Serbische Mafia: Die ganze verfluchte Geschichte im Gesicht
Eine junge Schützin wird zur Mörderin, um ihre Familie vor der Mafia zu schützen. Die arte-Serie „Im Visier“ überzeugt nicht nur ob der Schauspieler.
Foto: firefly productions
Bevor Sonja abdrückt, schiebt sie ihre Nase langsam auf der Schaftbacke ihres Gewehrs hin und her, dann legt sie ihre Wange auf dem metallenen Steg ab. Mit diesem Ritual schiebt sie Sekunden vor dem Schuss alles weg, blendet alles aus, es bleibt die reine Fokussierung aufs Ziel. Ganz leise wird es, nur noch ihr Atem ist zu hören.
Sonja ist die Tochter einer berühmten serbischen Sportschützin, deren Talent sie geerbt hat: ultrahohe Konzentrationsfähigkeit. Sonja kann so gut schießen, dass sie, obwohl erst Teenager, ins Nationalteam der Erwachsenen aufsteigt.
Doch zu Hause gibt es Probleme, die sie nicht ausblenden kann. Ihre Mutter lebt in den USA, ihr Vater Dragan ist Kriegsveteran und heillos verschuldet. Ihr Bruder Vuk ist nicht grad der Hellste und arbeitet für die Mafia. Die will ihn ermorden, weil er Zeuge eines Verbrechens wurde. Seine Schwester beschließt, ihm zu helfen und erschießt mit dem Scharfschützengewehr ihres Vaters den Mafiaboss.
Nach dieser großartigen Ouvertüre von „Im Visier“, der arte-Serie des serbischen Regisseurs Srđan Golubović, beginnt einerseits ein klassischer Krimi mit den schwierigen Ermittlungen der Polizisten. Andererseits entfaltet sich ein Sozialdrama, in dem es um die unaufgearbeitete Vergangenheit der serbischen Kriegsveteranen geht, um die marode und gewaltgetränkte serbische Gesellschaft und um Fragen von Vertrauen und Verrat unter Freunden und Familie.
Allein mit der Mimik der schweigsamen Sonja erzählt die Schauspielerin Anita Ognjanović die ganze verfluchte Geschichte Serbiens der letzten 30 Jahre.
Nach der ebenfalls herausragend guten Serie "Das Attentat", die die verstrickten Hintergründe des Mordes am westlich orientierten Reformer-Präsidenten Zoran Dindic nacherzählt, ist "Im Visier" die nächste arte-Serie, die sich auf fiktive Weise mit den sehr realen Auswirkungen der mächtigen serbischen Mafia beschäftigt.
"Im Visier" lebt von der Spannung und genauen Soziologie der Erzählung und der Figuren. Aber vor allem lebt sie vom Gesicht Sonjas, die nicht nur während des Zielens mit ihrem Gewehr den Rest der Welt ausblenden zu können scheint.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!