Debütroman von Brandon Taylor: Unter dem Mikroskop

Es sind die Unsicherheiten, die wahrgenommen werden wollen. Brandon Taylor erzählt von einer schwierigen Ankunft in der weißen Mittelklasse.

Der US-Autor Brandon Taylor mit dunkler Briller

Gesehen werden wollen: US-Autor BrandonTaylor Foto: William J. Adams

Einen entscheidenden Satz versteckt Brandon Taylor in seinem Roman „Real Life“ ein bisschen. „Eigentlich war er gar nicht auf der Suche, aber er wollte wahrgenommen werden wie jeder andere auch, wollte gesehen werden.“ Der Satz fällt im Zusammenhang mit einer schwulen Dating-App. Wallace, die Figur, an der der Roman nah entlang erzählt ist, löscht die App wieder, weil sein Postfach ständig leer bleibt.

Über ihren unmittelbaren Kontext geht dieses Bild natürlich hinaus. Das Drama, gesehen werden zu wollen und nicht immer gesehen zu werden, durchzieht den ganzen Roman. Und selbstverständlich ist dieser Wallace auf der Suche. Er traut sich zunächst nur noch nicht recht.

Wallace ist Doktorand der Biochemie an einer nicht genau verorteten Universität im Mittleren Westen der USA. Die personale Erzählinstanz, die das Innenleben von Wallace ausleuchtet, beschreibt es so: „Ihr Jahrgang war so klein wie schon seit Langem nicht mehr und der erste mit einem schwarzen Doktoranden seit über drei Jahrzehnten.“

Der schwarze Doktorand ist Wallace. Er forscht über Nematoden, kleine Fadenwürmchen, die durchsichtig sind. „Diese Eigenschaft macht sie zum idealen Modellorganismus fürs Mikroskopieren. Weitere Merkmale sind die einfache genetische Manipulierbarkeit, das überschaubar kleine Genom, eine kurze Generationszeit und eine unkomplizierte Handhabung.“

Brandon Taylor: „Real Life“. Aus dem Ameri­kanischen von Eva Bonné. Piper, Mün­chen 2021, 352 Seiten, 22 Euro

Aber Wallace selbst ist natürlich nicht durchsichtig, auch nicht sich selbst, und nichts in seinem Leben ist unkompliziert. Es ist die Phase mit Mitte Zwanzig, in der nicht mehr alles möglich, aber auch noch nichts endgültig festgelegt ist; und manchmal fühlt sich alles falsch an.

Dramen des Alltags

Der Roman folgt Wallace ein Wochenende im Spätsommer lang. Es gibt Reibereien und Liebeleien innerhalb der Clique, der Wallace angehört, Alltagsdramen, Selbstzweifel, Erinnerungen, ein Tennisspiel und Probleme mit verunreinigten Arbeitsproben. Am Ende des Wochenendes wird zwar nichts endgültig geklärt sein, aber wir wurden durch seine Gedanken, seine Wahrnehmungen und sein Begehren geführt und sind Wallace ein Stück weit nähergekommen.

Wenn man so abständig auf diesen Roman schaut wie Wallace auf seine Nematoden, könnte man ihn fast für kalkuliert und in Zeiten von Black Lifes Matter beinahe für bestellt und geliefert halten. Es ist ein Debüt, Brandon Taylor ist noch jung, er wurde 1989 geboren. In den USA hat der Roman viel Aufmerksamkeit bekommen. Beim Booker-Preis des vergangenen Jahres kam er auf die Shortlist, und nun wurde er so zügig wie sorgfältig ins Deutsche übersetzt und in einem großen Publikumsverlag publiziert.

In einem Interview erzählte Brandon Taylor, dass er Campus-Romane liebt, sich selbst als schwuler schwarzer Mann aber in keinem wiederfand: „Also sagte ich mir, ich imaginiere mich selbst ins Zentrum eines Campus hinein.“ „Real Life“ wird so auch von dem Willen getragen, dass so eine Außenseitergeschichte wie die von Wallace unbedingt zählt – er ist nicht nur schwul und schwarz, sondern stammt auch noch aus einem prekären Umfeld.

