt. Die Streitkräfte hätten daraufhin einen Mann festgenommen.
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land verurteilte die Tat „scharf“. Und bestätigte: Die Verletzte sei die Mutter eines Lehrers an einer christlichen Schule in Ramallah. In einer Stellungnahme schrieb sie: „Wir bleiben in gebetsvoller Solidarität mit den Familien, dem Schulumfeld und all denen, die von dieser schweren Ungerechtigkeit gegen Menschenleben betroffen sind.“
Foto: Mohammad Nazal/Middle East Images/imago
Neue Siedlung im christlich geprägten Dorf Beit Sahour
Seit Monaten gibt es immer mehr Angriffe radikaler Siedler auf die christliche Gemeinschaft im Westjordanland. Als die taz im August und erneut im Dezember das Dorf Taybeh besuchte, klagten mehrere Einwohner über zunehmende Attacken und Provokationen. Das Phänomen habe es früher so nicht gegeben.
Neben der Zahl der Angriffe steigt auch die der Siedlungen: In Beit Sahour, einem christlich geprägten Dorf drei Kilometer östlich von Bethlehem, haben Siedler Ende des vergangenen Jahres Land für den Aufbau eines neuen, illegalen Außenpostens besetzt. Das Gebiet war einst für ein Kinderkrankenhaus gedacht, nun parken Caravans darauf. Brandneue Fertighäuser thronen auf der Hügelspitze. Einwohner*innen sagen, das Land habe früher mehreren Familien aus ihrem Dorf Beit Sahour gehört.
Vor einer Woche hat die israelische Regierung den Außenposten nachträglich legalisiert und auf den Namen Yatziv getauft. Bei der Zeremonie sagte Finanzminister Bezalel Smotrich: „Wir werden ewig hier sein. Hier wird niemals ein palästinensischer Staat entstehen.“
Immer mehr Christ*innen in den palästinensischen Gebieten denken offenbar darüber nach auszuwandern. Laut einer Studie des Forschungsinstituts Palestinian Center for Policy and Survey Research aus dem Jahr 2020 ist die Zahl doppelt so hoch wie unter Muslim*innen. Ebenso ist der Anteil der Christ*innen an der palästinensischen Gesamtbevölkerung in den Jahren stetig gesunken. Das liegt etwa an niedrigeren Geburtsraten, aber auch an der steigenden Emigration jünger Menschen.
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