Roman „Der Kolibri“ von Sandro Veronesi: Die Mär von der Veränderung

Sandro Veronesis preisgekrönter Roman „Der Kolibri“ liegt auf Deutsch vor. Anachronisch erzählt er die Geschichte einer italienischen Familie.

Der Schriftsteller Sandro Veronesi schaut aus dem Fenster.

Der Schriftsteller Sandro Veronesi, aufgenommen im November 2020 in Rom Foto: Antonello Nusca/Polaris/laif

„Bei mir gibt es nie etwas Neues“, lässt Marco Carrera verlauten, Protagonist in Sandro Veronesis neuem Roman „Der Kolibri“, für den der Autor im Jahr 2020 bereits zum zweiten Mal mit den wichtigsten italienischen Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet worden ist, „wenn überhaupt, so kann man mir das vorwerfen“.

Der Roman, der seither in viele Sprachen übersetzt und mittlerweile auch in – stellenweiser schludriger – deutscher Übersetzung im Zsolnay Verlag veröffentlicht worden ist, erschien im Original bei La Nave di Teseo, dem italienischen Verlag, den Sandro Veronesi im Jahr 2015 zusammen mit Umberto Eco gegründet hat.

Zu Beginn der Handlung wird Marco Carrera vom Psychoanalytiker seiner Frau informiert, dass sie ihn verlassen werde und Bescheid wisse über sein nie abgeebbtes Empfinden für seine Jugendliebe, Lui­sa Lattes, mit der er sich Briefe schreibt und die ihn einen Kolibri nennt, da er – wie ein Kolibri – seine gesamte Energie darauf verwenden würde, auf der Stelle zu bleiben.

Der Held des Romans, den Veronesi in langer Tradition (Martin Eden, Anna Karenina) nicht nach dessen Namen, sondern nach seinem Spitznamen benannte, glaubt nicht an die Mär, „sich immer ändern, verbessern, steigern, wachsen“ zu müssen: seine Beharrlichkeit macht aus ihm im Romanverlauf einen Avantgardisten.

Sandro Veronesi: „Der Kolibri“. Roman. Aus dem Italienischen von Michael Killisch-Horn. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021, 352 Seiten, 25 Euro

Veronesi erzählt episodisch und in polyphoner Form (Briefe, E-Mails, Dialoge, SMS, Tagebucheinträge und sogar Bestandsaufnahmen des typischen Sechziger-Jahre-Hausrats wechseln sich ab) die Geschichte der Familie Carrera, die gleichzeitig die Verfallsgeschichte einer heute nur mehr nostalgisch nachklingenden italianitá, eines italienischen Stils, ist, der an den Reichtum der Nachkriegsjahre, den sogenannten boom economico, geknüpft war, allerdings kaum drei Jahrzehnte währte.

Jene Jahre, Carrera entspringt, wie sein Schöpfer, dem Jahrgang 1959, prägte das Pochen auf große, weitreichende Veränderungen – sozialer, politischer wie gesellschaftlicher Natur, die letztlich jedoch ausblieben beziehungsweise nicht dergestalt in Erscheinung traten, wie eine damals junge und veränderungswütige Generation es sich erhofft hatte.

Die Figur Marco Carreras ist ein literarischer Gegenentwurf

Er habe sich gefragt, sagte Veronesi auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, was gewesen wäre, wenn er – wie viele andere nach dem Ausbleiben jener ersehnten Erneuerungen desillusioniert zurückgeblieben – sich dem Drängen auf Veränderung verwehrt, seine Energie für andere Anlässe aufgespart hätte.

Über die Figur Marco Carreras gelingt ein literarischer Gegenentwurf: Der moderat auftretende Augenarzt, ehemals Tennisspieler, Skifahrer, Gambler, verändert sich allein dadurch, dass er sich ausdrücklich nicht verändern, nichts verändern will: „Es gibt Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang damit abmühen, voranzukommen, Wissen zu erwerben, zu erobern, zu entdecken, besser zu werden, um dann zu erkennen, dass sie immer auf der Suche nach der Vibration sind, die sie in die Welt geschleudert hat […] Und dann gibt es andere, die, obwohl sie sich nicht bewegen, einen langen und abenteuerlichen Weg zurücklegen.“

Marco Carrera hält fest an den Dingen, die ihm etwas bedeuten, die ein Leben gehabt haben und demnach eine Würde besitzen und die er für „unschuldig“ hält: „Es handelt sich um all das, was von einem Leben und einer Familie übrigbleibt […] und auch wenn die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie sich entwickelt haben, gibt es keinen Grund, glaub mir, sie zu ‚entsorgen‘ […] Unglück auf Unglück häufend.“

Mit seiner anachronischen Erzählweise – keine Montage, versichert der studierte Architekt, vielmehr ein Patchwork, dessen heterogene Erzählblöcke er mittels der verschiedenen narrativen Formen zusammenhalte – bricht Veronesi die, wie er sie nennt, „Tyrannei der Zeit“ auf, denn anders als im wahren Leben sei es in der Literatur sehr wohl möglich, vor- und zurückzuspringen, vom Jahr 2008 ins Jahr 1979.

„Der Kolibri“ endet in der nahen Zukunft, im Jahr 2030, mit einem neuen, weitaus zuversichtlicheren Menschen- und Zukunftsbild, als wir es uns gegenwärtig vorzustellen gewillt sind: „Der Mensch der Zukunft“, heißt es, „ist eine Frau.“

Auf die Frage, wie viel von diesem Menschen der Zukunft man denn gegenwärtig in der von Chauvinismus, Hypokrisie und Patriarchalismus durchdrungenen italienischen Gesellschaft abgebildet fände, antwortet der Autor ausweichend – nicht ohne Grund habe er für den Schluss das Jahr 2030 und nicht das Jahr 2021 gewählt – und verweist auf das Tiktok-Video der jungen Amerikanerin Feroza Aziz, die im Jahr 2019 den Algorithmus mithilfe eines Schmink-Tutorials austrickste, um auf die Menschenrechtsverletzungen gegen die Uiguren in China aufmerksam zu machen.

Der Verfilmung des Romans, in der Pierfrancesco Favino Marco Carrera und Nanni Moretti den Psychoanalytiker in Szene setzen werden, nimmt sich die italienische Regisseurin Francesca Archibugi an. Bleibt also zu hoffen, dass bis ins Jahr 2030 auch in Italien die Ausnahmen zur Regel werden.

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