Roman „Every“ von Dave Eggers: Die große Gleichschaltung

Dystopische Satire mit Realitätsbezug: In der Fortsetzung von „Der Circle“ unterwandert eine Frau einen fiktiven globalen Internetkonzern.

Junge Menschen stehen herum und starren auf ihre Smartphones

Wieviel Zukunft steckt in Dave Eggers Roman „Every“? Foto: getty images

Wenn Literatur den Lauf der Welt verändern könnte, dann hätte man eigentlich zumindest in Kalifornien schon längst etwas davon merken müssen. Denn dort, ganz in der Nähe von Googles Hauptquartier, lebt Dave Eggers, der nicht nur einer der wohl umtriebigsten und produktivsten Schriftsteller der US-amerikanischen Gegenwart ist, sondern auch einer der politischsten.

Spätestens mit seinem Roman „Der Circle“ (sowie dessen Verfilmung mit Emma Watson und Tom Hanks) ist Eggers auch weltweit berühmt geworden. Nun, acht Jahre später, hat er eine Fortsetzung fertig, in welcher der einstige „Circle“ noch mehr an Macht gewonnen hat.

Eine kurze Rekapitulation: „Der Circ­le“ erzählte davon, wie eine junge Frau, die beim allgegenwärtigen Cyberkonzern The Circle anheuert, nach anfänglicher Reserviertheit zur überzeugtesten Verfechterin von dessen Anspruch auf flächendeckende Überwachung und absolute Transparenz jeder menschlichen Existenz in seiner Reichweite wird. Der damalige „Circle“ stellte so etwas wie Google, Facebook und Apple in einem dar.

Nun, in „Every“, ist der Konzern noch weiter in jeden Winkel der menschlichen Existenz hineingekrochen, hat er doch den weltgrößten, nicht minder allgegenwärtigen Onlineversandhändler aufgekauft – und damit auch dessen zur Überwachung aller privaten Haushalte fähigen Lautsprecher. Die Umbenennung des „Circle“ in „The Every“ macht die Allgegenwart des Konzerns sinnfällig.

Als Insider einen Internetgiganten zu Fall bringen

Die Hauptfigur in „Every“, eine junge Frau namens Delaney, ist eine Art Gegenentwurf zu Mae Holland aus „Der Circle“. Einerseits geht Delaney einen ähnlichen Weg wie einst Mae: Sie bewirbt sich bei Every und bekommt einen Job, bewährt sich in verschiedenen Aufgaben und zieht schließlich sogar auf den Firmencampus.

Doch anders als Mae Holland, die in den vergangenen zehn Jahren einen steilen Aufstieg hingelegt hat und im neuen Roman als CEO des Every fungiert, verfolgt Delaney eine geheime Agenda: Sie plant, den Konzern von innen heraus zu Fall zu bringen.

Dave Eggers: „Every“. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 592 Seiten, 25 Euro

Ihr einziger Verbündeter und Eingeweihter ist ihr Mitbewohner Wes, ein begnadeter Programmierer. Beide leben bei Wes’ Mutter und deren Frau in einem der letzten nicht vollständig überwachten Viertel San Franciscos. Ihr Plan besteht darin, so viele absurde Ideen in den „Every“-Kosmos einzubringen, bis der Konzern sich am Ende selbst diskreditiert.

Aber natürlich kommt es, wie es kommen muss: Das so raffinierte wie naive Vorhaben scheint nach hinten loszugehen. Keine Idee ist so absurd, als dass sie von der Every-Gemeinde nicht begeistert begrüßt würde. Hauptsache, jemand hat überhaupt neue Ideen.

Keine Ambitionen, außer Selbstoptimierung

Denn auf dem Every-Campus selbst leben die Angestellten in einer Wohlfühlblase, die sie so umfassend in den ihnen zugewiesenen Aufgaben und der physischen Selbstoptimierung aufgehen lässt, dass sie alle weitergehenden Ambitionen verloren haben. Niemand, auch nicht Mae, hat in den letzten Jahren eine innovative Idee gehabt; in derselben Zeit aber ist die Marktmacht des Konzerns durch permanente neue Unternehmensübernahmen stetig gewachsen.