Bis in die hintersten Ecken

Doch wenn man näher an den Roman herangeht – und er hat die erzählerische Kraft, einen an sich heranzuziehen –, verschwimmt das Bild des Kalkulierten schnell wieder. An seine Stelle tritt der Eindruck von etwas souverän und bis zur Verletzlichkeit Gewagtem. Der Roman leuchtet seine Hauptfigur bis in die hintersten Ecken seines Bewusstseins aus und stellt ihn nackt und in allen Ambivalenzen vor einen. Dabei geht es gar nicht um Repräsentation, Wallace ist kein Stellvertreter; eingefangen, teilweise mikroskopiert wird vielmehr seine spezifische Erfahrung.

Dabei verschwimmt auch der Eindruck, dass Wallace eine eindeutige, klar zu erzählende Geschichte haben könnte. Vielmehr weiß er selbst nicht so recht, was für eine Geschichte er hat. Und Brandon Taylor ruft unterschiedliche narrative Konzepte auf. Zwischen Campus-Roman, Emanzipationsgeschichte auf der Kippe und Geschichte einer Quarterlife-Crisis changiert dieser Roman.

Wallace ist in vielem auch gar keine Identifikationsfigur. Auf einer Party unter Freunden löst er einen Eklat aus. Man ist unbedingt bei ihm, wenn er sich an die erste Party innerhalb dieser Gruppe liberaler, international zusammengewürfelter Mittzwanziger erinnert. Mit in einer schönen Schüssel arrangierten, sorgfältig zubereiteten Fleischklöschen kam er an – die in der Gruppe sich bewusst und vegetarisch ernährenden Mittelklasse-Sprösslingen keine Beachtung fanden. Ein genaues Bild für die Wirksamkeit feiner Unterschiede auch unter vermeintlich coolen und entspannten jungen Leuten.

Ruiniertes Abendessen

Man ist auch bei Wallace, wenn er sich, so angenommen er auch wird, aufgrund von Witzchen, kleiner rassistischer Fauxpas und Angestrengtheiten innerhalb der Gruppe dann eben doch wie der eine Schwarze, der eine sonst weiße Umgebung durch „Buntheit“ bereichert, fühlt. Doch dann begeht er einen Freundschaftsverrat. Während dessen Freund Cole daneben sitzt, erwähnt er, dass er Vincent auf der Dating-App gesehen hat.

Das ist ein durchaus aggressiver Akt, zwischen den beiden war gerade strittig, ob sie eine offene Beziehung oder exklusive Beziehung führen. Die Erzählinstanz kommentiert trocken: „Das Abendessen ist ruiniert, so viel ist klar.“

Am allgemeinsten lässt sich „Real Life“ vielleicht als Geschichte einer fragwürdigen Ankunft bezeichnen. Seiner Herkunft aus der Armut in den Südstaaten der USA ist Wallace entkommen, durch seinen Aufbruch in den Mittleren Westen und durch ein Stipendium. Aber auch wenn er manchen Menschen nahe ist, Emma, Cole, Brigit, kann er sich in seinem Leben nicht sicher fühlen.

Vergangenheit hinter sich lassen

Auch in dem Labor, in dem er forscht, gibt es Probleme. Es gibt das Dilemma, dass er sich als Stipendiat besonders beweisen muss, dass sein Arbeitseinsatz von seinen Kommilitonen aber auch als Angriff auf sie gewertet wird. Und nach einem nicht restlos aufgeklärten Konflikt mir einer Mitstudentin fragt seine Professorin Wallace: „Willst du hier sein? Oder ist es nicht eher so … dass du einfach nicht woanders sein willst.“

Kann Wallace, nachdem er seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat, von sich aus nicht ankommen in seinem neuen Leben, oder lässt man ihn dann letztlich doch nicht ankommen? Diese Frage flirrt durch die Szenen und bleibt offen.

