Reisebeschränkungen in der EU: Alarm ohne Plan

Die EU warnt vor steigenden Coronazahlen. Doch eine gemeinsame Strategie bei Reisebeschränkungen fehlt. Jedes Land macht seins. Fünf Beispiele.

Ein Junge macht einen Salto am Mondello Strand

Salto immortale: In Italien sind Strände, wie Mondello, trotz Corona voll. Vor allem mit Italienern Foto: Guglielmo Mangiapane/reuters

BRÜSSEL taz | Europa droht eine neue Coronakrise. Nach Spanien und Frankreich verzeichnet nun auch Deutschland einen massiven Anstieg der Neuinfektionen. Innerhalb eines Tages meldeten die Gesundheitsämter am Donnerstag 1.707 neue Ansteckungen, den höchsten Wert seit Ende April. Auch in anderen EU-Ländern gehen die Zahlen steil nach oben.

In Berlin und Brüssel schrillen nun die Alarmglocken, dabei hat es an Warnungen nicht gefehlt. Schon am 10. August hat die europäische Präventionsbehörde ECDC vor einer zweiten Welle gewarnt und entschiedenes Gegensteuern gefordert. Die Gefahr einer „Eskalation“ sei „sehr hoch“, wenn keine geeigneten Maßnahmen eingeleitet würden, so die EU-Experten.

Doch von einer entschlossenen und koordinierten Reaktion kann keine Rede sein. Jedes EU-Land macht, was es will. Auch Deutschland kümmert sich nicht um Abstimmung. Obwohl Berlin seit dem 1. Juli den EU-Vorsitz innehat, wurden Reisewarnungen im nationalen Alleingang erlassen. Zuletzt traf es Spanien und Kroatien; das Auswärtige Amt rät von Urlaubsreisen in diese Länder ab.

Dabei gehören Reisewarnungen nicht zum Arsenal der Waffen, die die EU-Experten empfehlen. Viel wichtiger seien Coronatests und die Nachverfolgung von Kontakten, heißt es bei der ECDC. Doch es sind nur Empfehlungen, keine verbindlichen Regeln. Die EU ist machtlos – wieder einmal.

Die Gesundheitspolitik sei eine nationale Kompetenz, über Reisewarnungen werde in den Hauptstädten entschieden, erklärt die EU-Kommission der taz. Man sei zwar in ständigem Kontakt, könne aber nicht eingreifen. Dabei hatte Kommis­sions­präsidentin Ursula von der Leyen etwas anderes versprochen.

Bereits im Mai stimmte sie die Bürger*innen auf die Urlaubssaison ein. Eine eigens aufgesetzte Website „Re­open EU“ suggerierte eine schrittweise Öffnung der Grenzen und die Rücknahme der Beschränkungen.

Doch davon ist nicht viel übrig. „Die Kommission hat es nicht geschafft, einheitliche Kriterien zu entwickeln“, kritisiert der CSU-­Europaabgeordnete Markus Ferber. „Sie hat sich sehr weit rausgehängt und nichts gemacht.“

Im Herbst könnte es deshalb sogar wieder zu Grenzschließungen kommen, fürchtet die grüne Europaabgeordnete Anna Cavazzini. „Könnten wir diese ganzen Einzelaktionen bitte europäisch koordinieren?“, fragt sie. Von der Antwort hängt viel ab – auch für Deutschland. Eric Bonse, Brüssel

Schwedisches „Hemester“

STOCKHOLM taz | Einerseits ist es ganz einfach. Wenn es nach ihrer Regierung geht, dürfen die SchwedInnen in diesem Sommer überall hinreisen. Und niemand muss nach der Rückkehr in Quarantäne oder einen Coronatest machen. Zwar gibt es Reisewarnungen, derzeit beispielsweise für Großbritannien oder die baltischen Staaten. Allerdings nicht wegen der dortigen Coronasi­tua­tion, sondern weil diese Länder Quarantäne-, Ein- oder Aus­reise­bestimmungen haben, die „sicheres und freies Reisen nicht vorhersehbar“ machen.

Andererseits war es in diesem Sommer nahezu unmöglich für schwedische TouristInnen, einen Auslandsurlaub auch nur zu planen. Nimmt man allein die Nachbarländer, so hatte Finnland ganz dicht gemacht, es sei denn, man besitzt dort ein Ferienhaus.

Ab kommenden Montag hat Helsinki nun Ausnahmen für den „kleinen Grenzverkehr“ in Nordschweden angekündigt: AnwohnerInnen dürfen dann zum Einkaufen oder für andere Alltagsangelegenheiten die Grenze queren. Norwegen öffnet und schließt ständig die Grenze für quarantänefreie Einreise, je nachdem, ob die aktuellen Infektionszahlen in der Herkunftsregion der Reisenden über oder unter 20 Neuinfektionen pro 100.000 liegen.

