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Reiseziel DuschanbeFake it like Tadschikistan

In Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe entsteht eine neue Welt aus Sandstein, Glas und E-Autos. Das Geld kommt unter anderem aus China.

D uschanbe raubt mir den Atem. Die tadschikische Hauptstadt ist ein Architekturwunder, von dem in Deutschland kaum jemand etwas weiß. Elegante Hochhausviertel im verzierten Sandsteinlook, zig Paläste, die auf irgendwas zwischen Weißem Haus und Saudi-Arabien referieren, gigantomanische Denkmäler und blitzsaubere Parks voller Blumen, die ständig neu gesetzt werden, auf dass die Farben nie vergehen. Businessmänner eilen vorbei, Kolonnen chinesischer E-Autos schieben sich durch die Stadt.

Duschanbe raubt mir aber auch ganz wörtlich den Atem. Denn der Strom kommt aus Kohlekraftwerken ringsum; die Luft ist eine der schlechtesten der Welt. Klein-Dubai, wie Ta­dschi­k:in­nen die Stadt sarkastisch nennen, ist nicht wirklich reich. Der Wohlstand ist fake. Wie ein gefälschter Lacoste-Schuh. Viele ausgemergelte Gesichter und hoffnungslose Biografien sprechen eine andere Sprache.

Wir fragen einen jungen Schriftsteller nach dieser irren Dauerbaustelle, seiner Heimatstadt. Er lächelt gequält. „Bitte streut kein Salz in meine Wunde.“ Denn die gesamte Stadt werde abgerissen. Buchstäblich. So gut wie jedes Haus. Das alte Duschanbe, das sich noch in den Vororten bestaunen lässt, hübsche Einfamilienhäuser mit Innenhöfen und Weinreben, darf nicht mehr existieren. Beschlossen haben das Diktator Emomalij Rahmon und sein Clan. Damit das Ausland staunt.

Das Achselzucken, mit denen man Diktaturen überlebt

Dasselbe sehen wir in anderen Städten. Nicht nur Bruchbuden, sondern der historische Stadtkern und sogar Neubauten werden dem Erdboden gleichgemacht, die Be­woh­ne­r:in­nen zwangsumgesiedelt. Es ist eine dieser Geschichten, die man in Deutschland nicht erzählt. Viele Menschen, mit denen wir sprechen, nehmen es mit dem Achselzucken, mit dem man Diktaturen überlebt, und mit der Fassungslosigkeit, dass es auch in einem irren Staat noch irrer werden kann.

All die Sauberkeit in Duschanbe fühlt sich bald unnatürlich an. An jeder Ecke hängen bizarre Propagandaplakate oder Überwachungskameras. Kritische politische Gespräche führen wir viele, aber nur in geschlossenen Räumen. In einem Staat, dem seine Menschen und seine Geschichte wertlos sind, kann man eine ganze Stadt planieren, einfach so. Das Geld dazu kommt unter anderem aus China. Eine Mausefalle, so nennt es der Schriftsteller – denn China hat Interesse an den Bodenschätzen in der tadschikischen Pamir-Region. Für viele Leute dort ist Duschanbe längst zu teuer.

wochentaz

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Einige sind aber auch stolz auf die Modernisierung. Die Neubauten gehen an Businessmänner, Gentrifizierung live. Als ein geliebtes historisches Teehaus abgerissen wurde, legten Menschen Blumen hin und weinten. Wie bei einer Beerdigung. Es ist der lauteste Protest, der noch möglich ist.

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Alina Schwermer

Alina Schwermer freie Autorin

Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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