Rückschlag für den Pressevertrieb: Ein Abschied für Immer

Die grünen Ruch-Zeitungskioske in Polen werden bald verschwinden. Sie weichen kleinen Fastfoodläden. Damit geht eine über 100-jährige Ära zu Ende.

Ein Mann mit Pudel vor einem grünen Kiosk

Jahrzehntelang konnten in diesen kleinen Kiosken die unterschiedlichsten Zeitungen gekauft werden Foto: Michal Fludra/imago

WARSCHAU taz | Pani Basia ist eine Institution in Warschau-Mokotow. Dabei ist die Kioskbesitzerin mit den schulterlangen weißen Haaren keineswegs immer nur gut gelaunt. Im Gegenteil; wenn der Haussegen schief hängt, sie tagelang der bestellten Ware hinterhertelefonieren muss oder sie Ärger mit ihren Chefs hat, kriegen auch die KundInnen schon mal ihren Unmut zu spüren. So zumindest war es bisher. Bis zum Monatsende muss die über 60-Jährige nun plötzlich ihren Kiosk schließen. Angeblich, so heißt es in der offiziellen Begründung des Stadtamtes von Warschau, sei der Kiosk ein Hindernis auf dem Bürgersteig.

In den 18 Jahren zuvor hatte sich nie jemand vom Amt bei Pani Basia beschwert. Coronabedingt lag das Kündigungsschreiben fast drei Monate in der Firmenzentrale der Ruch-Kioskkette. Für jeden Einspruch ist es nun zu spät. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme und reicht die letzte Zeitung über den Verkaufstresen: „Der Kiosk ist doch mein Leben, meine Existenz. Und jetzt stehe ich vor dem Nichts!“

In Polen geht eine Ära zu Ende: die über 1.000 grünen Kioske des Pressevertriebs Ruch wird es schon bald nicht mehr geben. Der Mineralölkonzern Orlen, der im November 2020 die Ruch-Kioskkette schluckte, will nun in ganz Polen kleine Läden mit Kaffeeecken, Softdrinks, Hotdogs und ein paar Zeitungen aufstellen.

Dass dabei Hunderte Kioskbesitzer von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit verlieren würden – davon war nie die Rede. Pani Basia hatte sich auf einen neuen Kiosk gefreut, denn die Metallkonstruktion von 2007 war inzwischen von Rost angefressen, die hellen Alurollläden mit Graffiti beschmiert und die Klimaanlage störanfällig.

Kein Pressevertrieb

Zwar war der Gedanke daran, dass sie demnächst statt Zeitungen, Zeitschriften, Zigaretten, Getränken und Knabberzeug vor allem Orlen-Würstchen wie an einer Tankstelle verkaufen sollte, gewöhnungsbedürftig, doch sie hatte in ihrem Leben schon ganz andere Situationen gemeistert. Zweifel kamen ihr erst, als sie Fotos mit den Orlen-Zeitungsständern sah. Während sie in ihrem Kiosk weit über hundert Tages-, Wochen- und Monatsblätter im Angebot hatte und auch mal Sonderbestellungen für KundInnen erledigte, steckten in dem Orlen-Regal auf dem Foto gerade mal ein Dutzend Titel. Mit Pressevertrieb hat das nichts mehr zu tun.

„Ich kann auf so eine Orlen-Würstchenbude gut verzichten“, sagt ein älterer Herr und zieht vor Pani Basia seine karierte Schiebermütze. „Der Kiosk steht hier schon fast hundert Jahre, immer mal wieder ein neueres Modell natürlich. Aber jetzt zu behaupten, dass er langfristig nicht an dieser Stelle stehen kann, weil er zu viel Platz auf dem Bürgersteig einnimmt, ist doch absurd“, schüttelt der 73-jährige Dolmetscher den Kopf. Er komme jeden Tag zweimal mit seinem Dackel vorbei. „Und am Kiosk treffe ich meist Bekannte von nebenan, mit denen ich ein paar Worte wechseln kann. Das ist eine schöne Warschauer Tradition, die ich nicht missen möchte.“

Der Experte für slawische Sprachen schüttelt den Kopf. „In der letzten Zeit sind hier in der Gegend schon so viele Zeitungskioske verschwunden: an der Madalińskistraße, der Opoczyńska, der Kielecka, an der Rakowieckastraße am Metroausgang, und jetzt auch hier“, klagt er. „Wo sollen wir denn demnächst unsere Zeitungen kaufen?“ Natürlich habe er auch die eine oder andere Zeitung als E-Paper abonniert. „Aber was ist ein gutes Frühstück ohne frischen Kaffee, ein knuspriges Brötchen und die druckfrische Gazeta Wyborcza mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt?“

Firma Ruch hat eine bewegende Geschichte

Die Firma Ruch hat eine bewegende Geschichte hinter sich. Im Jahr 1918, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität durch Polen, gründeten die bekannten Warschauer Verleger und Buchhändler Jan Gebethner und Jakub Mortkowicz die Polnische Gesellschaft der Bahnhofsbuchhandlungen, Ruch. Außer Zeitungen und Büchern in verschiedenen Sprachen konnte man dort auch Zigaretten, Seife und Reise­utensilien kaufen. Das Konzept war so erfolgreich, dass schon nach nur einem halben Jahr 60 Bahnhofskioske existierten. Im Jahr 1935 bestand die Ruch-Kette aus über 700 Verkaufsstellen und gehörte zu den größten Unternehmen Polens.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ruch verstaatlicht und nach Übernahme weiterer Pressegrossisten und Verlage zum Großkonzern mit dem seltsamen Namen „Arbeitergenossenschaft der Verlage Prasa-Książka-Ruch“. Von 2005 bis 2011 war Ruch an der Warschauer Wertpapierbörse gelistet und konnte mit dem neuen Geld einen kompletten Relaunch durchziehen. Nach dem Verkauf der letzten staatlichen Aktien an einen US-amerikanischen Hedgefonds begann der Niedergang des Pressegrossisten.

