: „Sexistcool,aberDonuts sindcooler“
Die Journalistin Maria Popov hat ein Buch über Asexualität geschrieben, auch über ihre eigene. Hier spricht sie über Performancedruck bei Dates, die politische Dimension der Unlust und den Wert von Freundschaften
Von Michelle Schleimer (Gespräch) und Doro Zinn (Foto)
Zum Interview lädt Maria Popov in ihre Zweizimmerwohnung in Berlin-Prenzlauer Berg. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Im Badezimmer steht als Deko ein pinkes Telefon – in Form einer Toilette. Das habe sie vom Set von „Auf Klo“ mitgehen lassen, erzählt Popov. Sieben Jahre lang hat sie für das Funkformat gearbeitet und junge Menschen über Sexualität und mentale Gesundheit aufgeklärt. Dass sie queer ist, Frauen und nicht-binäre Personen datet, hat Maria Popov dabei immer stolz in die Kamera gesagt – dass sie asexuell ist, hingegen nicht. Im Oktober ist dazu nun ihr erstes Sachbuch erschienen: „Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben.“ Darüber wollen wir sprechen.
taz: Maria Popov, in den sozialen Medien trendete vor einiger Zeit das Meme „Sex is cool, but have you tried …“ Sie erwähnen das auch in Ihrem Buch. Was ist für Sie cooler als Sex?
Maria Popov: Zum Beispiel warmer Cappuccino mit Hafermilch und süßes Gebäck, das ein bisschen salzig ist.
taz: Was noch?
Popov: Zusammen mit anderen: sich gegenseitig massieren, albern zusammen raufen, gemeinsam baden.
taz: Wenn man so etwas schöner findet als Sex, gehört man dann zum Kein Bock Club?
Popov: Das entscheidet jeder selbst. Alle gehören zum Kein Bock Club, die den Druck kennen, horny sein zu müssen.
taz: Sie haben über Asexualität ein Buch geschrieben. Was genau ist das überhaupt?
Popov: Asexualität ist ein Spektrum. Auf diesem Spektrum befinden sich neben asexuellen Personen noch andere Identitäten wie grausexuelle und demisexuelle Menschen, die kaum sexuelle Anziehung zu anderen Menschen empfinden oder erst, wenn sie eine tiefe emotionale Bindung aufgebaut haben. Ich habe irgendwann entdeckt, dass ich mich recht weit beim asexuellen Pol befinde. Es gibt asexuelle Menschen, die Sex gänzlich ablehnen. Ich gehöre nicht dazu, aber ich habe oft einfach keine Lust darauf.
taz: Wie haben Sie das für sich herausgefunden?
Popov: Früher habe ich mich als Spätzünderin bezeichnet, weil ich noch daran geglaubt habe, dass es einen richtigen Zeitpunkt des Zündens gibt. Im Teenageralter habe ich immer gedacht, mich wird die Heterosexualität noch finden. Mit Anfang Zwanzig musste ich mir eingestehen, dass das nicht mehr der Fall sein wird. Damals habe ich Coming-out-Videos regelrecht studiert – von schwulen, lesbischen, bisexuellen Youtuber:innen, und nichts hat mich so sehr berührt wie ein Video von einer deutschen Schauspielerin, die über ihre Asexualität gesprochen hat. Ich habe geweint. Das war eine starke Welle von Emotionen, die das Video in mir ausgelöst hat. Nach ein, zwei Google-Runden habe ich verstanden: Ich bin kein Problem, ich bin nicht krank, es gibt viele andere Menschen da draußen, denen es ähnlich geht.
taz: Haben Sie sich in Ihrer Jugend manchmal einsam gefühlt, wenn andere Boybands angehimmelt haben und Sie selbst nicht viel damit anfangen konnten?
Popov: Ja, die Isolation, einen Hype nicht mitzufühlen, habe ich auf jeden Fall erlebt. Alle fanden Robert Pattinson so geil, und ich fand ihn eher mittelmäßig.
taz: Fanden Sie stattdessen die Schauspielerin Kristen Stewart toll?
Popov: Die finde ich heute hot, aber damals habe ich das noch nicht für mich verstanden.
taz: Hatten Sie das Gefühl, trotzdem mitmachen zu müssen?
