Risikoforscher zu Coronafolgen: „Gewinner sind Fahrrad und Auto“

Die Pandemie zeigt die Verletzlichkeit des Menschen, sagt Ortwin Renn. Das mache die Gesellschaft sensibler – auch für Risiken wie den Klimawandel.

radfahrer läuft auf einem Weg vor einem abgestorbenen Waldstück

Die Klimakrise sollte trotz Corona nicht in Vergessenheit geraten: Baumsterben im National-park Harz Foto: Martin Wagner/imago

taz: Herr Renn, für die allermeisten Menschen in Deutschland ist die Erfahrung der Coronapandemie als plötzliche, konkrete und globale Gefahr etwas Neues. Beeinflusst das unsere Wahrnehmung bekannter, aber schleichender Gefahren wie Klimawandel oder Verlust von Biodiversität?

Ortwin Renn: Ja, ich denke schon. Umfragen zeigen, dass die Menschen die Gesellschaft heute als verwundbarer wahrnehmen als vorher. Dieses Gefühl kollektiver Verwundbarkeit durch das Coronavirus führt dazu, dass wir auch Gefahren wie dem Klimawandel sensibler begegnen und ihn realistischer – nämlich als bedrohlicher – einschätzen. Vorher war das Thema für den Einzelnen sehr weit weg, nach dem Motto: Wir müssen solidarisch sein mit den Fidschi-Inseln. Jetzt fühlen wir uns selbst betroffen. Das hat natürlich auch mit den vertrocknenden Wäldern und den Hitzewellen hierzulande zu tun.

69, ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart.

Man kann ja verschiedene Lehren aus der Pandemie ziehen: Erstens, dass kooperatives, vorausschauendes Handeln wirkt. Oder zweitens, dass sowieso jederzeit eine unkalkulierbare Katastrophe auftreten kann und ich besser mein Leben jetzt genieße und mir keine Sorgen um die Zukunft mache. Welches Szenario ist wahrscheinlicher?

Diejenigen, die Risiken bewusst ignorieren und in den Tag hinein leben und glauben, sie müssten sich um nichts kümmern, machen Gott sei Dank nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Der Mehrheit ist sehr bewusst geworden, dass Gefahren uns alle als Gesellschaft betreffen und wir ihnen kollektiv begegnen müssen.

Aus Angst vor Corona waren die Menschen in diesem Jahr zu radikalen Verhaltensänderungen bereit. Können wir das auf die ökosoziale Transformation übertragen?

Da bin ich skeptisch. Natürlich hat die Coronapandemie Verhaltensroutinen außer Kraft gesetzt. Aber dass wir nach der Pandemie mehrheitlich nachhaltiger konsumieren, uns nachhaltiger ernähren oder fortbewegen, lässt sich daraus nicht ablesen. Sicher sehen beispielsweise viele ArbeitnehmerInnen einen Vorteil in weniger Dienstreisen. Die Unternehmen und Institutionen sparen Geld, für die MitarbeiterInnen sind Onlinekonferenzen weniger aufwändig. Da wird sich künftig viel mehr als früher im Netz abspielen, das ist ein Gewinn für die Nachhaltigkeit. Was die Mobilität insgesamt angeht, gibt es zwei Gewinner und einen Verlierer: Gewinner sind das Fahrrad und das Auto. Großer Verlierer ist der öffentliche Nahverkehr. Ich glaube nicht, dass alle Leute nach der Krise wieder auf den ÖPNV umsteigen, aber viele Leute werden beim Fahrradfahren bleiben, weil es ihnen guttut und ihnen als neue Erfahrung lieb geworden ist. Und zum für den Schutz der Biodiversität wichtigen Sektor der Landwirtschaft: Der Hauptgewinner der Krise sind hier die Discounter. Aldi hat in diesem Jahr rund 40 Prozent mehr Umsatz gemacht. Wenn die Leute in Zeiten der Verunsicherung in der Coronakrise einkaufen gehen, machen sie das lieber schnell und billig.

Also kein Trend zu mehr Nachhaltigkeit?

Ich sehe nicht, woran man das ablesen könnte.

WissenschaftlerInnen haben darauf hingewiesen, dass es Pandemien wahrscheinlicher macht, wenn Menschen in ungestörte Natur vordringen. Ihre Prognose: Wird diese Warnung Wirkung entfalten und den Schutz der Biodiversität voranbringen?

Corona hat 2020 Überraschendes fertiggebracht: Pop-up-Radwege, Diskussionen über die Resilienz von Lieferketten oder Artenschutz auch als Schutz der menschlichen Gesundheit.

Die taz fragt Expert:innen, wie nachhaltig das Umdenken war. Weitere Teile:

Wasilis von Rauch über den Radfahrboom

Peter Daszak über Artenschutz

Lisandra Flach über Resilienz in Lieferketten

Im Alltag wird eine solche Meldung in Deutschland verpuffen, weil sich keiner angesprochen fühlt. Es ist ja nicht so, dass wir uns hier durch Fledermäuse gefährdet fühlen. Im Gegenteil: Das Zusammenleben von Mensch und Tier wird doch eher protegiert, wenn etwa Fledermäusen in Dachstühlen Unterschlupf gewährt wird.

Sind Proteste wie die Querdenker-Bewegung gegen Coronamaßnahmen das, was uns erwartet, wenn die Politik Klima- und Artenschutz ernst nähme? Gäbe es dann eine aggressive Gegenbewegung?

Durchaus. Wir hatten ja schon vorher Proteste gegen das Establishment, die müssen sich grundsätzlich gegen irgendetwas richten. Man kann sich Querdenker-Ökologen vorstellen, die sich im Namen des Naturschutzes sehr lautstark gegen Klimaschutz artikulieren. Sie wären eine kleine, aber laute Minderheit, die sehr viel Aufmerksamkeit bekäme – unter anderem, weil die Parteien keine WählerInnen an den Rändern verlieren möchten.

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