Sexualisierte Gewalt im Sport: Vom Leistungssport zur Forschung
Birgit Palzkill war Kugelstoßer:in und Basketballer:in. Doch Palzkills Vermächtnis wird Forschung zu Lesben sowie sexualisierter Gewalt im Sport.
U m ein Haar wäre es nichts geworden mit der Sportkarriere von Birgit Palzkill. In der Grundschule, so erzählt Palzkill es dem Projekt „Zeitzeugen Sport“, gab es damals, in den 1950er Jahren im Heimatdorf in NRW, nämlich gar keinen Sportunterricht, aber trotzdem eine Sportnote – nach Körperfigur geurteilt. Palzkill bekam eine Vier. Und wäre danach nie selbst in den Sportverein gegangen. Glücklicherweise wird Birgit Palzkill Jahre später von einer Lehrerin in den Sportverein geschickt. Sonst nämlich wäre dem deutschen Sport eine große Pionierfigur verloren gegangen.
Pionierinnen im Sport werden oft nach Medaillen erzählt. Auch Birgit Palzkill, heute nichtbinär lebend, damals im Frauensport aktiv, hat Medaillen gesammelt. Erst als Kugelstoßer:in, 1970 Vize-Europameisterin bei den Juniorinnen. Das Ziel ist Olympia 1972, doch die westdeutschen Kugelstoßerinnen dürfen nicht mit – auch wegen fehlender Medaillenchancen gegen die gedopten Ostblockfrauen. Birgit Palzkill wechselt dann zum Basketball, wird erneut zur Leistungssportlerin und Nationalspielerin, zudem Pokalsiegerin und dreifache deutsche Meisterin.
Aber tiefere Spuren im Sport hinterlassen ja oft die, die Diskurse aufmachen, Wandel anstoßen. Dieses Bewegen im wahrsten Sinn wird Birgit Palzkills großes Vermächtnis: Palzkill ist eine der ersten Personen, die zu lesbischen Frauen im Spitzensport forscht und spricht. Und die erste Person, die 1998 eine Studie zu sexualisierter Gewalt im deutschen Sport veröffentlicht.
Schon als Sportler:in fallen Birgit Palzkill bestimmte Dinge auf. Einmal spielen sie bei einer Basketball-EM gegen Däninnen, die ohne BH antreten – und bei jeder Spielerin mit großen Brüsten johlt das Publikum. Die Athletinnen verstehen erst gar nicht, worum es geht, dann wird Palzkill klar: „Die Leute waren da, um Frauenkörper anzugucken. Das fand ich sehr entwürdigend.“ Als Kugelstoßer:in fallen Palzkill die oft von Abhängigkeiten geprägten sexuellen Verhältnisse zwischen Sportlerinnen und Trainern auf. Den als Mannsweibern verlachten Kugelstoßerinnen geht es auch darum, sich damit aufzuwerten. Es sind wichtige Erinnerungen für später.
Prägende Frauenbewegung
Wie prägend es ist, wenn Sportler:innen nicht voll professionell tätig sind und andere Horizonte haben, zeigt sich bald. Birgit Palzkill, im Hauptberuf Lehrer:in, zieht 1976 nach Köln – und kommt mit der Frauenbewegung in Kontakt. Plötzlich bekommen viele eigene Erlebnisse in der Sportwelt einen polittheoretischen Boden. Palzkill beginnt, lesbisch zu leben, doch auch in der Frauenbewegung ist lesbisches Leben oft noch ein Tabu. Eigentlich, um ins Gespräch zu kommen, startet Birgit Palzkill ein Interviewprojekt mit lesbischen Spitzensportlerinnen. Was sich da auftut, ist ein riesiges Dunkelfeld, das Interesse ist überwältigend. 1990 entsteht eine Pionierstudie.
Birgit Palzkill landet damit auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Die Schlagzeilen des Boulevards, so berichtet Palzkill es dem Zeitzeugenprojekt, sind reißerisch: „Die süßen Tennisgirls – fast alle lesbisch.“ Aber von Sportlerinnen gibt es riesigen Zuspruch. Negative Konsequenzen erlebt Birgit Palzkill nicht – anders als auf anderem Gebiet. Im Auftrag des damaligen Frauenministeriums veröffentlicht Palzkill 1998 zusammen mit Michael Klein die erste deutsche Studie zu sexualisierter Gewalt im Sport.
„Ich konnte mir überhaupt nicht ausdenken, was das an Shitstorm bedeutet.“ Beleidigungen, massiver Druck, ein Verbot, Fortbildungen zu geben. Das vielleicht größte Tabu ist, dass die beiden über Strukturen reden – denn angeblich gibt es ja nur Einzelfälle. Zunächst wird die Studie unter Verschluss gehalten, dann auf Druck von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau doch veröffentlicht. Und Birgit Palzkill merkt: Die Presse greift das Thema auf. Es tut sich was.
Es gibt viele weitere Leben in diesem einen bewegten und bewegenden Leben. Wie Birgit Palzkills Rolle in der Friedensbewegung, auch da war der Sport vorn mit dabei. Und im Zuge des langen Lebens hat Birgit Palzkill genossen, zu erleben: Es ändern sich wirklich Dinge. Auch in den Strukturen. Seit 2017 ist Birgit Palzkill Unabhängige Beauftrage zum Schutz vor sexualisierter Gewalt des Landessportbunds NRW.
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