Popov: Pubertät ist Performance. Man will normal sein, aber auch zu seiner Individualität finden. Das ist sehr anstrengend, wenn man nicht das Bedürfnis hat, unbedingt eine romantische Beziehung mit einem Dude zu beginnen oder mit jemandem nach der Ersti-Party ins Bett zu steigen. Wenn ich in meinen Teenagerjahren an Typen interessiert war, hatte ich keine Zeit herauszufinden, was ich mit diesem Gefühl machen möchte, sondern wurde direkt mit den Erwartungen des Gegenübers und der Gesellschaft konfrontiert.
taz: Konnten Sie damals keine eigenen Grenzen setzen?
Popov: Große Grenzen schon. Ich habe nicht mit Typen geschlafen, auch wenn sie darum gebettelt haben. Aber weiche Grenzen, nein. Warum habe ich überhaupt auf jeder Party mit einem anderen Typen rumgeknutscht? Vermutlich nicht, weil ich es toll fand, sondern weil mir die Performance wichtig war. Da war immer die Frage: Was wird später über mich erzählt? Ich glaube, alle Teenager machen Sachen mehr für den Plot, als dass sie selbst Bock haben.
taz: Sie haben sieben Jahre lang für das Funkformat „Auf Klo“ gearbeitet. Dass Sie queer sind, haben Sie offen geteilt, dass sie asexuell sind, nicht. Warum?
Popov: Als ich 2017 angefangen habe, „Auf Klo“ zu moderieren, hat die Sendung viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ist mir leicht gefallen, offen mit meiner Queerness umzugehen, weil ich das als sehr empowernd empfunden habe. Eigentlich habe ich in jedem Interview betont, dass ich queer bin und nie richtig Bock hatte, Männer zu daten. Ich wusste aber immer, dass es anders sein wird, über Bocklosigkeit zu sprechen, weil ich da keine klatschende Community hinter mir stehen hatte. Da gab es eine Grenze. Meine Asexualität war kein krasses Geheimnis, aber ich habe mich vor den Annahmen anderer geschützt, weil ich selbst noch dabei war, Sachen für mich zu benennen.
taz: Sie hatten kaum Lust darauf, Männer zu daten. Wie datet man als asexuelle Person?
Popov: Man datet ganz genau so kompliziert wie alle anderen Menschen auch. Auch dass ich vor allem Frauen und nicht-binäre Personen gedatet habe, hat mich nicht davor bewahrt, aufgrund der Asexualität Diskriminierung zu erfahren.
taz: Von Personen, mit denen Sie auf Dates gegangen sind?
Popov: Ja. Ich bin sehr tief in der queeren Community in Berlin verankert. Als Lesbe ist es hier leicht, sich mit Menschen zu umgeben, die ein ähnliches Weltbild haben. Aber sobald es um Asexualität geht, war ich immer diejenige, die andere aufklären musste.
taz: Weil die nichts darüber wussten?
Popov: Ich vergleiche das gerne wie folgt: Die meistgefährdete Gruppe der LGBTQAI+-Community sind trans Frauen, was physische Gewalt im Alltag und in Dating-Kontexten betrifft. Das erleben asexuelle Menschen so nicht. Von beiden wird aber gleichsam erwartet, dass sie sich früh genug outen, um die andere Person nicht in eine unangenehme Situation zu bringen. Das habe ich als asexuelle Frau auch erlebt. Es gibt eine Erwartungshaltung, als müsste ich meine Asexualität wie ein Führungszeugnis mit mir tragen. Dabei bin ich davon überzeugt, dass sie meine Beziehungen überhaupt nicht verändert hat.
taz: Diese Erwartungshaltung haben Sie als diskriminierend empfunden?
Popov: Ich habe oft tolle Momente erlebt, wo Menschen erst mal dankbar waren, dass ich mich mitteile. Ich habe aber auch schmerzhafte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die ihre Unwissenheit und Verletzlichkeit zur Waffe gemacht haben. Jetzt weiß ich, dass es das Bare Minimum ist, jemandem einfach zuzuhören und zu sagen: Hey, danke, dass du mir das erzählst. Ich weiß noch nicht so viel darüber, aber ich habe Interesse, dazuzulernen.
taz: Verändert es wirklich nicht die Beziehungen, wenn man asexuell ist?
