Schiffbaubranche boomt: Kreuzfahrtschiffe und Yachten füllen die Auftragsbücher
Die deutsche Autobranche schwächelt, aber die maritime Industrie kann sich vor Aufträgen kaum retten. Kreuzfahrtschiffe gehen weg wie geschnitten Brot.
Foto: Christian Charisius/dpa
Während die deutsche Autoindustrie darbt, kann sich der Schiffbau vor Aufträgen kaum retten. „Der globale Schiffbaumarkt verzeichnet den zweithöchsten Auftragseingang seiner Geschichte“, sagte Reinhard Lüken, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Schiffbau und Meerestechnik am Donnerstag in Hamburg. Die deutsche maritime Industrie profitiert davon insbesondere, weil sie beim Bau von Kreuzfahrtschiffen wettbewerbsfähig ist.
Lüken äußerte sich vor der SMM (Shipbuilding, Machinery & Marine Technology), der Weltleitmesse der maritimen Wirtschaft, die vom 1. bis 4. September in Hamburg stattfinden wird. Hier präsentieren sich Schiffbauer, Zulieferer und Dienstleister – bis hin zum spezialisierten Anwaltsbüro.
Wie gut die Auftragslage ist, zeigt sich daran, dass gegenwärtig neuer Schiffsraum im Umfang von 21 Prozent der fahrenden Flotte bestellt ist. Das ist viel, aber längst nicht so viel wie 2008, als es 55 Prozent der fahrenden Flotte waren. Kurz darauf brach der Markt zusammen. Schiffe mussten notverkauft und verschrottet werden. Auch heute gibt es Lüken zufolge ein Segment mit einem ähnlich hohen Wert: die sehr großen Containerschiffe mit 49 Prozent.
Von den im vergangenen Jahr ausgelieferten Schiffen kamen am Fassungsvermögen gemessen 90 Prozent aus China. Das heißt, auch, die deutschen Reeder bestellen ihre Schiffe im Wesentlichen in China – mit dem entsprechenden geostrategischen Risiko. „Das ist nicht das Ergebnis von normalen Marktverhältnissen“, sagte Lüken. Vielmehr sei es das Ergebnis chinesischer Industriepolitik.
Viel Umsatz mit Kreuzfahrtschiffen
Beim besonders volumenträchtigen Bau von Containerschiffen spielt Deutschland praktisch keine Rolle mehr. Ihren Umsatz machen die deutschen Werften vor allem mit Kreuzfahrtschiffen und Yachten: Im gegenwärtigen zivilen Auftragsbestand stellen diese gemessen am Raumvolumen 87 Prozent, 5 Prozent die Handelsschiffe.
Die Nachfrage nach Kreuzfahrten hat sich seit dem Einbruch im Coronajahr 2020 kräftig erholt. Das Passagieraufkommen ist gegenüber der Vor-Corona-Zeit um ein Viertel gestiegen. Noch nie wurden so viele Neubauten bestellt. Dabei lässt sich mit den Kreuzfahrtschiffen auch noch verhältnismäßig viel Umsatz machen.
16 Prozent der weltweiten Investitionen im Schiffbau fließen in die Kreuzfahrt, 32 Prozent in die Containerschifffahrt, obwohl viel mehr Container- als Kreuzfahrtschiffe geordert werden. Die deutschen Werften können hier mithalten, weil sie viel Know-how für den aufwendigen Bau dieser Schiffe erworben haben.
Foto: Lars Penning/dpa
Der Boom bei den Kreuzfahrtschiffen steigert die Nachfrage an Fachkräften. Dazu kommt die Produktion von Konverterstationen für Offshore-Windparks, die den erzeugten Strom so umformen, dass er fast verlustfrei an Land transportiert werden kann. „Das ist ein Segment, in dem wir endlich einen Durchbruch haben“, sagte Lüken. Hier hätten europäische Hersteller einen Vorteil, weil es sich um kritische Infrastruktur handele.
Bedarf hat auch der Marineschiffbau. Die Nachfrage sei auch hier massiv gestiegen. „Die Industrie investiert“, sagte Lüken, „aber der Staat muss schneller werden.“ Der Hinweis gilt dem Beschaffungswesen der Bundeswehr, dem der Ruf notorischer Umständlichkeit anhaftet.
Den Verzicht des Bundesverteidigungsministeriums auf das sehr aufwendige Fregattenprojekt „F126“ bedauerte Lüken mit Blick auf die involvierten Unternehmen. Die Entscheidung, stattdessen eine bewährte Standardlösung zu bestellen, bezeichnete er jedoch als einen Riesenschritt.
Im Volumen klein, aber für den billigen Transport von Massengütern von Bedeutung, ist die Binnenschifffahrt, die sich mit dem Problem des seit Jahren zunehmenden Niedrigwassers auseinandersetzen muss. Lüken beklagte einen Investitionsstau sowohl bei der Infrastruktur, also den Wasserwegen, als auch bei der Flotte, die im Durchschnitt 70 Jahre alt sei.
Holger Buschmann, Nabu Niedersachsen
Es müssten zumindest Problemstellen beseitigt und Schiffe mit geringerem Tiefgang gebaut werden. Dazu brauche es eine verlässliche Nachfrage, politischen Willen und Kapital. „Das sind alles Probleme, die wir ohne den Staat nicht lösen können“, sagte Lüken.
Aus Sicht von Umweltschützern kann es nicht darum gehen, die Flüsse immer weiter für die Schifffahrt zuzurichten. Statt auf größere Abladetiefen und den weiteren Ausbau von Wasserstraßen zu setzen, müsse die Widerstandsfähigkeit der Flüsse und ihrer Auen gegen Trockenheit und Hochwasser gestärkt werden, forderte kürzlich der Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen.
„Niedrigwasser lässt sich nicht wegbaggern“, sagte der Landesvorsitzende Holger Buschmann. „Wir müssen vielmehr dafür sorgen, dass Wasser länger in unseren Landschaften gehalten wird.“
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