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Schwuler Heidekönig in Lüneburg„Ich bin ein außergewöhnlicher König“

Eric Böttcher ist amtierender Heidekönig, stets repräsentierte er sein Königsleben elegant. Am Valentinstag gibt der 21. schwule Regent die Krone weiter.

Eric Böttcher, 21. Schwuler Heidekönig, vor dem Lüneburger Rathaus Foto: Georg Wendt/dpa/picture alliance

Interview von

Wilfried Hippen

Am Valentinstag findet im Lüneburger Rathaus eine Wahl statt, die man mittlerweile als wirklich traditionell bezeichnen darf. Denn an diesem 14. Februar wird dann bereits zum 22. Mal der Schwule Heidekönig gewählt. Was das bedeutet, als queeres Pendant zu noch traditionelleren Majestäten wie der Heidekönigin regierend zu sein, weiß Eric Böttcher, der 21. Schwule Heidekönig.

taz: Herr Böttcher, bis zu diesem Wochenende tragen Sie noch den Titel Eric der Erste, denn Sie sind bis zur Neuwahl der herrschende schwule Lüneburger Heidekönig. Und Sie haben dieses Amt sehr ernst genommen. Warum?

Im Interview: Eric Böttcher

35, ist Verwaltungsbeamter und noch bis zum 14. Februar regierender Heidekönig.

Eric Böttcher: Ich möchte die geschlechtliche Vielfalt im ländlichen Raum repräsentieren. Und dies habe ich das Jahr über vor allem bei königlichen Veranstaltungen getan, bei denen ich zusammen mit anderen Königinnen und Königen aufgetreten bin. Und bei der Vorstellungen der Majestäten sieht die Bevölkerung dann schon, dass ich ein außergewöhnlicher König bin, denn die meisten bewerben ein Produkt oder eine Region.

taz: Es gibt also eine kleine Gruppe von Monarchen in Deutschland, die herumreisen und gemeinsam Hof halten?

Böttcher: Ja, wir sind Pro­dukt­kö­ni­g*In­nen. In Süddeutschland gibt es ja viele Weinköniginnen, aber es wird auch eine Kirschkönigin gewählt – oder die Kohlregentin in Dithmarschen. Und hier in der Region gibt es gleich mehrere Heideköniginnen. Unsere Aktivitäten werden sogar vom Landwirtschaftsministerium unterstützt.

taz: Aber wurde der Schwule Lüneburger Heidekönig nicht ursprünglich von der örtlichen Aidshilfe inthronisiert?

Böttcher: Ja, damals ging es vor allem um solche Themen wie Safer Sex und Gesundheit. Und damals trat der Heidekönig vor allem bei queeren Veranstaltungen auf.

taz: Und wie sind diese homosexuellen Würdenträger dann auch außerhalb der Community hoffähig geworden?

Böttcher: Das begann mit der Heidekönigin von Amelinghausen, die uns unbedingt dabeihaben wollte. Und dann haben uns auch die anderen Königshäuser nach und nach eingeladen.

taz: Hat das nicht auch damit zu tun, dass die wilden Jahre der Heidekönige vorbei sind? Damals war die königliche Tracht ja oft aus Lack und Leder. Einer Ihrer Vorgänger trat sogar in einer goldenen Badehose auf. Was ist denn Ihre königliche Garderobe?

Böttcher: An warmen Tagen habe ich eine lockere blaue Stoffhose und ein Hemd mit hochgekrempelten Armen getragen und bei eher festlichen Veranstaltungen hatte ich dann meinen grünen Anzug an. Jeder Heidekönig kann für sich entscheiden, was er in seinem Amt anziehen möchte.

taz: Sie hätten sich also auch eine Fantasieuniform im Stil von Michael Jackson schneidern lassen können?

Böttcher: Ja, doch ich habe mich bewusst für eine bürgerliche Kleidung entschieden, weil ich dieses Königsleben elegant repräsentieren wollte.

taz: Aber die Krone sitzt dabei immer auf dem Kopf. Ist das eigentlich eine Wanderkrone – und passt die dann auch bei jedem?

Böttcher: Ja, die ist aus einem leichten Metall gefertigt, das man gut verbiegen kann, und man kann in der Krone dann auch noch mit Klettverschluss einen Saum befestigen. Und dann sitzt sie perfekt. Die Krone wird jeweils an den neuen König weitergegeben und niemand anders darf sie tragen.

taz: Lüneburgs grüne Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch hat es möglich gemacht, dass die jährliche Wahl des Schwulen Heidekönig im historischen Fürstensaal stattfinden kann. Sind Sie in Lüneburg also nun auch offiziell als eine Hoheit anerkannt?

Böttcher: Nun ja – wir müssen trotzdem jährlich einen Antrag beim Verwaltungsausschuss stellen. Da sind auch Konservative von der CDU und rechtspopulistische Parteien wie die AfD vertreten und die schießen immer konsequent dagegen.

taz: Aber gibt der Fürstensaal der Wahl nicht erst den passenden royalistischen Rahmen?

Böttcher: Schon, aber der Saal ist historisch so repräsentativ, dass er weder beheizt ist noch eine gute Lichtquelle hat.

taz: Da muss man sich also warm anziehen.

Böttcher: Bei den geladenen weiblichen Majestäten mit ihren großen Ringröcken ist es schon sinnvoll, wenn sie sich noch eine extra Strumpfhose anziehen. Wir stellen Decken zur Verfügung und in diesem Jahr bekommen alle im Saal von uns einen kleinen Handwärmer.

taz: Was passiert denn mit dem Titel, wenn eine lesbische Frau oder eine Transperson zum König gewählt wird?

Böttcher: Wir hatten auch schon zwei Transpersonen als Könige, aber beide waren Transmänner. Und es gab auch einmal eine potenzielle weibliche Kandidatur. Aber der „schwule Lüneburger Heidekönig“ ist ja ein Produktname – und der bleibt.

taz: Wie wird der Heidekönig überhaupt gewählt?

Böttcher: Ich hatte bei meiner Wahl einen Gegenkandidaten. Bei der Wahlveranstaltung gab es Spiele und wir haben Steuern eingesammelt.

wochentaz

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taz: Wie ging das denn?

Böttcher: Man steigt von der Bühne hinunter in den Saal und sammelt bei den Gästen Spenden ein.

taz: Wie viel ist denn da so im Klingelbeutel?

Böttcher: Bei mir waren das so um die 400 Euro.

taz: Damit lässt sich aber kein Staat machen. Und wer wählt dann den König?

Böttcher: Das Volk.

taz: Ganz Lüneburg wird da ja wohl nicht befragt.

Böttcher: Nein, aber alle Gäste, die vor Ort sind.

taz: Es hört sich ja ein wenig so an, als wäre der schwule Lüneburger Heidekönig seriös geworden. Hätte man einem der Monarchen der ersten Jahre mit seinem Gewand aus Lack und Leder überhaupt den Eintritt in den Fürstensaal gewährt?

Böttcher: Ja, im vergangenen Jahr war zum Beispiel der amtierende „Mister Fetish Berlin“ bei uns. Und wir hatten davor darüber diskutiert, ob Lüneburg dafür schon bereit sei. Wir wollten es zwar nicht auf die Spitze treiben, aber doch zeigen, dass die queere Community nicht nur schwul und lesbisch ist, sondern zum Beispiel die Fetisch-Community auch dazugehört. Mister Fetisch trat da dann in seinen Lederklamotten auf, und das war für alle vollkommen in Ordnung.

Die Wahl

des 22. schwulen Heidekönigs findet am Sonnabend, den 14. Februar, ab 16 Uhr im Rathaus Lüneburg statt.

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taz: Sind Sie eigentlich der einzige queere König in Deutschland?

Böttcher: Es gibt mehrere Würdenträger, aber die nennen sich nicht Majestäten, sondern Schärpenträger. So zum Beispiel die Blumenfee. Das ist auch eine queere Person – in dem Fall ein schwuler Mann. Und dann gibt es noch den Lebkuchenprinzen. Aber dessen Familie besitzt eine große Bäckerei, und dass er schwul ist, ist wohl eher ein Zufall.

taz: Und wie sehen Ihre Begegnungen mit dem Volk aus?

Böttcher: Bei den königlichen Veranstaltungen stellt man sich auf der Bühne vor und erzählt von den Anliegen, die man vertritt. Und bei mir ist das die Vielfalt in der Liebe und beim Geschlecht. Das versuche ich dann so niedrigschwellig wie möglich zu erklären, sodass alle Anwesenden mitgenommen werden können. Und wenn man danach dann ins Volk hineingeht und ein paar Autogrammkarten vergibt, dann kommt man oft etwas tiefer ins Gespräch.

taz: Und gibt es dabei dann auch Anhänger Ihrer Monarchie?

Böttcher: Ich habe zum Beispiel auf dem Land einige ältere queere Menschen getroffen, die alleine leben, weil es schwer für sie ist, in ihrem Dorf einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Und die freuen sich sehr, wenn sie mich sehen, weil sie daran erkennen, dass die nachfolgenden Generationen es vielleicht ein wenig besser haben werden als sie.

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