Selbstliebe 2.0: Ich brauche ein Update

Jahrelang hat sich unsere Autorin hinter dem Label „unkompliziert“ versteckt, für die Selbstsorge ist das Gift. Zeit für ein paar scheinbar banale Bedürfnisse.

Illustration einer Frau, die Punkte verbindet, um ein Herz zu zeichnen

Sich selbst zu achten und zu lieben ist schwere Arbeit Foto: Eva Bee/Ikon/Images/imago

Bisher ging ich selbstverständlich davon aus, dass ich mich selbst liebe. Nicht immer, aber die meiste Zeit. Ich dachte, Selbstliebe ist sozusagen automatisch in jeden Menschen eingebaut. Wird mitgeliefert. Wie dieses U2-Album, das von Apple 2014 beim iPhone 6 automatisch in die iTunes-Mediathek aller Nut­ze­r*in­nen runtergeladen wurde – und sich nicht oder nur schwer löschen ließ.

Ich bleibe mal in dieser etwas umständlichen Smartphone-Analogie: Bislang dachte ich, ich müsste keine Selbstliebe-Updates machen. Selbstliebe hat man und es bleibt ein Leben lang. Ich gehe aber auch nicht pfleglich mit meinem Smartphone um: Meine Definition von Routine ist, jeden zweiten Tag die Updateaufforderung auf morgen zu schieben. Ich lege mein Handy ständig überall ab, mein Display ist fast immer voller Kokosöl (lange Geschichte), ich habe schon mal versucht, Bierflaschen mit meinem Handy aufzumachen. Kurzum: Ich achte nicht besonders darauf. Was hat das denn jetzt mit Selbstliebe zu tun? Nun ja, ich hab festgestellt, dass ich ebenso wenig pfleglich mit mir selbst umgehe und das sagt ganz schön viel aus über meinen momentanen Selbstliebe-Status.

Was mir erst seit Kurzem klar ist, ist, dass Selbstliebe in tausend unterschiedlichen Formen daherkommt. Sich nicht fertigzumachen, wenn man scheitert. Sich eine Massage gönnen, Dinge nicht einfach hinzunehmen, Grenzen aufzeigen, Menschen, die einem nicht gut tun, identifizieren und aus seinem Leben raushalten, gut schlafen, leckeres Essen, ein heißes Bad. Was ich gerade lerne, ist, dass all diese Dinge Übung (und manche auch Geld) erfordern.

Sich selbst zu achten und zu lieben ist schwere Arbeit. Es fällt mir sehr viel leichter, Freundinnen zu raten, Pausen zu machen, sich zu priorisieren und sanft mit sich zu sein. Wenn es um mich geht, fällt es mir deutlich schwerer. Ich habe mich jahrelang hinter dem Label unkompliziert versteckt und dabei verlernt, meine eigenen Bedürfnisse zu achten.

Ich stecke – oft, ohne es zu merken – viel zurück und entwickle dabei Frust, Wut und Neid. Frust, weil ich selbst schuld bin an meiner Situation. Wut, weil ich sie nicht schnell genug verbessere, und Neid auf andere Menschen, denen es viel leichter fällt. Seit Kurzem macht sich aber auch ein anderes Gefühl breit: Hoffnung. Ich habe gemerkt, dass dieser Wandel eine Summe vieler kleiner Schritte ist und die gehe ich jeden Tag. Ich gehe zum Sport, mache Therapie und zwinge mich, spazieren zu gehen (was ich wirklich hasse) und an die frische Luft. Ich bleibe stehen und fotografiere einen schönen Käfer oder esse ein Eis und schaue mir Kleidung im Schaufenster an.

Was sich anhört wie ein langweiliger Coming-of-Age-Film und möglicherweise auch banal rüberkommt, ist mein Weg, mich wieder mehr zu lieben und zu achten. Dieses Update kann ich nicht ewig auf morgen schieben.

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Journalistin, Speakerin und freie Kreative. Kolumne: "Bei aller Liebe". Foto: Pako Quijada

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