Sex in Coronazeiten: Kontakt ist Kontakt

Obwohl die Corona-Infektionszahlen weiterhin hoch sind, kehrt eine Art Normalität ein. Auch sexuell. Aber wie ansteckend ist eigentlich Sex?

Zwei Menschen mit Mundschutz küssen sich

Körperkontakt während eines Protests in Jerusalem Foto: Maya Alleruzzo/ap/dpa

Nun geht’s also wieder los, ja? Virus­ferien zu Ende, die Zahl der bestätigten Neuinfektionen liegt im Durchschnitt bei circa 1.200 pro Tag, etwa auf dem Niveau von Anfang Mai. Anfang Mai, das war Viertel nach Nudelregale-wieder-voll und fünf vor Verschwörungsdemos.

Die Zeit, als Museen und Cafés vorsichtig wieder öffneten und zu lesen war, dass Menschen in der Krise öfter wirres Zeug träumten. In der Zwischenzeit haben wir – verständlicherweise – ein bisschen vergessen, dass wir gemeinsam in einem infektiologischen Rechenexempel festhängen, in diesem abstrakt mathematischen Zusammenhang zwischen meiner schlecht belüfteten Bridgerunde und der schweren Krankheit einer Person, die ich nicht kenne.

Auch Menschen aus dem Kreis der Sexpositiven, Promiskuitiven und Polygamen sind wieder mehr Körperkontakte eingegangen. Ich sage das nicht ohne Neid, denn ich halte es weiter mit der Coronogamie, und das rangiert irgendwo zwischen Zoom-Geburtstagsbrunch und Urlaub in Brandenburg: Schon okay, könnte mir Schöneres vorstellen. Zugleich bin ich nicht sauer auf Menschen, die ihr Datingprofil von „Chat“ auf „live“ gestellt haben, Sex­ar­bei­ter*in­nen aufsuchen oder cruisen gehen. Ich bin ja auch nicht sauer auf Menschen, die in proppenvollen Regionalexpressen an die See düsen und Freund*in­nen umarmen, deren Kinder täglich (igitt!) Schulbus fahren.

Covid-Tröpfchenübertragung beim Sex ist sehr wahrscheinlich, aber nicht wahrscheinlicher als bei sonstigen engen Kontakten unter 1,5 Metern über einen längeren Zeitraum ohne Maske. Das kann man bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) oder der Aidshilfe nachlesen. Nur küssen muss man herausheben, weil dabei die Hauptwohnorte der Viren so aufeinandergerieben werden, dass deren Übertragung quasi sicher ist.

Wenn alle aufpassen, dann auch Sexkontakte reduzieren

Aber Fellatio, Doggy oder Handjob im Gebüsch? Auch nicht anders als 20 Minuten klönen mit Cousin Steven beim Abwasch. Falls der Vergleich nicht einleuchtet, hat das wohl damit zu tun, dass wir uns Sex als etwas Schmutziges, Ekliges vorstellen – und Unnötiges. Dadurch erscheinen promiskuitive Menschen verantwortungslos oder egoistisch – obwohl sie tendenziell besser über Hygiene informiert sind.

Mein Appell für die kommende Pandemie­phase: Sex nüchtern betrachten, als Aufeinandertreffen von Körpern. Keinen sexphoben Phantasmen erliegen! Aber auch ein Appell an die sexpositiven Freund*innen: Egal sind unsere Körperkontakte nicht. Wenn alle wieder weniger Bridge spielen und nicht mehr mit Cousin Steven den Abwasch machen, dann sollten auch die Sexkontakte reduziert werden.

Dass nicht jede*r dann ins Kloster geht, das weiß sogar die BZgA und schreibt, man möge „zumindest versuchen, die Anzahl der Sexpartnerinnen und Sexpartner zu verringern“. Es könnte ein langer Winter werden. Machen wir es denen, die sich einschränken, leichter, indem wir es auch tun.

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