Buchpreis für Antje Rávik Strubel: Irgendwie unangenehm

Antje Rávik Strubel erhält für „Blaue Frau“ den Deutschen Buchpreis 2021. Doch ihr #MeToo-Roman über eine junge Tschechin wirft einige Fragen auf.

Junge Frauen mit Transparenten auf einer Protest-Demo

In „Blaue Frau“ geht es um eine Vergewaltigung durch einen deutschen Politiker: Frauendemo in Prag Foto: imago

Warum ist die Frau blau, die im Titel dieses Romans steht? Es ist schwer zu sagen. Vielleicht, weil die Wortzusammenstellung einen hübschen Binnenreim ergibt, was lyrisch und dadurch irgendwie bedeutungsvoll wirkt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich aber eher nicht um die literarische Wiederkehr der Jungfrau Maria, die ja als blaue Frau schlechthin in die Kulturgeschichte eingegangen ist.

Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 432 Seiten, 24 Euro

Hat die religiös unbelastete Rezensentin eigentlich ein komisches, ganz individuelles Problem, wenn ihr beim Lesen immer wieder ungefragt, absolut unpassend, Bilder der Jesusmutter durchs Hirn blitzen? Das ist sehr lästig, denn die blaue Frau aus dem Buchtitel taucht im Laufe des Romans immer wieder auf, als geheimnisvolle Fremde, der ein Autorinnen-Ich auf den Straßen der Randgebiete von Helsinki begegnet.

Autorinnen-Ich, blaue Frau und beider zufällige und dadurch gleichsam schicksalhafte Zusammentreffen bilden eine Art Rahmengeschichte, die sich in dünnen Schichten in den Roman schiebt und deren Funktion darin besteht, einen Erzählanlass für die eigentliche Handlung zu liefern. Gleichzeitig wird damit angedeutet, das Autorinnen-Ich könnte möglicherweise autobiografisch mit der tatsächlichen Autorin verbunden, die erzählte Handlung also der Realität entlehnt sein.

Die eigentliche Geschichte ist folgende: Eine junge Frau, eine Tschechin mit dem seltsam untschechischen Namen Adina, geht aus ihrem Dorf im Riesengebirge in die weite Welt hinaus. In Berlin, wo sie einen Sprachkurs macht, lernt sie die Fotografin Rickie kennen, die ihr ein Praktikum auf einem entlegenen Gut an der Oder vermittelt, wo jemand ein Kulturzentrum aufbauen will.

Als ein wichtiger Kulturfunktionär das Anwesen besucht, wird die junge Praktikantin von dem Mann vergewaltigt (was nirgendwo in aller Deutlichkeit geschrieben steht, sondern sich aus dem Drumherum ergibt). Sie meldet den Übergriff ihrem Chef, doch alle spielen den „Vorfall“ herunter. Adina flüchtet Hals über Kopf, landet eher zufällig in Finnland, versucht das Ganze zu vergessen und lernt einen Mann kennen, einen estnischen Europadiplomaten, mit dem sie zusammenzieht.

Den Deutschen anzeigen

Da taucht auf einem wichtigen Empfang, den sie mit ihrem Freund besucht, ihr Vergewaltiger auf, und Adina merkt, dass sie das Erlebte nur hinter sich lassen kann, wenn sie es wagt, den politisch einflussreichen Deutschen anzuzeigen.

Antje Rávik Strubel erzählt diese Geschichte in gebrochener Chronologie. In die schmale äußere Rahmenhandlung passt sich ein umfangreicherer Erzählrahmen ein, der in Finnland spielt und in dem die blaue Frau als identisch mit Adina erkennbar wird. Alle Ereignisse, die zur Finnlandepisode geführt haben, nehmen als Rückblick die Mitte des Romans ein.

Dieser komplexe Aufbau, dessen äußerste Schicht etwas latent Manieriertes hat, ist nach innen gut darin begründet, dass es eines schockierenden Erlebnisses bedarf, damit das verdrängte Trauma ans Tageslicht kommen und zur Narration werden kann.

Verklausuliert erzählt

Formbewusstsein ist dieser Prosa auf allen Ebenen sehr tief eingeschrieben. Strubel beherrscht ihre Formen unbedingt. Auch sprachlich sitzt alles perfekt; die Sätze, die sie schreibt, sind von ausgesuchter Schlichtheit und Klarheit. Doch gleichzeitig ist jederzeit ein starkes Kunstwollen spürbar, das sich in der Wahrnehmung mitunter so weit nach vorn schiebt, dass die Form das eigentliche Sujet zu überlagern droht – und daneben auch den möglichen metaphorischen Gehalt, den die Handlung außerdem transportiert.

Denn hinter der verklausuliert erzählten #MeToo-Geschichte lässt sich eine weitere narrative Linie mitlesen. Oder hat es etwa nichts zu bedeuten, wenn eine Tschechin sich ausgerechnet in die Arme eines Esten, und das in Finnland, flüchtet, nachdem sie von einem mächtigen (west)deutschen Europapolitiker vergewaltigt wurde? Kann wirklich eine so platte politische Europasymbolik unter dieser so sorgfältig aufs äußere Detail bedachten Prosa intendiert sein?

Aber ob intendiert oder nicht – die Symbolik ist da, und sie kann mitgelesen werden und wirft auch noch eine weitere Frage auf: Hat es nicht selbst etwas Kolonisierendes, oder zumindest etwas Übergriffiges, wenn eine deutsche Autorin eine tschechische Romanfigur auf diese hochsymbolische Weise zum Opfer macht? Es schmeckt irgendwie unangenehm.

Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Oktober 2021.

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