Dänemark hatte bis zum 1. August eine ähnlich chaotische und unvorhersehbare Regelung. Nun ist die Grenze zwar ganz offen, aber die Tourismusbranche klagt: Die Schweden kommen nicht!

Dänemarks Grenze für Schweden war erst zu, dann auf, dann zu. Nun ist sie wieder ganz offen, aber die Tourismusbranche klagt: Die Schweden kommen nicht!

Kein Wunder. Angesichts dieses „Än si än så, än hit än dit“, wie „Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln“ auf Schwedisch heißt, entschlossen sich die meisten SchwedInnen gleich für ein „Hemester“, einen Heimaturlaub. Zum Glück spielt das Wetter mit. 45.000 Menschen drängten sich am Wochenende bei Temperaturen um die 30 Grad allein am Strand des westschwedischen Tylösand. Reinhard Wolff, Stockholm

UK: Ab in den Süden – nach Cornwall

LONDON taz | Großbritannien erwägt eine Quarantäne für Einreisende, wenn in ihrem Herkunftsland über 20 von 100.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind. So sind auch hier Spanien, Belgien Frankreich und die Niederlande auf der Liste der Staaten, für die 14 Tage Selbstisolation notwendig sind.

Auch können Bri­t*in­nen nicht ohne Weiteres über den Ärmelkanal, höchstens nach Irland. Wer weiter weg will, kann in „sichere“ Länder wie etwa Österreich, Zypern, Griechenland, Finnland oder die Slowakei fliegen. Auch Reisen in die meisten Karibikstaaten, Vietnam, Malaysia oder die Seychellen sind möglich. Kroa­tien, die Türkei, Dänemark, die Schweiz und Griechenland nähern sich derzeit dem britischen Grenzwert für eine Quarantäne, wohingegen für Portugal die Auflage bald entfallen könnte.

Brit*innen besuchen deshalb die südlichsten Teile der eigenen Insel, etwa Devon und Cornwall, aber auch London, der Lake Distrikt und Schottland sind populär. Als Spanien und Frankreich auf die Quarantäneliste gesetzt wurden, stiegen die Buchungen innerhalb des Landes immens.

Awaze, einer der größten Vermittler von Urlaubsunterkünften, hatte bald von fast 20.000 Angeboten, weniger als 60 übrig, meist unerschwingliche Luxusschuppen. Für viele bedeutete das am Ende Urlaub zu Hause bei wechselhaften und teils nassen Wettervorhersagen. Daniel Zylbersztajn, London

Belgien und die „zweite Welle“

BRÜSSEL taz | Den Belgiern ist der Spaß an der Urlaubssaison gründlich vergangen. Erst durften sie nicht nach Griechenland, Malta oder Finnland reisen, weil diese Länder sich vor Coronaviren aus Antwerpen oder Brüssel fürchten. Dann verhängte die belgische Regierung auch noch Reisewarnungen für die Schweiz und Teile von Frankreich, ohne ihre Landsleute vorzuwarnen. Dies führte zu Ärger bei allen Beteiligten – bei den belgischen Touristen ebenso wie bei ihren Gastländern.

Rund eine Woche vor dem Ende der Sommerferien am 1. September hat sich die Lage nicht entspannt, im Gegenteil. Nun steht auch noch Deutschland auf der Warnliste des Außenministeriums. Zwar sind Reisen noch nicht verboten – doch auch das ist nicht mehr auszuschließen.

Ein Paar mit Hunden und Masken auf einer Strandpromenade

Promenadenmischung mit Masken: UrlauberInnen im belgischen Sint-Idesbald Foto: Yves Herman/Reuters

Denn Belgien hat die „zweite Welle“ nicht im Griff, nach Antwerpen meldet nun auch Brüssel einen steilen Anstieg der Infektionszahlen. Die Regierung versucht zwar, mit rigoroser Maskenpflicht und einer Einschränkung der Sozialkontakte – maximal fünf pro Person – gegenzusteuern. Doch bisher zeichnet sich keine Entwarnung ab.

Premierministerin Sophie Wilmès berief am Donnerstag sogar ihren Krisenstab ein. Neue Maßnahmen wurden zwar nicht beschlossen, aber auch die erhoffte Lockerung ist nicht in Sicht. Wenn sich die Coronakrise weiter zuspitzt, könnte dies auch zum Problem für die EU-Kommission und das Europaparlament werden. Beide haben ihren Sitz in Brüssel, vor allem die Europaabgeordneten sind viel auf Reisen.

