SPD-Fraktionschefin über Männer

„Die kleinen Sticheleien “

Johanne Modder, die erste Frau an der Spitze der SPD-Fraktion in Niedersachsen, läuft zur Hochform auf, wenn sie nicht ernst genommen wird.

SPD-Fraktionschefin kritisiert Männerdomäne Politik: Johanne Modder

Fordert das Paritégesetz: Johanne Modder (SPD) Foto: dpa

taz: Frau Modder, haben Sie jemals gemerkt, dass Sie in der Politik nicht ernst genommen werden, weil Sie eine Frau sind?

Johanne Modder: Ja. Ganz am Anfang meiner politischen Aktivitäten, als ich bei mir im SPD-Ortsverein aufgeschlagen bin. Die Männer dort haben meine Wortmeldungen abgetan, weil ich neu war und angeblich wenig Erfahrung hatte.

Sind Sie da als junge Frau in einen Männerzirkel geplatzt?

Das war 1986, als ich mich dazu entschieden habe, erstmalig für den Samtgemeinderat zu kandidieren. Wir hatten dort zwar zwei aktive Frauen, aber insgesamt war es eine sehr männerdominierte Welt.

Was hat es mit Ihnen gemacht, wenn Sie von den Männern nicht ernst genommen wurden?

Johanne Modder, 58, ist die erste weibliche Fraktionsvorsitzende der SPD im niedersächsischen Landtag. Sie lebt in Bunde, ist seit 1986 Sozialdemokratin und seit 2003 Landtagsabgeordnete. Sie war auch Bürgermeisterin ihrer Gemeinde.

Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich dann richtig zur Hochform auflaufe. Solche Situationen stacheln mich eher an. Ich bin hartnäckig geblieben und das hat auf der anderen Seite Eindruck gemacht. Wir Frauen mussten Kampfeswillen haben, dafür sorgen, dass wir nicht unterbrochen und ernst genommen werden – und das scheint auch heute noch vorzukommen.

Gab es eine Situation, in der ein Mann versucht hat, Ihre Karriere tatsächlich zu blockieren?

Nein. Es blieb bei den Vorbehalten gegenüber einer politisch engagierten jungen Frau, die gerade eine Familie gegründet und eine pflegebedürftige Mutter zu Hause hatte. Da war immer die Frage der Männer: Kann sie das überhaupt schaffen? Es liegt wohl schon in meiner Biografie, dass ich immer ein bisschen kämpfen musste.

Inwiefern?

Ich komme aus einfachen Verhältnissen und meine Familie war wirtschaftlich nie auf Rosen gebettet. Ich will aber ausdrücklich sagen, dass ich eine sehr glückliche Kindheit hatte. Es hat uns nichts gefehlt, weil eben andere Sachen da waren: Zuneigung, Liebe, meine sechs Geschwister. Es gab aber Zeiten in meinem Leben, die nicht einfach waren.

Was ist passiert?

Ich habe später meinen Beruf als Verwaltungsangestellte aufgegeben, weil unsere Mutter ein Pflegefall wurde. Ich habe sie fünf Jahre pflegen dürfen. Das hat mir noch mal einen ganz anderen Eindruck davon vermittelt, was das Leben so parat hält. Als meine Mutter verstorben ist, ist meine Schwester, selbst Mutter von drei Kindern, kurze Zeit später leider sehr schwer an Krebs erkrankt und ich durfte sie dann beim Sterben begleiten. Ich sage ausdrücklich durfte, weil das viel mit einem macht.

Hilft es Ihnen in der Politik, dass Sie diese Erfahrungen gemacht haben?

Ich glaube, dass es im politischen Arbeiten wichtig ist, eine Ahnung davon zu haben, wovon man spricht.

Sie sind die erste weibliche Fraktionsvorsitzende der SPD in Niedersachsen und haben in dieser Position berühmte männliche Vorgänger wie Sigmar Gabriel oder Gerhard Schröder. Werden Sie als Frau in diesem Job anders beurteilt?

Ich denke schon, dass ich als Frau kritischer gesehen werde, obwohl ich das gar nicht an etwas Konkretem festmachen kann. Es sind die kleinen Sticheleien und Bemerkungen. Im alltäglichen Arbeiten werde ich aber nicht mit Gerd Schröder oder Sigmar Gabriel verglichen.

Warum sind Sie in die Politik gegangen?

Ich war immer jemand, die sich kritisch eingemischt hat. In der Schule, im Handballverein, in der Kirchengemeinde. Weil ich in der Verwaltung gearbeitet habe, sind Kommunalpolitiker auf mich aufmerksam geworden. Als ich meinen Beruf wegen meiner Mutter aufgegeben hatte, kam der Bürgermeister der Gemeinde zu mir und fragte mich, ob ich mich ehrenamtlich engagieren möchte. Er hat wörtlich gesagt: „Das kann doch nicht alles gewesen sein, was du willst?“

Das hat Sie zum Nachdenken gebracht?

Ja. Natürlich habe ich das – typisch Frau – gut durchdacht, ob ich das wirklich will und zeitlich hinbekomme. Ein kommunalpolitisches Mandat war nicht so einfach wegen der Pflege meiner Mutter und der Versorgung unserer Kinder. Aber dann habe ich mich entschieden, diesen Weg zu gehen, auch weil mein Mann mir den Rücken freigehalten hat.

Wie sind Sie Abgeordnete im niedersächsischen Landtag geworden?

Ich habe mich nie in den Vordergrund gespielt. Es ist einfach auf mich zugekommen. Mein Vorgänger hatte sich entschieden, nicht mehr zu kandidieren und dann kam die Partei auf mich zu und hat mich gefragt. Ich habe gleich zugegriffen und mich der innerparteilichen Auseinandersetzung um das Mandat gestellt.