Vor der endgültigen Pleite rettete Ruch 2020 der vom polnischen Staat kontrollierte Mineralölkonzern Orlen. Dennoch ist die Zukunft von Ruch, der über 4.500 Zeitungen, Zeitschriften und Comics im Angebot hat und regelmäßig 15.000 Verkaufspunkte beliefert, noch nicht gesichert. Im ersten neuen „Orlen-Laden mit Gastro-Ecke“ ist das Firmenlogo von Ruch bereits durch das neue Logo „Orlen w ruchu“ (Orlen in Bewegung) ersetzt. Das Angebot an Zeitungen und Zeitschriften findet auf einem kleinen Ständer Platz.

Großteil der Chefredakteure ist entlassen

Kritiker werfen dem Konzern, der vor einem halben Jahr auch 20 Regionalzeitungen, 120 lokale Wochenblätter und rund 500 Internetportale gekauft hat, vor, die Pressefreiheit in Polen beschränken zu wollen. Der Großteil der Chefredakteure in den Regionalzeitungen wurde bereits entlassen und durch Journalisten ersetzt, die in der Vergangenheit durch ihre Nähe zur nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) auffielen. Jetzt werden die Zeitungskioske des bislang wichtigsten Pressegrossisten liquidiert. Wenn Polens Zeitungsverlage kein eigenes Vertriebsnetz aufbauen, werden sie bald auf einem Großteil ihrer Auflage sitzen bleiben.

Als der Dolmetscher von Weitem eine kleine Frau auf den Kiosk zukommen sieht, verabschiedet er sich hastig: „Wir sehen uns, Pani Basia! Lassen Sie sich nicht unterkriegen! Auf Wiedersehen!“ Die Kioskbesitzerin winkt ihm nach, dreht sich dann um und streckt Pani Irena ihre leeren Hände entgegen: „Der Kiosk ist schon zu. Ich habe heute keine einzige Zeitung mehr bekommen. Nichts!“ Sie deutet auf die halb herunter gelassenen Rollläden: „Da sehen Sie. Ich habe schon alles ausgeräumt.“

Die 70-jährige Rentnerin nickt. „Werden Sie denn demnächst an einem anderen Kiosk arbeiten? Dann komme ich da hin.“ Pani Basia reibt sich die rot verquollenen Augen: „Nein, ich bin jetzt arbeitslos. Zum zweiten Mal in meinem Leben. Wer weiß, ob ich überhaupt noch etwas Neues finde in meinem Alter!“ Die Rentnerin Pani Irena setzt sich auf die Holzbank unter der großen Kastanie vor dem Kiosk: „Ich weiß wirklich nicht, was die Deutschen ständig von uns wollen. Was müssen die sich immer in unser Leben einmischen? Wir haben die Unabhängigkeit erkämpft und wollen jetzt uns selbst regieren.“

Keine Energie für mehr für Diskussionen

Die Kioskbesitzerin versucht, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken: „Sie haben so viele Zeitungen bei mir gekauft. Vielen herzlichen Dank dafür!“ Doch Pani Irena ist nicht zu bremsen: „Wir sollen Knechte der Deutschen sein und nur die schlechteste Arbeit machen. Und sie sind die Herren. Aber das lassen wir uns nicht mehr bieten!“ Pani Basia kennt die Deutschenschelte ihrer alten Kundin schon, fragt sie nun aber doch verständnislos: „Was hat das mit meinem Kiosk zu tun?“ Die Rentnerin richtet sich kerzengerade auf: „Lesen Sie doch die Zeitungen! Da steht es jeden Tag drin, wie sehr die Deutschen uns Polen verachten. Wer verkauft denn alles an die Deutschen? Wo ist heute die Danziger Werft? Wo die Autofabrik Zeran? Und jetzt verschwinden die Kioske!“

Sie steht auf, streicht sich den langen Rock glatt und erklärt resolut: „Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“ Pani Basia will keinen Streit. Sie hat jetzt andere Sorgen. Und die Diskussion mit der schon etwas schrulligen älteren Dame würde ohnehin nichts bringen. „Vielen Dank, Pani Irena“, sagt sie deshalb nur und drückt sich wieder das Taschentuch an die Augen.

Dann geht sie in den Kiosk, lässt die Rollläden ganz herunter, kommt wieder heraus, schließt die Tür ab und sagt: „Das war es jetzt. 18 Jahre Kiosk in Mokotow, dem schönsten Stadtteil Warschaus. Aus und vorbei!“

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