Senior bei der Vierschanzentournee: Der Dauerflieger

Der Schweizer Olympiasieger Simon Ammann strebt auch mit 41 Jahren noch nach dem großen Coup. Besser als letzte Saison sei er, sagt sein Trainer.

Simon Ammann beim Flug von der Schanze vom Flutlicht beleuchtet

Strahlendes Vorbild: Simon Ammann strebt stets nach Fortschritten Foto: Maxim Shemetov/reuters

Als Simon Ammann in der Qualifikation im heimischen Engelberg 130 Meter gesprungen war, verließ der kleine Schweizer erhobenen Hauptes den Auslauf. Nach vielen Rückschlägen schien seine Formkurve nach oben zu gehen. Doch schon an den nächsten Tag folgte die Ernüchterung. Platz 29 im Wettkampf, Quali-Aus für Wettbewerb zwei. Vierschanzentournee-Generalprobe misslungen. Dabei hat der Schweizer gerade mit dieser Veranstaltung noch eine Rechnung offen.

Doch Simon Ammann läuft die Zeit davon. Mit seinen 41 Jahren ist er nach dem Aus des Japaners Noriaki Kasai (49) der Alters-Präsident im Skisprung-Zirkus. In diesem Winter bestreitet er seine 25. Weltcupsaison. Die Liste seiner Erfolge ist lang. Einmal, in der Saison 2008/2009 hat er die Große Kristallkugel als Sieger des Gesamtweltcups gewonnen, 2007 war er in Sapporo Weltmeister geworden. Doch seine größten Erfolge hatte er bei den Olympischen Spielen gefeiert. Sowohl 2002 in Salt Lake City als auch acht Jahre später in Vancouver gewann er jeweils Gold von der Großschanze und dem kleinen Bakken. Das ist noch keinem Skispringer gelungen.

In dieser Saison stehen wieder Olympische Spiele an. „Es wären meine siebten Olympischen Spiele, das hat noch kein Schweizer erreicht“, sagt er. Doch den Mann aus Wildhaus in der Ostschweiz reizt noch mehr, fügt deshalb nach einer kurzen Pause an: „Ich brauche die große Geschichte.“

Ob er den Sprung nach Peking schafft? Sein Trainer Ronny Hornschuh traut es ihm zu. „Bei Simon ist mehr Qualität vorhanden als letztes Jahr“, sagte er bei einer Videokonferenz in Engelberg. Dafür spricht der sechste Platz in der Qualifikation fürs Springen in Klingenthal. Bei den Wettkampfsprüngen fehlt allerdings die Konstanz. Meist schafft er es gerade so in den zweiten Durchgang.

Experimente mit dem Material

Doch Simon Ammann ist nicht nur einfach Skispringer. Gespräche mit ihm dauern länger als mit seinen Kollegen, haben meist neben dem analytischen noch einen philosophischen Teil. „Ich habe die guten Flüge gebraucht, plötzlich hat vieles automatisch geklappt, war selbstverständlich. Ich konnte dadurch wieder anfangen zu spielen“, hatte er nach einem Skiflug gesagt, „ich musste nicht mehr ständig überlegen. Das ist dann wie bei einem Stürmer im Fußball, der alleine vor dem Torhüter steht. Wenn er Selbstvertrauen hat, macht er ihn rein. Wenn ihn aber zu viel beschäftigt, geht es schief.“

Simon Ammann, Skispringer

„Ich werde wohl auch mit 80 Jahren denken: Eigentlich wäre es cool, nochmals zu springen!“

Ammann ist aber auch ein Tüftler. Vor den Spielen in Vancouver war er nicht der große Favorit. Seine Idee war, die Ski flacher zu stellen, um die Auftriebsfläche zu vergrößern. Dazu hatte er den Stab, der die Ferse mit dem Ski verbindet, ein wenig zur Seite gebogen. Das hatte die damals überragenden Österreicher dermaßen verunsichert, dass er triumphieren konnte. Auch den Sprungschuh wollte er revolutionieren, Karbon statt Leder. Doch dieses Experiment ist nicht geglückt.

Dass Ammann sich so reinhängt, passt zu einer Aussage zu Beginn seiner Karriere: „Skispringen ist meine Berufung.“ 25 Jahre später macht sich der Schweizer, der in Salt Lake City wegen seiner runden Brillengläser und der Ähnlichkeit zu Schauspieler Daniel Radcliffe den Spitzname „Harry Potter“ erhalten hat, selbstverständlich Gedanken über das Ende seiner Karriere. Doch dann überkommen ihn Gedanken wie diese: „Ich werde wohl auch mit 80 Jahren denken: Eigentlich wäre es cool, nochmals zu springen!“ Immer wieder rutschen ihm solche Sätze raus: „Meine Motivation und Freude am Skispringen sind ungebrochen.“

Es ist aber nicht so, dass der Vater von drei Kindern ohne Skispringen in ein Loch fallen würde. Längst hat er sich beruflich abgesichert. In Wildhaus hat er ein Dachdeckergeschäft. Geschäftsführer ist sein Bruder Josias. Und er ist Mitglied im Verwaltungsrat der Toggenburg-Bergbahnen. Bei der Wahl im vergangenen Jahr zum Gemeinderat in Wildhaus scheiterte der berühmte Sohn des Orts deutlich. Eine weiteres politisches Engagement schließt er jedoch nicht aus.

Noch allerdings ist der Ehrgeiz als Skispringer vorhanden. So wie schon am Beginn seiner Karriere. „Wenn es ihm mal nicht lief, hat ihn das extrem gewurmt“, beschrieb ihn ein Weggefährte, „Simi hat nie aufgegeben.“ Um weiter zu kommen, hat er nach der vergangenen Saison auch das Gespräch mit seinem ehemaligen Trainer Werner Schuster gesucht.

Der auch langjährige deutsche Bundestrainer erzählte danach: „Das Treffen mit Simon verlief unkompliziert, bei ihm weiß man aber nie genau, woran man ist. Er nimmt immer ein wenig eine Denkerpose ein, man merkt, dass es rattert im Kopf. Ich fühlte mich ein wenig wie an einer Prüfung.“ Eine solche sollte es aber nicht sein, sondern für Simon Amman eine wichtige Entscheidungshilfe. Die ist eindeutig ausgefallen: „Das Feuer in mir brennt.“ Schließlich fehlt dem Hochdekorierten noch ein Erfolg: der Gewinn der Vierschanzentournee.

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