Shifting Baselines: Klimaanpassung in ihrer absurderen Version
Ein Waldbrand ist schlimm, zwei Feuer sind schlimmer. Wenn aber drei Brände das neue Normal sind, muss sich niemand mehr über das vierte aufregen. Oder?
D as größte Problem mit der Ausrüstung war in diesem Jahr eine zerbrochene Sonnenbrille. Wenn wir sonst in Lappland wandern waren, fluchten wir über nasse Stiefel, verregnete Wochen, verschneite Wanderwege. In diesem Jahr erwischte uns eine Hitzewelle, die uns an Südfrankreich erinnerte. Sie nützte auch den Mücken, weil wir T-Shirts und kurze Hosen trugen. An manchen Abenden fragten wir uns, warum wir eigentlich in die Sauna gehen sollten, wenn wir doch auch im Zelt schwitzten.
Der Klimawandel, so eine Studie, hat die diesjährige Wärme in der Arktis zwei Grad wärmer und zehnmal wahrscheinlicher gemacht. Und wissen Sie was: Ich habe jeden Tag davon genossen.
Selbstverständlich hatte ich dabei ein schlechtes Gewissen. Aber dann dachte ich plötzlich wie die CDU: Ändern kann ich daran sowieso nichts. Und wenn ich mich ärgere, hilft das auch niemandem. Wem seit mehr als zwanzig Jahren beim Schreiben über die Klimakrise der Schreck in die Glieder fährt, der kann sich doch auch mal an ein paar hellen und warmen Nächten unter der Mitternachtssonne erfreuen, oder? Danke für Ihr Verständnis.
Aber na ja. Sobald ich dann nach der Mücken- noch die Sonnencreme aufgetragen hatte und die geflickte Sonnenbrille aufsetzte, dachte ich: Unglaublich, wie schnell wir uns an Zustände gewöhnen, die wir früher für unmöglich und untragbar hielten.
Alltäglicher Wahnsinn
Wer die Berge liebt, hat sich mit dem Verschwinden der Gletscher abgefunden. Wer am Meer Urlaub macht, findet den Plastikmüll am Strand ganz normal. Wer wandern will, informiert sich über das Waldbrandrisiko. Vom anderen alltäglichen Wahnsinn mal ganz abgesehen, der normal geworden ist: bei den Verbrechen in der Ukraine, in Gaza und in der Bananenrepublik USA.
Die schleichende Anpassung an den Irrsinn heißt in der Wissenschaft „shifting baselines“. Wir gewöhnen uns an furchtbare Zustände als Normalzustand und vergessen, was wir auf dem Weg dahin verloren haben. Also finden wir und die nächsten Generationen es ganz normal, dass die Städte zu heiß zum leben werden, weil wir sie sowieso schon den Autos als Lebensraum überlassen haben.
Seufzen und hinnehmen
Wir regen uns nicht auf darüber, dass wir jedes Jahr fast 60 Milliarden Tonnen Treibhausgase in die Luft blasen, obwohl wir unseren Reichtum auch anders sichern könnten. Wir akzeptieren, dass diese Bundesregierung die Energiewende abwickelt und den Klimaschutz als Gedöns in die Rumpelkammer stellt. Wir seufzen leise und bleiben vernünftig, wenn es vernünftiger wäre, unvernünftig zu werden.
Was wir praktizieren, ist die schlimmste Form von Klimaanpassung: die Übel annehmen, als wären sie der Normalzustand. Den Verlust unserer Lebensbedingungen hinnehmen, aus lauter Bequemlichkeit. Vor dem Raubbau an den Ozeanen, Wäldern und Böden, vor der Plastikpest, vor der im Wortsinn fossilen Verwüstung, vor der Verachtung für menschliches Leid und der Ignoranz des Immer-weiter-so und Immer-noch-mehr zu kapitulieren, weil es irgendwie normal ist.
Meine Güte. Ein paar Wochen außerhalb des alltäglichen Hamsterrads und schon kommen mir solche Gedanken. Gut, dass die Arbeit wieder losgeht.
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