Popov: Für mich bedeutet es, eine Sprache zu haben für eine normale Varianz der menschlichen Sexualität. Genauso wie manche Leute mehr oder weniger Bock auf Sport haben, haben andere eben mehr oder weniger Lust auf Sex. Manchmal date ich Menschen, die sehr viel Lust auf Sport haben und gerne mit Partner:innen trainieren gehen wollen. Ich denke mir dann: Wenn du es mega toll findest, dann können wir das ab und zu gemeinsam machen, aber eigentlich habe ich nicht so sehr Spaß dran. Bei der Sexualität ist es nicht sehr anders.
taz: Als asexuelle Person Sex haben – wie passt das zusammen?
Popov: Es gibt asexuelle Menschen, die auf Sex mit Abneigung bis hin zu Ekel reagieren. Andere stehen ihm neutral oder positiv gegenüber.
taz: Wenn Sex unwichtig ist, braucht es dann andere Formen von Intimität?
Popov: Ich will wegkommen von einer Norm, die uns sagt, was wir angeblich brauchen. Die einen lieben Intimität, andere nicht so. Ich plädiere für das Feiern des Nicht-Sexuellen. Und wenn Intimität mehr bedeutet als Sex und Sex mehr bedeutet als Penetration, dann können wir feststellen, dass Intimität nicht nur in der Paarbeziehung verortet ist. Wenn ich meine Partnerin zum Beispiel vermisse und wir uns eine Woche lang nicht sehen können, dann freue ich mich, dass meine Freunde da sind, weil wir beim Fernsehgucken kurz kuscheln können. Das finde ich intim. Ich finde aber auch Gespräche intim, lachen und alberne Witze.
Die Frau
Maria Popov wurde 1993 in Plowdiw, Bulgarien, geboren und wuchs in Mönchengladbach auf. Nach dem Abitur studierte sie Medienwissenschaften an der Universität Siegen und engagierte sich dort als Chefredakteurin von Campus TV Siegen. In diesem Rahmen wurde ihr 2015 der Bürgermedienpreis der Landesanstalt für Medien NRW verliehen. Heute lebt Maria Popov in Berlin.
Ihre Karriere
Von 2017 bis 2024 klärte Maria Popov im Funkformat „Auf Klo“ junge Menschen über Sex, mentale Gesundheit und queerfeministische Themen auf. Inzwischen moderiert sie das Nachfolgeformat „Das letzte Gespräch?“. 2024 gab Popov ihr Schauspieldebüt in der ARD-Serie „Made in Germany“. Zuletzt reiste sie für die Arte-Reportage „Tracks East: Bulgarien im Wandel“ durch ihr Heimatland, zudem veröffentlichte sie im Oktober ihr erstes Sachbuch: „Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben“ ist bei kiwi space erschienen.
taz: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie auch durch die aromantische Community Ihr Verständnis von Intimität erweitern konnten.
Popov: Aromantische Menschen fühlen sich nicht oder kaum von anderen Menschen romantisch angezogen. Durch Informationen zur Aromantik habe ich Begriffe für Dinge gelernt, die ich in meinem Leben bereits praktiziere. Zum Beispiel das Konzept der queer-platonischen Beziehung. bell hooks …
taz: … die US-amerikanische Wissenschaftlerin und Autorin …
Popov: … sie würde das vielleicht eher sogar romantische Freundschaften nennen. Das sind zwei unterschiedliche Namen für die gleiche Sache. Als 18-Jährige habe ich auf die Frage: „Hattest du schon mal eine Beziehung?“, mit Nein geantwortet, vor allem, wenn damit ein Freund gemeint war. Rückblickend hätte ich sagen müssen: Doch, hatte ich schon. Denn eigentlich müsste ich all die Namen der besten Freundinnen aufzählen, die ich in meinen ersten Lebensjahren hatte, weil ich schon immer Beziehungen mit einer sehr krassen Ernsthaftigkeit geführt habe. Von der aromantischen Community habe ich aber noch viel mehr gelernt.
taz: Was denn?
