Religion in Russland: Stoßgebete gegen Abtreibungen
Die Russisch-Orthodoxe Kirche predigt neuerdings Mutterfreuden. Das ist ganz auf Kreml-Linie. Denn auch der bemüht sich, die Geburtenrate zu steigern.
In zahlreichen Kirchen Russlands haben Gläubige in der vergangenen Woche erstmals ein Anti-Abtreibungsgebet gesprochen. Anlass war der einstige Kindermord in Bethlehem. Biblischer Überlieferung zufolge soll König Herodes der Große seinerzeit die Tötung aller männlichen Kleinkinder angeordnet haben, um sich Jesus von Nazarets zu entledigen.
Den Text des Gebets hatte die Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche (RPZ) auf ihrer Synode am 26. Dezember 2025 abgesegnet. Darin heißt es unter anderem: „Lasst uns zum Herrn beten, dass unsere Brüder und Schwestern, die von dem sündhaften Gedanken an eine Kindstötung besessen sind, zur Besinnung kommen und aus dieser sinnlosen Finsternis befreit werden sowie zur Buße und zum Verständnis der Wahrheit gelangen.“
Zusätzlich zu dem Gebet waren der Kreativität der Priester keine Grenzen gesetzt, um das Anliegen unter ihre Schäfchen zu bringen. In einer Kirche wurden Flugblätter und Fahnen der Pro-Life-Bewegung verteilt, in einer anderen Embryos in verschiedenen Entwicklungsstadien in Form von Puppen vorgeführt.
In der Stadt Kirillow im Gebiet Wologda bemühte der ortsansässige Erzpriester Wladimir Kolossow in seiner Rede Wladimir Lenin. „Wir gedenken unserer unschuldig ermordeten Kinder, die aus Torheit, insbesondere in der Sowjetzeit, von unseren Eltern und ungläubigen Verwandten getötet wurden. Der erste Erlass Lenins, jenes atheistischen Kommunisten, der Russland zutiefst hasste – lautete, russische Kinder zu töten und die Abtreibung zu legalisieren. Und dann floss Blut“, sagte er.
Mangelnde Gebärfreudigkeit
Dass die RPZ offensiv wider Abtreibungen predigt, ist ganz im Sinne des Regimes. Denn um die demografische Entwicklung steht es nicht zum Besten, die Gebärfreudigkeit der Russinnen hält sich in Grenzen. Dabei versucht auch Präsident Wladimir Putin so einiges, um seinen Landsfrauen Mutterfreuden schmackhaft zu machen. Anlässlich des Internationalen Frauentages 2024 bezeichnete er Mutterschaft als eine wunderbare Bestimmung für Frauen.
Doch das zog offensichlich nicht – genausowenig wie der Orden der „heldenhaften Mutter“, der bei zehn oder mehr Kindern verliehen wird. Aktuell liegt die Geburtenrate bei 1,47 Kindern pro Frau. Damit liegt die Russische Föderation weltweit auf Platz 179. Im Jahr 2023 betrug die Zahl registrierter Schwangerschaftsabbrüche rund 1,2 Millionen.
Laut der russischen oppositionellen Zeutung Novaya Gazeta Europe habe die Gesamtzahl der Abtreibungen in Russland in den vergangenen 25 Jahren die Marke von 50 Millionen überschritten. „All dies passt schlecht in das Bild eines Landes als Hort ‚traditioneller Werte‘, das versucht, diese seinen Nachbarländern aufzuzwingen“, so Novaya Gazeta Europe.
Übrigens: Gottesdienste gegen Abtreibungen waren auch in Kirchen im von russischen Truppen völkerrechtswidrig besetzten ukrainischen Gebiet Donezk angekündigt. Ob und wie viele Menschen kamen, ist nicht überliefert.
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