Hatten Sie weibliche Vorbilder?

Meine Mutter ist mein Vorbild! Sie hat uns Kinder nie merken lassen, dass sie es schwer hatte. Ich werde heute noch sehr empfindlich, wenn jemand urteilt, wenn Kinder aus einer kinderreichen Familie stammen und diese als bildungsfern tituliert. Meine Mutter hat alles daran gesetzt, dass ihre Kinder etwas lernen und anständige Menschen werden. Und wir haben ihr viel zu verdanken.

Wie fördern Sie heute andere Frauen?

Indem ich diese Funktion nutze und versuche, auch zu beweisen, dass Frauen das können. Ich möchte Frauen ermutigen, mitzumachen und sich einzumischen. Ab März mache ich deshalb auch ein Mentorinnenprogramm innerhalb der SPD mit. Neue Frauen begleiten dabei erfahrene Frauen im politischen Alltag und geben ihnen Hilfestellung für das politische Engagement.

Woran liegt es, dass der Anteil der Frauen im Landtag und vielen Kommunalparlamenten zurückgeht?

Es gibt nicht den einen Grund und die eine Lösung. Bei den Kommunalparlamenten sind oftmals auch die Rahmenbedingungen nicht sehr familienfreundlich. Junge Frauen fragen sich oft , ob sie dieses Ehrenamt neben Job, Familie und vielleicht noch Pflegefall übernehmen wollen. Sie überlegen für sich, ob sie sich dieser Auseinandersetzung stellen wollen. Die Politik ist ja nicht mit Applaus versehen. Deshalb müssen sie dafür brennen, dass sie was verändern wollen und mitgestalten können.

Gibt es noch klassische Männerbünde?

In einigen Regionen ist die Politik leider immer noch eine starke Männerdomäne. Frauen werden stärker hinterfragt und hinterfragen sich auch selbst, ob sie es können, sich trauen und wollen. Männer sagen eher: Hier bin ich und ich mach das. Wenn mancher Mann sich stärker selber hinterfragen würde, wäre uns einiges erspart geblieben.

Unterscheidet sich die Politik von Frauen und Männern?

Frauen haben andere Sichtweisen und sie gehen anders mit Konflikten um als Männer. Wir Frauen haben ein gutes Gespür dafür, ob in einer Situation der Kompromiss gesucht werden muss oder unbedingt die Auseinandersetzung für Klarheit sorgt.

Ist das nicht auch ein Vorurteil gegenüber Frauen, wenn auch ein positives?

Ich will das nicht pauschalieren, aber als Fraktionsvorsitzende beobachte ich die unterschiedlichen Herangehensweisen. Deshalb tut es Parlamenten gut, wenn die Geschlechter paritätisch vertreten sind.

Warum fordern Sie heute nicht mehr eine härtere Quote, um den Frauenanteil zu erhöhen, sondern ein Parité-Gesetz?

Wir haben in meiner Partei, der SPD, unsere Erfahrungen mit den Quoten gemacht. Für mich fühlt es sich so an, als würden wir uns mit 30 Prozent zufriedengeben.

Warum?

Uns stehen 50 Prozent zu. Diese Quoten führen nicht zu den Ergebnissen, die wir uns wünschen. Ich will mich deshalb mit einer Quotendiskussion nicht mehr zufriedengeben.

Was genau ist das Parité-Gesetz?

Ein Gesetz, mit dessen Hilfe je die Hälfte eines Parlamentes mit Frauen und Männern besetzt wird. Die genaue Ausgestaltung müssen wir noch besprechen. Denn anders als in Frankreich, dem Ursprungsland des Gesetzes, haben wir eine Persönlichkeits- und eine Listenwahl und deshalb verfassungsrechtliche Fragen zu klären. Eine Wahlrechtsreform bricht man nicht übers Knie, sondern muss gut vorbereitet und breit diskutiert werden.

Bei der Direktwahl stimmen Wähler*innen direkt für Kandidat*innen und hebeln so die oftmals bereits paritätisch besetzten Listen aus, sodass doch wieder mehr Männer im Parlament sitzen.

Genau. Eine Variante wäre es, in den Wahlkreisen Duos zu bilden, sodass immer ein Mann und eine Frau direkt gewählt werden. Damit sich nicht das Parlament verdoppelt, bräuchten wir größere Wahlkreise. Aber das ist schon das erste Problem. Dafür ist die Wahlkreisreform nötig.

Glauben Sie, das ist mit Ihrem männerdominierten Koalitionspartner CDU zu machen?

Im Moment eher unwahrscheinlich. Aber die Debatte, die aufgrund von 100 Jahren Frauenwahlrecht in Gang gekommen ist, baut Druck auf. Wir werden das immer und immer wieder fordern und lauter werden. Und doch stehen Ihnen die Männer im Weg.

Ja, weil sie etwas zu verlieren haben. Aber die Unterstützung ist ebenfalls groß: In Niedersachsen hat Ministerpräsident Stephan Weil selbst das Thema gesetzt.

Sie sind schon länger Fraktionsvorsitzende, als viele Ihrer männlichen Kollegen es waren. Was haben Sie sich persönlich noch für berufliche Ziele gesetzt?

Ich verschwende nicht so viele Gedanken daran, was ich noch alles machen möchte.

Unterscheidet Sie das von Männern?

Vielleicht. Es gibt sicherlich bestimmte Typen von Männern, die diese Position nutzen würden, um für sich selbst mehr zu erreichen. Ich versuche lieber, meine Fraktion vernünftig zu leiten.

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