Shortparis-Sänger verstorben: Die Ästhetik von Trauer
In Russland waren der experimentellen Postpunk-Band Shortparis zuletzt Auftritte verboten. Ihr Gründer und Sänger Nikolai Komyagin ist nun verstorben.
Foto: Andrei Boks/ZUMA Press/imago
In ihrer Heimat Russland hatten der Künstler Nikolai Komyagin und seine Band Shortparis zuletzt Auftrittsverbot. Kein Wunder, denn die Avantgarde-Band inszenierte das Putin-Reich vor allem in ihren Musikvideos als kalte, unmenschliche, mechanische Sphäre, sie bildete den russischen Totalitarismus vielleicht so ab wie keine andere Gruppe.
Das Mastermind der Band war der 1987 in Nowokusnezk (in der Nähe von Nowosibirsk) geborene Nikolai Komyagin, der Shortparis 2012 in St. Petersburg gründete. Inspiriert war seine Gruppe von den modernen Avantgarden, vom Futurismus, auch vom Postpunk à la DAF – wie diese entzog sie sich aber auch einer einfachen Lesart.
Im Video „Goworit Moskwa“ („Moskau spricht“, 2021) wird etwa der Faschismus Moskauer Prägung sehr direkt in Szene gesetzt, Shortparis lassen eine uniformierte Garde in einem industriellen Setting aufmarschieren, dazu trägt Komyagin Verse im elliptischen Stil vor („Im Boden des Landes / ein Loch / Im Boden des Eimers / Sagt Moskau“).
Ukraine-Krieg als Sündenfall
Vor Beginn des russischen Angriffskriegs setzte Shortparis auf eine Ästhetik, die die Gewalt, den Gleichschritt, die Gleichgültigkeit der russischen Gesellschaft direkt abbildete. Nach dem 24. Februar 2022 dagegen veröffentlichte die Gruppe das Klagelied „Yablonnyy sad“ („Apfelgarten“), das als Anti-Kriegs-Statement gelesen werden kann, in der der Ukraine-Krieg dann der Sündenfall ist („Wohin kriecht die Schlange?“).
Komyagin sagte damals im taz-Interview: „Im Moment ist es meines Erachtens unangemessen, die Sprache der Gewalt und der Aggression in der Kunst zu verwenden. Die Ästhetik von Trauer und Klage ist geeigneter, um die Botschaft zu vermitteln, die wir vermitteln wollen.“ Die Band blieb bis zuletzt in Russland, sie tourte nicht nur durch westliche Staaten, sondern auch durch China. Wie nun bekannt wurde, ist Nikolai Komyagin vorige Woche gestorben.
Der Künstler soll Probleme mit dem Herzen gehabt haben und nach dem Boxtraining verstorben sein, so das Management; die genaue Todesursache aber ist noch nicht geklärt. Für Komyagin gab es am Dienstag in St. Petersburg eine Trauerfeier, zu der Hunderte gekommen sein sollen – am vierten Jahrestag des vollumfänglichen Angriffskriegs.
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