Eine Liebesgeschichte gibt es auch, und auch sie bleibt unbestimmt. Mit Miller, der bislang heterosexuell orientiert ist und an Wallace seine homoerotische Seite entdeckt, entwickelt sich eine Affäre. Einer der dichtesten Momente des Romans entsteht dann, als Wallace diesem Miller in einem Moment intimer Vertrautheit von seiner Vergangenheit inklusive des Traumas eines Missbrauchs, als er noch ein Kind war, erzählt.

Etwas Drängendes, Gepresstes

Dieses fünfte Kapitel fällt aus dem Zusammenhang des Romans heraus, es ist stilistisch ganz anders geschrieben, etwas Drängendes, Gepresstes liegt hier in der Erzählerstimme, der Druck und auch die Anstrengung des Erzählens ist deutlich spürbar. Wallace kann sich dieses Aspekts seiner Vergangenheit gleichsam nur mit geschlossenen Augen zuwenden.

Mindestens ebenso interessant ist aber auch, was nach diesem Bericht geschieht. Nach üblichen Dramaturgien wäre es jetzt an der Zeit für eine besondere Zugewandtheit oder auch für einen kathartischen Moment, in dem sich die traumatische Anspannung löst. Nicht so bei Brandon Taylor. Weder Miller noch Wallace wissen hinterher, wie sie genau mit der Erzählung über die Vergangenheit umgehen sollen. Überhaupt wissen sie bis zum Schluss nicht, wie sie mit ihrer Affäre umgehen sollen.

Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, was Brandon Taylor interessiert: jedenfalls keine identitäre Festlegung. Er treibt in diesem Roman die Szenen bis zu dem Punkt voran, an dem sich etwas Endgültiges vollziehen könnte. Eine Ablehnung. Ein Scheitern. Das Aufbrechen eines Traumas. Oder auch eine endgültig bewusst gewordene Freundschaft. Oder ein Neuanfang. Oder eine Liebe. Aber bevor sich dieses Endgültige vollzieht, bricht Brandon Taylor die Entwicklung jeweils ab.

Die Klassiker lesen

Die losen Enden des Lebens von Wallace bleiben nebeneinander liegen. Es gibt in ihm den Wunsch, das titelgebende echte Leben jenseits des Universitätscampus kennenzulernen, aber am Schluss des Buches schwant ihm, dass dieses echte Leben aus Ambivalenzen besteht.

Wallace ist nicht nur durch seine Hautfarbe, seine sexuelle Orientierung und seine Herkunft charakterisiert, sondern auch dadurch, dass er Klassiker liest. Virginia Woolf, Proust, Tolstoi werden ausdrücklich erwähnt – die Bewusstseinsforscher (und was man am berühmten Creative-Writing-Programm von Ohio, das Taylor absolvierte, so studiert). Das wird zwar in dem Roman nicht sehr tief ausgeführt, aber man ertappt sich dann eben doch dabei, beim Lesen einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, was Literatur in den aktuellen identitätspolitischen Diskursen leisten kann.

Ohne direkt darauf einzugehen, macht dieser Roman sehr klar: Identitätspolitische Thesen bloß zu illustrieren reicht nicht aus, das wäre literarisch defizitär. Vielmehr sollte Literatur auf eine basalere Ebene gelangen, nicht nur Anschauungsmaterial sein, sondern beglaubigen, wie kompliziert, verletzlich und jeweils spezifisch menschliche Bewusstseine sein können. So wie es dieser Roman tut. Was er an seiner Hauptfigur Wallace zählen lässt und was an ihm wahrgenommen werden will, sind gerade seine Unsicherheiten, sein Durcheinander, sein Unfertigsein.

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