Popov: Etwa, dass es besonders als Erwachsene für mich wichtig ist, die Hierarchien in meinen Beziehungen zu hinterfragen und meinen platonischen Freundschaften mehr Bedeutung beizumessen. Indem wir unsere Zukunft zusammen planen oder uns massieren, wenn wir einen harten Tag hatten. Indem wir Freundschaftsringe tragen, auch wenn sie nicht vergleichbar sind mit einem Ehevertrag, der mit Privilegien verbunden ist.
taz: Sie äußern sich in Ihrem Buch sehr kritisch gegenüber offenen Beziehungen.
Popov: Hat Sie das überrascht? Lassen Sie mich das kurz erklären. Bei einer asexuellen Person, die nicht nur andere asexuelle Menschen datet, wie in meinem Fall, gibt es oft die Erwartung, die Beziehung zu öffnen und Sex auszulagern. Ich bin davon überzeugt, dass einen Menschen viele Sachen ausmachen und Sexualität nur einer von vielen Aspekten ist. Ich habe in der Vergangenheit auch Menschen gedatet, die sehr horny waren, und bin der Meinung, dass es die Beziehung weder schlechter noch besser gemacht hat.
taz: Könnte Polyamorie oder eine offene Beziehung nicht tatsächlich eine Lösung sein, wenn man eine sehr unterschiedliche Libido hat?
Popov: Ich sehe das anders. Was ist mit den vielen anderen Bedürfnissen, die Menschen in einer Beziehung haben und die sie auch nicht jeden Tag erfüllt sehen? Ist es ab dem Zeitpunkt, wo nur ein Bedürfnis nicht befriedigt ist, okay, eine Beziehung zu öffnen und sich dann auf Tinder anzumelden, um eine Person zu suchen, die dieses Bedürfnis befriedigen kann? Oder ist dann die andere Person eifersüchtig? Monogamie zu hinterfragen finde ich super, aber ich glaube nicht daran, dass ich, weil ich eine asexuelle Person bin, eher polyamore Beziehungen führen sollte. Alle Menschen erleben ein Mismatch in der Libido oder in einem sexuellen Bedürfnis. Mir ist es wichtig, das zu entmystifizieren.
taz: Was macht sexuelle Unlust so politisch?
Popov: Sexuelle Unlust wurde seit jeher bei Frauen pathologisiert. In den 50er und 60er Jahren wurden Frauen mit der Diagnose Frigidität beispielsweise einer Elektroschocktherapie ausgesetzt. Beim Schreiben meines Buches hat mich dieser Teil der Recherche zu Tränen gerührt. Bis 1977 galt in Deutschland bei einer Scheidung noch das Schuldprinzip. Im Scheidungsprozess konnte sexuelle Unlust als Missachtung der ehelichen Pflichten ausgelegt werden. Was dazu führen konnte, dass eine Frau, die weniger Bock auf Sex hatte, im Zuge einer Scheidung finanziell benachteiligt wurde. Frauen wie ich hatten wirklich die Arschkarte.
taz: Und das ist noch nicht lange her …
Popov: Erst Anfang des Jahres hat der Europäische Gerichtshof ein Urteil aus Frankreich gekippt und entschieden, dass Frankreich damit gegen die Menschenrechte verstößt. Hintergrund ist, dass eine Frau 2012 die Scheidung beantragt hatte, ihr Mann stimmte zu. Allerdings wurde ihr in einem Urteil von 2019 die alleinige Schuld an der Scheidung zugeschrieben – weil sie keinen Sex mit ihrem Ehepartner hatte. Die betroffene Frau ist weiß und reich und konnte bis zu diesem Jahr das Gerichtsverfahren führen. Was wiederum die Frage aufwirft, wer überhaupt die Mittel oder das Wissen dazu hat, sich gegen ein solches Urteil zur Wehr zu setzen.
taz: Nicht nur sexuelle Unlust, auch Asexualität wird häufig pathologisiert.
