Raubkatzen besprühen im Park: Panther und Jaguare
Ein aufgeschnapptes Partygespräch vereint Großkatzen, Kunst und die Bibel. Und was ist eigentlich in den Zigaretten?
D en Jaguar am Weißen See kennt ihr doch“, sagt Kathrin. „Die Bronzeskulptur, die ständig ihre Farbe wechselt.“ Nach dem Abendessen stehen wir auf Nadines Balkon. „Was ist mit dem Panther?“, frage ich.
„Jaguar“, sagt Kathrin. Sie nimmt einen Zug von ihrer Zigarette, hält den Rauch kurz in der Lunge und stößt ihn dann wieder aus. „Ich habe seinen Farbcode geknackt. Ich weiß, welche Farbe er als nächstes tragen wird.“ Sie streckt Nadine die Zigarette hin. „Die Farbverwandlerin ist eine emeritierte Professorin. Zu DDR-Zeiten hatte sie eine Dozentur an der Kunsthochschule Weißensee.“
Nadine wendet den Kopf zur Seite und bläst Rauch aus. „Ganz so jung kann die Professorin aber nicht mehr sein.“ „Sie ist 78.“ Ich versuche mir eine 78-Jährige mit Spraydose und Hoodie vorzustellen. „Hinter den Farbwechseln steckt ein Muster. Der Schlüssel dazu: die Bibel. Den entscheidenden Hinweis habe ich im Darknet gefunden.“ Drei Sätze, die direkt aus Dan Browns „Da Vinci Code“ stammen könnten.
„Die Professorin liest die Bibel chronologisch wie einen Roman“, fährt Kathrin fort. „Es ist ein Langzeitprojekt. Wenn eine Farbe auftaucht, notiert sie diese Farbe.“ Es wird immer wilder. „Und nach diesem Muster wechselt der Jaguar sein Äußeres? Ist das der Code?“ Nadine ist plötzlich sehr aufgeregt.
Kathrin nickt. „Krass“, sagt Nadine. „Die Professorin liest langsam“, sage ich. „Manchmal wechselt die Farbe Monate nicht.“ „Sie ist 78“, sagt Kathrin. „Sie hat ein Augenleiden.“ Ich sehe sie an. „Du machst dir keine Vorstellung, wie viele ewig lange farblose Passagen es in der Bibel gibt.“
Sie scheint das ernst zu meinen. „Wie kommt man auf so was – die Bibel lesen und wehrlose Panther im Park besprühen?“ „Es ist ein Jaguar“, sagt Nadine. „Es ist Kunst“, sagt Kathrin. Es ist, was es ist, sagt Erich Fried, denke ich. Vom Himmel schweben ein paar einzelne Schneeflocken. Nadine tippt Asche von ihrer Zigarette über die Brüstung des Balkons. „Was raucht ihr da eigentlich?“, frage ich. Die beiden schauen mich an. „Die Zigaretten sind vegan“, sagt Kathrin. „Und Fairtrade“, sagt Nadine.
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