Was passiert, wenn andere EU-Länder die Region Brüssel auf ihre Warnliste setzen, weiß niemand. „Wir stehen zu Brüssel, ein Umzug kommt nicht infrage“, erklärte eine Sprecherin der EU-Kommission auf Nachfrage der taz. Es klang wie das Pfeifen im dunklen Wald. Eric Bonse, Brüssel

Italiener*innen unter sich

ROM taz | In diesem Sommer bleiben die Italiener*innen im Urlaub weitgehend unter sich, an den heimischen Stränden oder in den Bergen des Apennin und der Alpen. Die Reiselust ins Ausland ist ihnen gründlich vergangen: Nur um die 7 Prozent statt der im Vorjahr gemeldeten 32 Prozent haben Reiseziele jenseits der Grenzen gewählt.

Die Wahl leuchtet ein. Italien liegt – mit hier schon als alarmierend empfundenen gut 600 Neuinfektionen zum Beispiel am letzten Mittwoch – beim Infektionsgeschehen weit hinten in Europa. Reisen dürften die Bürger*innen des Landes ohne weitere Einschränkungen, vorneweg einer 14-tägigen Quarantäne nach der Rückkehr, sowieso nur in die Schengenstaaten und nach Großbritannien.

Seit letzter Woche schnurrt die Zahl der Staaten aber weiter zusammen: Wer aus Griechenland, Spanien, Malta und Kroatien zurückkommt, muss einen Pflichtabstrich vornehmen lassen, direkt am Flughafen oder bei der heimischen Gesundheitsbehörde; die Kosten trägt der Staat.

So sind die Strände von Nord bis Süd zwar wie im August üblich überfüllt, doch der Anteil der Ausländer*innen ist geschrumpft. Die Buchungszahlen liegen bei einem Viertel gegenüber 2019. Schlimmer noch: Reisende aus den USA, Russland, China oder Japan fehlen komplett – sie aber sind diejenigen, die traditionell am meisten Geld ausgeben. Vor allem in Florenz oder Venedig fällt ihre Abwesenheit schmerzlich auf, und in Rom etwa sind 80 Prozent der Hotels weiter zugesperrt, zugleich klagen die geöffneten Häuser über eine miserable Auslastung. Michael Braun, Rom

Kroatien: Vom Musterland auf die rote Liste

SPLIT taz | Die Zeiten sind jetzt vorbei, in denen sich Kroatien als coronasicheres Land präsentieren durfte. Bei 1.653 Tests, die am Mittwoch vorgenommen wurden, waren 219 positiv. Im Land gibt es jetzt insgesamt 1.520 aktive Fälle, von denen 122 in den Krankenhäusern behandelt werden. 168 Menschen sind bisher im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Slowenien und Österreich haben Kroatien jetzt auf die rote Liste gesetzt.

Kroatiens Ruf als sichereres Reiseland hat deshalb zwar etwas gelitten. Doch ist es dem Land wegen seiner günstigen Lage gelungen, Touristen aus Deutschland, Polen, Ungarn und der Schweiz anzulocken. Kroatien ist per Auto gut erreichbar und verfügt über viele Ferienwohnungen.

Das haben die Kroaten aus dem Norden in diesem Jahr selbst bemerkt, und viele sind im Land geblieben. Natürlich kennt man sich aus, die Mittelschicht aus Zagreb kennt die schönsten Spots auf den Inseln, irgendein Verwandter hat ja irgendwo ein Boot, jeder einen Geheimtipp.

Dagegen sind Auslandsreisen wie nach Italien, dem eigentlich beliebten Nachbarland, wie auch nach Mitteleuropa oder Reisen nach Übersee dieses Jahr beträchtlich eingeschränkt.

So kann der Tourismusminister zufrieden sein. Hotels, Ferienwohnungen und Restaurants machen ihr Geschäft. Die Auslastung beträgt immerhin 70 Prozent des Rekordjahrs 2019. Kroatiens Tourismusindustrie ist bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Doch die Entwicklung der letzten Tage gibt zu denken. Vor allem in den großen Städten, aber auch an der dalmatinischen Küste häufen sich jetzt die Ansteckungen.

Schuld daran ist der legere Umgang mit Coronapartys, Familienfesten und einer Jugendkultur, in der die Auflagen wie Mundschutz und Abstand halten umgangen werden. Zwar herrscht in öffentlichen Gebäuden Maskenpflicht, doch viele Touristen fühlen sich auf öffentlichen Plätzen und in den Cafés, die in den engen Gassen der Spliter Altstadt gelegen sind, offenbar so sicher, dass sie alle Regeln zu vergessen scheinen.

Einen Lichtblick für Spätbucher bilden die Inseln in der Adria. Hier ist die Ansteckungsrate bisher sehr gering geblieben. Erich Rathfelder, Split

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