Reichsbürger-Stück am Berliner Ensemble: Taten, die in der Zukunft liegen
Regisseurin Marie Schwesinger verfolgt den Reichsbürger-Prozess gegen die Gruppe Reuß. „Sturm auf Berlin“ über Umsturzfantasien, die in staatliche Strukturen reichen.
„Wir brauchen eine Insel“, das ist einer der Sätze aus dem Prozess, der Marie Schwesinger in Erinnerung bleiben wird. Geschrieben hat ihn eine der Angeklagten. Dahinter verbirgt sich die Überlegung, eine Nordseeinsel zum Staatsterritorium zu erklären. Dort eine druidische Glaubensgemeinschaft auszurufen, um so die Corona-Impfung aus religiösen Gründen ablehnen zu können. Schwesinger erklärt im Gespräch, wie sich darin viele ideologische Elemente des Milieus verdichten: ein „Wir gegen den Rest der Welt“, aber auch ein „Wir verkapseln uns im Schloss Waldmannsheil im Thüringer Wald und versuchen von hier aus, die Neuordnung Deutschlands zu planen.“ Mutmaßlich, das müsse man immer dazusagen.
Die Regisseurin beobachtete seit Jahren mehrere Prozesse gegen Rechtsextreme: den Mordprozess um Walter Lübcke, das Verfahren gegen den Bundeswehrsoldaten Franco A. und den NSU 2.0. Nun sitzt sie im Reichsbürger-Prozess gegen die sogenannte Gruppe Reuß, der seit 2024 an drei Standorten läuft. Im Frankfurter Oberlandesgericht entstanden 1.200 Seiten Protokoll. Sie sind die Grundlage für „Sturm auf Berlin“, das Theaterstück, das sie im Regie-Nachwuchsprogramm WORX am Berliner Ensemble entwickelt hat. Darin erforscht sie, was geschieht, wenn der Staat von innen angegriffen wird.
25 Angeklagte stehen vor Gericht. Ihnen wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, dazu die Planung eines gewaltsamen Umsturzes und Hochverrat. Ein Vorwurf, der für Schwesinger historische Parallelen öffnet.
Parallele zum sogenannten Kapp-Putsch
Im März 1920 marschiert das Freikorps „Marinebrigade Ehrhardt“ auf Berlin. Die Organisation, die hinter dem sogenannten Kapp-Putsch steht, plante Heimatschutzkompanien in ganz Deutschland. Verdeckte Schläferzellen sollten auf einen Befehl hin in die Hauptstadt ziehen. Es sei, ergänzt Schwesinger, dieselbe Gruppe, die später Walther Rathenau und Matthias Erzberger ermorden würde. Die Weimarer Republik übersteht den Putsch nur dank eines landesweiten Generalstreiks. Gut hundert Jahre später soll die Gruppe Reuß exakt 286 solcher Kompanien geplant haben. Die Parallele ist dem Anklagedossier im Frankfurter Prozess zu entnehmen, ist also keine dramaturgische Konstruktion, die Schwesinger zurechtbiegen muss.
Uraufführung „Sturm auf Berlin“, 7. Mai, Berliner Ensemble, Berlin
Was Schwesinger an diesem Milieu fasziniert, ist auch das, was sie als größte Herausforderung beschreibt. Es ist heterogen, zusammengesetzt aus sogenannten besorgten Bürgern und Menschen aus der Ökoszene, die sich oft beim Demonstrieren gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen gefunden haben. „Keine klassischen Neonazis.“ Marie Schwesinger erlebt dort Menschen, die sich selbst als Retter der Demokratie verstehen, die sagen, sie wollten die demokratischen Strukturen erst wiederherstellen. „Das trifft auf einen Staat, der versucht zu sagen, das, was ihr vorhattet, war der Sturz der Demokratie.“
Dabei sind die Angeklagten weder Aussteiger noch Abseitige. Viele waren Teil staatlicher Strukturen. „Da sitzt der Gründer des KSK, der Teil des Nato-Hauptquartiers war. Da sitzt jemand, der Teil des Fallschirmjägerbataillons war. Da sitzt ein Ex-Polizist, der sich sehr klar antisemitisch in Telegram-Gruppen geäußert hat und zuständig war, ein neues Sicherheitskonzept für jüdische Gemeinden in Niedersachsen zu entwickeln. Da sitzen eine Richterin und Bundestagsabgeordnete der AfD.“ Für die Kunst und das Theater interessiert die Regisseurin daran besonders, was passiert, wenn solche Denkweisen in den Staat hineinragen. Wenn Menschen mit Umsturzplänen Zugang haben zu Waffen und zu Informationen, zu Munition und zu Macht.
Premiere am 7. Mai
„Sturm auf Berlin“ feiert am 7. Mai Premiere, lange bevor ein Urteil erwartet wird. Für die Stückentwicklung ist die Frage der Verurteilung aber auch nicht die Wichtigste. Schwesinger möchte erforschen, wie Verschwörungserzählungen die Gesellschaft und ihr demokratisches Fundament porös machen. Damals, beim Kapp-Putsch, wie heute, beim geplanten Putsch der Gruppe Reuß.
Auch die Sprache, die im Gerichtssaal gesprochen wird, interessiert Schwesinger. Sie will untersuchen, was Aussagen wie „Wir brauchen eine Insel“ auslösen, wenn sie diese vom Gerichtssaal in den Theatersaal transportiert. Sie will Sätze, die im Prozess fielen, auf der Bühne aufeinanderprallen lassen – sie im Zweifel aber auch auseinandernehmen, wenn es sich um Verschwörungserzählungen handelt. Wie sie das anstellen möchte? Sie trägt die Irritation in ihre Inszenierung. Spielende unterbrechen sich gegenseitig, sagen vielleicht: „Nee, Entschuldigung, das kann ich nicht sprechen“ oder: „Was hast du da gerade gesagt?“ Dann sprechen sie weiter, ohne eine große pädagogische Lehrnummer daraus zu machen.
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