Zunehmend ratlos sieht Delaney mit an, wie die abseitigen Ideen, die sie und Wes unauffällig einbringen, umgehend zu neuen lukrativen Produkten gemacht werden: Darunter eine 3D-Anwendung, die virtuelle Reisen ermöglicht und den weltweiten Tourismus obsolet macht, sowie eine App, die Gespräche unter befreundeten Personen scheinbar auf ihren wahren Freundschaftsgehalt hin analysiert und dadurch menschliche Beziehungen vernichtet.

Vor allem aber wird die zunehmende Verzahnung zwischen den Geschäftsinteressen des Every und der allgemeinen Gesetzgebung rasant beschleunigt: Der Überwachungslautsprecher des Konzerns wird darauf getrimmt, auch leichte Anzeichen häuslichen Unfriedens umgehend an die Polizei zu melden, was weitreichende Folgen hat.

Was die technische Seite betrifft, ist, ähnlich wie in „Der Circ­le“, auch hier die Satire der Wirklichkeit nicht besonders weit voraus. Praktisch alle beschriebenen Anwendungen gibt es in ähnlicher Form bereits, oder sie sind zumindest (fast) möglich.

Kameraüberwachung und Körperfixierung

Die gesellschaftlichen Implikationen dagegen, die eine so umfassende Marktmacht eines einzigen Digitalkonzerns mit sich bringen kann, führt Eggers übersteigert vor. Oder vielleicht auch das gar nicht einmal so sehr? Eine große mentale Gleichschaltung innerhalb der einzelnen Blasen der internationalen Netz-Community gibt es auch in unserer Wirklichkeit längst.

Der ständige Zwang zur Selbstoptimierung, dem alle Every-Angestellten unterworfen sind, ist in ähnlicher Form längst aus dem körperfixierten Kalifornien in andere Teile der Welt geschwappt. Eine großflächige Kamera­über­wachung des öffentlichen Raums hat Großbritannien schon vor Jahren eingeführt. Und während Wes im Roman sich sogar noch weigern kann, seinen Hund chippen zu lassen (womit er ihm aber die Möglichkeit zum beschränkten freien Auslauf nimmt), ist das Tragen eines implantierten Chips für jeden ordentlich gemeldeten Familienhund in Deutschland Pflicht.

Was wiederum die im Roman vorgeführte woke Überempfindlichkeit der Every-Angestellten betrifft, so lässt sich aus europäischer Sicht schwer sagen, wie viel davon übertrieben ist. Was Eggers allerdings sehr einleuchtend vorführt, ist der Zusammenhang zwischen übersteigerter Wokeness und der gleichzeitigen Verlagerung eines großen Teils des öffentlichen Diskurses in die Parallelwelt des Internets.

Das größte Problem dieses Romans als narratives Werk ist nicht seine satirische Haltung an sich, sondern die Tatsache, dass seine Handlung den satirischen Absichten sehr stark untergeordnet wird. Aus irgendeinem inhaltlich nicht ausgeführten Grund durchläuft De­la­ney nacheinander sehr unterschiedliche Abteilungen des Konzerns. Ihr beruflicher Weg wird dabei zu einer Art erzählerischer Nummernrevue, mit neuen zweifelhaften Anwendungen in jeder Abteilung und neuen eigentümlich gehirngewaschenen KollegInnen.

Nicht, dass Eggers diesen Vorgang nicht jedes Mal wieder unterhaltend und variantenreich zu erzählen verstünde. Das Prinzip wiederholt sich aber zu oft, als dass man nicht dennoch ermüden würde. Vielleicht liegt es genau daran, dass man zum Schluss hin nicht mehr genügend innere Beteiligung aufbringt, um ernsthaft überrascht zu sein, wenn die Handlung auf schockierende Art an Fahrt aufnimmt. Eher will es fast so scheinen, als sei dem Roman genau dieses Ende von Beginn an eingeschrieben gewesen. Zumindest schließt sich damit eine Art Kreis.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de