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Schritt zur EnergiewendeStartschuss für zwei Knallgas-Fabriken

In Norddeutschland beginnt der Bau großer Elektrolyseure. Diese Anlagen können ein Problem der Energiewende lösen: überschüssigen Strom speichern.

Ein Industriemechaniker kontrolliert einen Stack, aus denen Elektrolyseure zusammengesetzt sind Foto: Martin Schutt/dpa

Die Energiewende in Norddeutschland kommt in diesen Tagen einen großen Schritt voran. Am Montag wird in Hamburg der Grundstein eines 100-Megawatt(MW)-Elektrolyseurs zur Wasserstoffherstellung gelegt. Bereits am Freitag hatte der Oldenburger Energieversorger EWE den Baustart für eine noch größere Anlage mit 280 MW verkündet. Laut dem Wasserstoff-Kompass sind in ganz Europa derzeit 230 MW in Betrieb und bis dato sind 470 solcher Anlagen im Bau.

Zu der Grundsteinlegung in Hamburg haben sich sowohl der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) als auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) angekündigt. Der Elektrolyseur ist das Kernstück des in Bau befindlichen „Hamburg Green Hydrogen Hub“, der Hamburg zu einer Drehscheibe der Wasserstoffversorgung machen soll.

Ähnliches plant EWE unter dem Titel „Clean Hydrogene Coastline – Elektrolyse Ostfriesland“. Allerdings beschränkte sich der zu 74 Prozent kommunale Versorger auf eine Pressemitteilung zur Vergabe des Auftrags für die Hoch- und Tiefbauarbeiten. Damit liegen die Oldenburger im Zeitplan deutlich hinter den Hamburgern. Ende 2027 wollen sie die ersten Kunden beliefern, die Hamburger ab dem ersten Halbjahr 2027.

Wasserstoff ist der zentrale Energieträger der Energiewende. Er soll zum einen dazu dienen, überschüssigen Wind- und Sonnenstrom zu speichern. Heute müssen namentlich Windkraftanlagen oft abgeriegelt werden, weil der Strom, den sie erzeugen, gerade nicht verbraucht werden kann.

Wasserstoff macht Stahlherstellung grün

Zum anderen soll Wasserstoff fossile Energieträger wie Erdgas und Erdöl ersetzen. Flugzeuge oder große Schiffe sind mit Strom schwierig zu betreiben. Bei der Zement-, der Stahlherstellung und der chemischen Industrie dient der Wasserstoff als Ersatzrohstoff, um die Produktionsprozesse klimaneutral zu machen. Bei der Stahlherstellung etwa wird dem Eisen mit Wasserstoff statt mit Kohle der Sauerstoff entzogen.

In Hamburg entsteht die Drehscheibe für grünen Wasserstoff sinnigerweise auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Moorburg, das nach nur wenigen Jahren Betriebszeit stillgelegt wurde. Gebaut wird der Hub von der Projektentwicklungsfirma Luxcara zusammen mit den Hamburger Energiewerken, die nach einem Volksentscheid 2013 vom Senat wieder zurückgekauft werden mussten.

Knallgas aus dem Chemieunterricht

Dabei bietet der Standort Moorburg eine Reihe von Vorteilen: Ein Teil der ehemaligen Kraftwerksinfrastruktur soll genutzt werden. Vor Ort gibt es ein 380-KV-Höchstspannungsnetz, an das der Elektrolyseur angeschlossen werden kann, um mit Strom aus den Offshore-Windkraftanlagen der Nordsee Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff – das Knallgas aus dem Chemieunterricht – zu spalten.

Das Gelände liegt am seeschifftiefen Wasser, sodass hier auch Tanker mit günstigem Wasserstoff aus Übersee anlegen können. Und es gibt im Hamburger Süden eine Reihe von Industriebetrieben, die den Wasserstoff abnehmen könnten. Interesse angemeldet haben etwa der Tesa-Hersteller Beiersdorf, der Flugzeugbauer Airbus und das Stahlwerk von Arcelor Mittal.

Die 280 Millionen Euro Fördergeld, die der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor gut einem Jahr mitbrachte, sind deshalb nicht nur für den Hub, sondern auch für ein lokales Verteilnetz – das Hamburger Wasserstoff-Industrienetz (HH-Win) – vorgesehen, an dem schon kräftig gebaut wird: 40 Kilometer bis 2027, 60 Kilometer bis spätestens 2032 sollen es werden.

Dieses lokale Netz ist inzwischen auch Teil des bundesweiten Wasserstoff-Kernnetzes. „Unsere Industriebetriebe können damit unkompliziert Wasserstoff beziehen und ihre CO2-Emissionen senken“, kommentiert Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) diese Zusage.

Leonhard zufolge profitieren die Hamburger Unternehmen durch die Aufnahme ins Kernnetz von einem bundesweit einheitlichen Netzentgelt. Dieses Netz-Hochlaufentgelt soll dafür sorgen, dass die anfänglich hohen Investitionskosten nicht allein von den ersten Nutzern getragen werden müssen, sondern auf künftige Nutzer umverteilt werden.

Der Hochlauf gelingt nur, wenn Regulierung und Förderung zielgerichtet weiterentwickelt werden.

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender EWE

„Der Hochlauf gelingt nur, wenn Regulierung und Förderung zielgerichtet weiterentwickelt werden“, warnte der EWE-Vorstandsvorsitzende Stefan Dohler. Dazu müssten die EU-Regeln, was als erneuerbarer Wasserstoff gelten könne, so angepasst werden, das Elektrolyseurer flexibler und damit wirtschaftlicher betrieben werden könnten. Zudem bräuchten die Anlagen günstige Strompreise und eine verlässliche Nachfrage, etwa durch Quoten für grüne Industrieprodukte.

EWE baut in Ostfriesland neben dem Elektrolyseur ebenfalls eine Pipeline-Infrastruktur mit Anschluss ans europäische Wasserstoffnetz sowie einen Kavernenspeicher in Huntorf. Dazu soll einer von sieben großen unterirdischen Hohlräumen, in denen bisher Erdgas gespeichert wird, auf Wasserstoff umgerüstet werden.

Den Nachweis, dass Wasserstoff in Salzkavernen gelagert und mit hoher Reinheit wieder extrahiert werden kann, habe EWE im Rahmen eines Forschungsvorhabens in Rüdersdorf bei Berlin bereits erbracht, teilt das Unternehmen mit.

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