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Schlafende MarionettenVorsichtig behandeln – Puppenspieler

Über schlafende Puppen am S-Bahnhof in Berlin-Friedrichshain und darüber, was diese von uns Menschen unterscheidet.

D er Bahnhof Ostkreuz ist an manchen Tagen so zugig, dass die Kälte aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig kommt. Heute scheint sie es vor allem auf einen alten Mann abgesehen zu haben, der auf der Bank an den Ferngleisen sitzt. Der Alte trägt einen schäbigen schwarzen Mantel. Neben ihm steht ein großer Koffer, wie sie ihn früher hatten. Er ist beschrieben, in großen Lettern, mit „Vorsichtig behandeln – Marionetten“. Und es sind kunstvoll Püppchen darauf gemalt, ein König, eine Königin.

Der Mann ist wunderbar aus der Zeit gefallen, denke ich. Ihn zu beobachten vertreibt die Zeit. In der Nähe warten auch andere, ein Vater mit kleinem Kind. Sie gucken Züge an, als der Junge den Puppenspieler entdeckt. Eingepackt wie ein Michelin-Männchen, wetzt er hinüber. Der Vater greift eilig nach der Hand des Kleinen.„Komm, Leo“, fordert er, „der Mann will seine Ruhe.“

Aber Leo rührt sich nicht. Der Alte hebt den Kopf. „Lassen’sen mal“, raspelt er. „Der Kleene hört se atmen.“ Der Vater stutzt. „Da sind doch Puppen drin?“, fragt er. „Unsinn“, antwortet der Alte. „Das sind Persönlichkeiten. Gerade schlafen sie. Und der König“, er macht eine Pause, „der schnarcht ein bisschen.“

Das Kind starrt mit aufgerissenen Augen den Koffer an. Ich muss lachen. Und auch Leos Vater lächelt.

„Na dann“, sagt er. „Du hast es gehört, Leo, lassen wir sie mal schlafen.“ Die beiden gehen zum S-Bahnsteig hinunter. „Haben sie ihre Fäden gut sortiert da drin?“, frage ich den Puppenspieler. „Manchmal verheddern sie sich“, antwortet er. „Das gehört wohl dazu.“

Szene

Kleine Geschichten aus dem Alltag, zufällig belauschte Gespräche, Begegnungen, die im Kopf bleiben. Lustiges, Skurriles, Ärgerliches, Trauriges und nachdenklich Stimmendes, Glossen übers Flanieren und die Mythen aus der großen Stadt, aufgeschrieben von den Autor:innen der taz Kulturredaktion. ➝ zur Kolumne

Dann kommt der Zug, auf den ich warte. „Gute Reise“, sage ich. Und überlege, dass der Unterschied zwischen uns und den Puppen gar nicht so groß ist. Wir frieren nur mehr.

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