Schiitische Prozession in Berlin-Mitte: Das Gerücht von den misshandelten Kindern
Eine islamische Kundgebung im Zentrum Berlins sorgte am Wochenende für Empörung. Die Polizei widerspricht aber manchen Behauptungen.
Große Aufregung! Bei einer „Islamisten-Demo“ hätten am Wochenende „gefesselte Kinder bei Gluthitze“ durch Mitte laufen müssen, schreibt das Boulevard-Blatt B. Z. Und fragt: „Warum ist DAS erlaubt?“ Der Bild-Mitarbeiter Iman Sefati sprach auf der Plattform X von einer „politischen Machtdemonstration regimetreuer Anhänger des iranischen Regimes“, während die israelische Botschaft behauptete, dort sei die „Ideologie des dschihadistischen Hasses“ verbreitet worden. Der Tagesspiegel meinte sogar fälschlicherweise, dort IS-Flaggen gesichtet zu haben, und korrigierte sich erst später.
Was war passiert? Eine schiitische Gruppierung war am Samstag mit rund 600 Menschen durch das Zentrum Berlins gezogen. Angekündigt als „Aschura-Marsch“ für „Solidarität gegenüber allen unterdrückten Menschen weltweit“, zogen überwiegend schwarz gekleidete Männer, tief verschleierte Frauen und deren Kinder bis zum Gendarmenmarkt: zweifellos ein seltsamer Anblick. Die Vorstellung, sie könnten IS-Flaggen bei sich getragen haben, ist besonders absurd, wenn man weiß, dass der IS die Schiiten als Abtrünnige betrachtet und abgeschlachtet hat.
Aschura ist ein schiitisches Trauerfest: Gläubige erinnern dabei an den Märtyrertod des von ihnen verehrten Imams Hussein, eines Enkels des Propheten. Für besonderes Befremden sorgte in Berlin eine szenische Darstellung der Verschleppung von Frauen und Kindern zur Zeit des Imams Hussein: Dafür liefen im Zug mindestens drei Kinder in historischen Kostümen, die, wie ein Foto in der B. Z. zeigte, durch ein Seil, das sie in der Hand trugen, miteinander verbunden waren.
Eine religiös-politische Kundgebung
Die schiitische Prozession durch die Mitte Berlins trug erkennbar religiös-politische Züge. Nach Angaben des „Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus“ (JFDA), einem eher rechten Demo-Monitor, sei dort auch dem früheren iranischen „Revolutionsführer“ Ali Chamenei und dem früheren geistlichen Führer der Hisbollah im Libanon, Hassan Nasrallah, gehuldigt worden – beide wurden durch israelische Angriffe getötet. Das JFDA bezeichnete den Aufmarsch deshalb als „islamistische Demonstration“ und veröffentlichte einen Zusammenschnitt von Videos und Bildern des Aufzugs im Netz.
Die Social-Media-Kommentare und die Medienberichte über den Demonstrationszug konzentrierten sich auf die Kinder, deren Bilder nur zum Teil verpixelt wurden. Das erweckte den Eindruck, als ob deren szenische Darstellung auch den Demonstrationszug dominiert hätte. Die Polizei stellt das Geschehen etwas anders dar: Nach einem „Kooperationsgespräch“ mit der Polizeileitung habe die Versammlungsleiterin dafür gesorgt, dass das Theaterstück mit den aneinandergebundenen Kindern sofort beendet wurde. Und: Die eingesetzten Dolmetscher hätten „keine strafbaren Inhalte bei Ausrufen und Redebeiträgen, an mitgeführten Transparenten sowie Fahnen“ festgestellt, betonte sie.
Doch da war die Welle der Empörung schon am Rollen. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprach von einer „Gefährdung des Kindeswohls“, die AfD forderte, solche „radikalen Aufmärsche“ sofort zu verbieten, und der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, ging noch einen Schritt weiter: Man müsse „Wege prüfen, wie wir Iraner und andere Menschen aus der Region, die Anhänger der Islamischen Republik Iran sind, unabhängig von ihrem Pass ausweisen können“, schrieb er auf X.
Was seine Partei von seinen Abschiebefantasien hält, ist nicht bekannt: Die Grünen äußerten sich dazu bislang nicht.
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