Popov: Asexuelle Menschen bekommen häufiger Konversionstherapie angeboten als andere sexuelle Orientierungen. Als ich selbst damals eine Gynäkologin fragte, ob ich ein Problem habe, sagte sie, das hätte ich. Sie hat mir die Pille verschrieben. Eine von vier Personen glaubt, dass asexuelle Personen einfach noch nicht die richtige Person gefunden haben. Eine von zehn Personen bezweifelt sogar, dass Asexualität überhaupt existiert. Auch weil das so unbekannt ist, habe ich mich entschieden, das Buch zu schreiben.
taz: Studien aus Deutschland und den USA zeigen, dass junge Menschen immer weniger Sex haben. Warum? Man könnte ja meinen, dass das Gegenteil der Fall ist, denn auf Dating-Apps sind ständig neue Kontakte verfügbar.
Popov: Dafür gibt es viele Gründe. Die Autorin Sophie Lewis nennt das einen „Collective Turn-off“, eine kollektive Abkehr von Sex. Sie ist der Überzeugung, dass der Kapitalismus dazu führt. Denn wie sollen wir in einer Welt, in der wir Vollzeit arbeiten und Care-Arbeit übernehmen müssen, zu unserer Lust kommen? Es gibt aber sicher auch noch andere Gründe.
taz: Welche?
Popov: Der Sexualtherapeut Umut Özdemir sagt, dass die Übersättigung an sexuellen Bildern dazu führt, dass Leute weniger Sex haben. Andere Wissenschaftler:innen vermuten, dass die Gen Z ihren Fokus mehr auf Freundschaften und mentale Gesundheit legt. Dazu kommt, dass die junge Generation auf dem ganzen Globus länger zu Hause bei den Eltern lebt. Da müssen sie Abstriche in ihrer Privatsphäre machen. In der Pandemie hat sich für viele junge Menschen ein großer Teil ihres Soziallebens zudem in den digitalen Raum verlagert. Es spielt sicher auch eine Rolle, dass junge Menschen mit der MeToo-Bewegung sozialisiert worden sind und in der Popkultur gelernt haben, was Konsens ist und dass ihre Grenzen valide sind.
taz: Sie meinen, sie hören eher auf sich selbst und haben deshalb weniger Sex?
Propov: Genau.
taz: Sie zitieren auch die Autorin Maria Markiewicz, die von einer „postsexuellen Gesellschaft“ träumt. Was könnten wir so einer Gesellschaft abgewinnen?
Popov: Eine Gesellschaft, in der asexuelle Menschen befreit sind von jeglichen Zwängen, bedeutet, dass alle Menschen von diesen Zwängen befreit sind. Davon bin ich fest überzeugt.
taz: Wie sähe so eine postsexuelle Gesellschaft aus?
Popov: In einer postsexuellen Gesellschaft hätten wir dem Sex die Macht genommen, als Werkzeug der Unterdrückung zu wirken. Wir würden dessen Moralisierung sowohl für Purity-Culture als auch Lass-Ficken-Culture abbauen.
taz: Sie meinen, es würde kein gesellschaftlicher Druck mehr ausgeübt, egal ob Menschen wenig oder keinen Sex haben oder ganz viel?
Popov: Ja. Und vermutlich hätten dann sogar alle besseren Sex. Wenn sie denn wollen.
taz: Um mit Vorannahmen zu brechen – können auch asexuelle Menschen Sextoys nutzen?
Popov: Viele sind überrascht davon, wenn ich erzähle, dass ein Sextoy mir den ersten Orgasmus meines Lebens beschert hat.
taz: Als Sie das erste Mal Sex hatten, war das für Sie eine sehr enttäuschende Erfahrung?
Popov: Als ich meine ersten sexuellen Erfahrungen hatte, war ich schon verwundert: Das ist das, was alle immer so hypen? Ich wusste vorher schon genug über mich, um zu wissen, dass es für mich nicht die große Verheißung sein wird. Erst als ich ein aktiveres Sexleben hatte, konnte ich für mich feststellen, ja, ich kann Sex schon etwas abgewinnen. Aber trotzdem, Leute, chillt mal, Sex ist cool – aber habt ihr schon mal Donuts mit Salzkaramell probiert?
Michelle Schleimer, 23, arbeitet als freie Journalistin und studiert Germanistik und Romanistik in Leipzig.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen