Schwarze Migration nach Afrika: Rückkehr ins Unbekannte

Ghana ruft Menschen in der Diaspora dazu auf, in das Land ihrer Wurzeln auszuwandern. Die in England geborene Jemima Nunoo hat den Schritt gewagt.

Elima Castle, Kanonen über dem Meer

Elmina Castle aus dem 15. Jahrhundert, Erinnerung an die europäische Kolonialherrschaft in Ghana Foto: Katrin Gaensler

ACCRA taz | Dienstagvormittag in Accra. Auf dem parkähnlichen Gelände des Du Bois Centre inmitten der ghanaischen Hauptstadt ist es anders als sonst in der Metropole angenehm ruhig. Ein leichter Wind weht. Ein Gärtner bewässert den kurz geschnittenen Rasen. Die Beete sind akkurat angelegt und gepflegt. Herzstück des Geländes ist das in ein Museum umgewandelte einstige Wohnhaus von William Edward Burghardt Du Bois. Sein Teeservice ist ebenso ausgestellt wie sein großer brauner Schreibtisch und Hunderte Bücher, die er im Jahr 1961 aus den USA und Europa nach Ghana mitbrachte.

Der 1868 in Massachusetts geborene Panafrikanist erhielt 1895 als erster Afroamerikaner einen wissenschaftlichen Doktorgrad an der berühmten Harvard-Universität. W.E.B. Du Bois, wie er meist abgekürzt wird, hat sich in seinen Schriften mit Rassismus, Kolonialismus und Demokratie beschäftigt. Er gilt als einer der ersten Rückkehrer*innen aus der Diaspora. Das war 1961. Heute ist Du Bois, der 1963 in Accra verstarb, Vorbild für viele, die aus den USA oder Großbritannien zurück ins „Mutterland“ Ghana ziehen wollen.

Traditionell gehören zu diesen „Rückkehrer*innen“ Menschen, die ihr Rentenalter in der alten Heimat verbringen. Dem ghanaische Präsidenten Nana Akufo-Addo reichte das nicht, er erklärte 2019 zum „Jahr der Rückkehr“ – 400 Jahre nach Ankunft der ersten Sklav*innen in den heutigen USA. Die Initiative hatte mehr Reisen ins Land zur Folge: Akufo-Addo sprach anschließend von 200.000 zusätzlichen Urlauber*innen bei insgesamt mehr als 1,13 Millionen Gästen.

Zum Boom beigetragen haben Besuche von Stars wie Rapper T.I. und Schauspieler Danny Glover. Entstanden ist daraus die Initiative „Nach der Rückkehr“. Tourist*innen, deren Familien ursprünglich aus Westafrika stammen, sollen dabei ebenso angesprochen werden wie jene, die sich dauerhaft in Ghana niederlassen wollen.

Schwarze in der Diaspora suchen Verbindung zum Kontinent

Naa Ajele Awula Akua Sharp, Programmleiterin im Du Bois Centre, sitzt auf der überdachten Terrasse des Verwaltungsgebäudes und bespricht sich mit dem Museumsleiter. „Unsere Besucherzahl ist definitiv gestiegen. Vor allem Schwarze in der Diaspora haben nach einer Verbindung zum Kontinent gesucht. Für viele war das eine spirituelle Reise.“ Sie erinnert sich an viele Gespräche, die sie während der Führungen durch das Museum geführt hat. „Wir sind gefragt worden, wie es uns in Ghana geht. Das hat mich berührt.“ Einige Kontakte seien allerdings etwas anstrengend gewesen, etwa Fragen danach, ob die Menschen in der Millionenstadt Accra in richtigen Häusern lebten oder wie viele bettelnde Kinder es gebe. „Wenn man mit diesen Vorstellungen kommt, kann der Alltag auch eine Art Kulturschock sein“, sagt Naa Ajele Awula Akua Sharp.

Wie viele Menschen infolge der Initiative planen, langfristig nach Ghana umzuziehen, ist nicht bekannt. Es existieren keine Agenturen, die im Ausland gezielt Rückkehrwillige anwerben würden. Im November 2019 hat die ghanaische Regierung 126 Afroamerikaner*innen und Einwohner*innen aus der Karibik mit afrikanischen Wurzeln in den Präsidentenpalast „Jubilee-Haus“ eingeladen, um ihnen die ghanaische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Es war ein symbolischer Akt, der dennoch viel Aufmerksamkeit erhielt. Gefördert wird die Ansiedlung in Ghana zudem durch das Recht für Menschen afrikanischen Ursprungs, auf unbestimmte Zeit und ohne Visum dort zu leben.

Accra hat sich in den vergangenen Jahren zu einer modernen Metropole gewandelt. Luxuriöse Apartmentblocks, teilweise mit Pool und Bar auf der Dachterrasse, werden hochgezogen. Neu angelegte Wohnviertel verfügen über breite Straßen und wirken geradezu amerikanisch. Caféhaus-Ketten eröffneten in der ganzen Stadt Filialen und bieten Salate, Wraps und Baguettes für ein schnelles Mittagessen an. Die Restaurantszene ist so vielfältig wie in keiner anderen westafrikanischen Stadt – wenn man sich das Ausgehen denn leisten kann. Für diejenigen, die das Großstadtleben in Europa und den USA gewöhnt sind und nach Accra kommen, macht das die Eingewöhnung leichter.

Jemima Nunoo: von Birningham nach Accra

Jemima Nunoo hat Zeit für ein Treffen und schlägt ein Café in West Legon vor, das nur wenige Minuten von ihrem Haus entfernt liegt. Accra nennt sie seit elf Jahren ihr Zuhause. Geboren wurde Nunoo in Manchester, wohin ihre Eltern in den 1970er Jahren zum Studium gezogen waren. Ihr Vater lebt bis heute in Großbritannien. Ihre Mutter ist erst vergangenes Jahr nach Ghana zurückgezogen.

„Es war eine gute Kindheit in einer höflichen, vorwiegend weißen Nachbarschaft“, erinnert sich Nunoo an die Zeit in Manchester, die aber nicht ohne Stereotype ablief. „Ich wurde gefragt, ob es in Afrika Häuser gibt und wir Elefanten im Garten haben; Dinge, über die man heute lachen kann.“ Regelmäßige Besuche in der alten Heimat zählten zum Familienleben. „Es war stets ein Teil von mir, und ich hatte nie eine negative Einstellung dazu, die nicht nur Europäer*innen, sondern auch mitunter Menschen afrikanischen Ursprungs in Europa haben“, sagt Nunoo.

Nach der Schule studierte sie in Birmingham und London Biochemie sowie internationale Beziehungen. Ihren ersten Einjahresvertrag als Dozentin an der Universität Nottingham hätte sie verlängern können. „Doch ich habe mich in wie in einem Hamsterrad gefühlt. Ich lief und lief und lief, sah aber keine Ergebnisse und hatte nicht den Eindruck, dass mein Einsatz mich voranbringt. Ich war müde.“ Beim Erzählen macht sie eine unmerkliche Pause. „Letztendlich gab es nur zwei Möglichkeiten: Ich arbeite weiter in England, habe ein komfortables Leben, aber verändere nichts. Die meisten schwarzen Akademiker*innen im Vereinigten Königreich spüren diese Grenze.“ Die andere Option hieß Afrika, Ghana, „meine Heimat“.

Anders als andere Staaten wirbt Ghana nicht explizit Rückkehrwillige aus bestimmten Berufsgruppen an. Das geschieht mitunter nur, wenn die Abwanderung von Fachkräften, etwa im medizinischen Bereich, zu groß wird. „Jeder, der kommen möchte“, sei willkommen, heißt es vonseiten der regierenden Neuen Patriotischen Partei. So kommt nicht nur Wissen und Berufserfahrung in das knapp 30 Millionen Einwohner*innen zählende Land, sondern auch Kapital. Statistiken fehlen, doch tatsächlich sind es durchaus Gutverdiener*innen, die nach Afrika „zurückkehren“ oder laut über einen Umzug nachdenken.

Jemima Nunoo

Jemima Nunoo ist aus Großbritannien nach Ghana ausgewandert. Es ist das Land ihrer Vorfahren Foto: Katrin Gaensler

Jemima Nunoo kann sich noch genau an die Reaktionen erinnern, als sich unter ihren Bekannten herumsprach, dass sie fortan in Ghana leben würde. „Man hat gedacht, ich sei verrückt. Meiner Mutter sagte man: Was macht deine hervorragend ausgebildete Tochter dort? Sie wird sicherlich nicht lange bleiben.“ Selbst die eigene Mutter bestand auf der Buchung eines Rückflugtickets nach England. Aus dem Rückflug ist nichts geworden. Heute arbeitet Nunoo als Dozentin am Ghana Institute of Management and Public Administration.

Ghanas Vorteile: politisch und wirtschaftlich stabil

Ghana gilt seit Jahrzehnten als politisch stabil und als eine gefestigte Demokratie. Es wird international als Land mittleren Einkommens eingestuft, und was die Anfälligkeit für Korruption angeht, listet Transparency International die einstige britische Kolonie auf Platz 80 von 180. Diese Faktoren sind weitere Entscheidungshelfer für einen Umzug. Andere Staaten wie Nigeria, das seit Jahren um Immigrant*innen – etwa medi­zinisches Personal – wirbt, können da nicht mithalten.

Jemima Nunoo

„Für jeden negativen Aspekt bekomme ich zehn gute Dinge zurück“

Trotzdem sei der Neubeginn anfangs nicht immer leicht gewesen, berichtet Jemima Nunoo. In den Anfangsjahren sei es zu häufigen Stromausfällen gekommen. Der ewig laut brummende Generator, der dichte Verkehr, Fußgänger*innen und Mopedfahrer*innen, die sich an keine Regel halten, zeitaufwändige Besuche bei der Bank, die sich in England telefonisch oder per Mail regeln ließen: Nunoos Liste der Anpassungsprobleme ist lang. Bei der Eingewöhnung habe ihr damals ihre Familie geholfen. So viel Glück hat jedoch nicht jeder.

Naa Ajele Awula Akua Sharp

Naa Ajele Awula Akua Sharp motiviert Menschen mit afrikanischen Wurzeln zum Umzug nach Ghana Foto: Katrin Gaensler

Um die Einwanderung für Menschen aus der Diaspora wie für die Regierung gleichermaßen erfolgreich zu machen, braucht es Strukturen. „Ein Unternehmen, das dich an die Hand nimmt und bei der Wohnungssuche unterstützt, Kontakte zu Firmen hat, die gerne Rückkehrer*innen beschäftigen wollen, sind ebenso wichtig wie Informationen über gute Investitionsmöglichkeiten“, sagt Nunoo.

Jemima Nunoo ist viel in Kontakt mit Ghanaer*innen, die zurück ins „Mutterland“ kehren wollen. Nunoo gibt ihnen Tipps und Erfahrungen weiter, bleibt aber auch realistisch. „Kommen hundert Personen zurück, bleiben vielleicht sechzig dauerhaft hier. Längst nicht jede Rückkehr ist erfolgreich.“ Sie selbst meint, trotz der schwierigen Eingewöhnung die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nunoo lächelt: „Für jeden negativen Aspekt bekomme ich zehn wirklich gute Dinge zurück. Ghana gibt mir Optionen, die ich im Vereinigten Königreich nie gehabt hätte.“ Was sie aber vor allem gewonnen hat, seien Spontanität und Freiheit. „Die Qualität meines Lebens hat sich sehr verbessert. In England ist doch jede Minute durchgeplant.“

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