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Dokumentartheater über KrabbenfischereiSie kämpfen für den Kaviar der Nordsee

Das Open-Air-Theaterstück „Nasses Land-Sielhäfen“ erzählt in Dorum, wie das Handwerk der Krabbenfischer gefährdet ist. Prominent dabei: der hungrige Wittling.

Schwindende Fangmöglichkeiten, mangelnder Nachwuchs: Das Handwerk der Krabbenfischerei ist in Gefahr Foto: Sina Schuldt/dpa

Glupschäugig und mit langen Antennen voraus krabbeln sie am Boden des Wattenmeers. Die Nordseekrabben sind als Minikrebse nicht nur niedlich, sondern auch lecker. Vögel, Fische und Seehunde verschlingen sie roh. Kurz in Meerwasser gekocht und vom Chitinpanzer befreit ist das rotbraune Fleisch mit dem fein salzigen und mild-nussigen Aroma eine Delikatesse auch für Menschen. „Kann man fast schon mit Kaviar vergleichen“ – angesichts der Preise, sagt ein Schiffer im Dokumentartheaterstück für die „Sielhäfen“ in Spieka, Dorum und Wremen. Open-Air-Theater inklusive Krabben-Verköstigung, inszeniert von „Das letzte Kleinod“.

15 Interviews mit Fischern und einigen Ehefrauen haben Jens-Erwin Siemssen (Regie) sowie Juliane Lenssen (Theaterpädagogik) geführt und mit den dramatisierten O-Tönen sehr pointiert die aktuellen Probleme der Krabbenfischerei zusammengefasst, die an der Nordseeküste seit Generationen in den Händen von Familienbetrieben liegt. Als Kultur- und Wirtschaftsgut prägt sie die Identität der Küstenorte. Daher ließen gerade Einheimische die Aufführungen schnell ausverkauft sein. Das Theater kümmert sich vor Ort um die Themen der Bevölkerung – und zwar in ihrem Sinne. Denn es wird der Erhalt der Krabbenfischerei gefordert, die als Naturschutzmaßnahme gelobt wird, würde doch dadurch auch Zivilisationsmüll vom Meeresgrund geholt und an Land entsorgt.

Drei Schau­spie­le­r:in­nen in Hochdeutsch und Experten des Krabbenfischeralltags in Plattdeutsch tragen Fakten und Meinungen vor, ein Bürgerchor stimmt maritimes Liedgut an, auch Kinder und migrantisch geprägte Jugendliche aus der Region sind als laienhafte Statisten dabei. An diese Partizipation war die Nutzung des Bundesfördertopfes „Aller.Land“ für „gemeinschaftsstiftende, lokal verbundene und vernetzte Kulturvorhaben zur Demokratiestärkung“ gebunden. Gespielt wird bei Hochwasser am und auf dem schmucken Holzkutter „Claudia“. Zur Verköstigung des Publikums fließt Aperol aus einem Getränkespender in Leuchtturmgestalt.

Nasses Land

Weitere Aufführungen am 5./6./7.5. im Kutterhafen Wremen

Beim Gastspiel in Dorum haben sich die Möwen verflüchtigt und Lärmterroristen übertönen auf ihren Motorrädern das Nordseerauschen. Immerhin können sich die Profimimen sprachlich dagegen behaupten. Zusammen ins Spiel kommen sie aber nicht, da vor allem Zitatschnipsel im Verlautbarungstonfall zu verkörpern sind. Mit Hannah Ostermeier ist auch eine Schauspielerin dabei.

Der hungrige Wittling und die Holländer

Welche Rolle die Frauen in der Krabbenfischerei haben, wird allerdings nicht deutlich. Viel Aufmerksamkeit bekommt hingegen der hungrige Wittling aus der Familie der Dorsche, hat er doch jahrelang den Krabbenstand arg reduziert. Inzwischen habe sich dessen Überpopulation im Küstengewässer reguliert, seither verbuchen die Krabbenfischer wieder Rekordfänge. Mit Folgen: Während einst bis zu 16 Euro für ein Krabbenbrötchen zu bezahlen waren, gibt es dieses in Dorum nun für 8,50 Euro. Auch wenn auf Nachfrage nicht deutlich wird, ob die toten Meeresbewohner frisch vom Kutter kommen oder schon tiefgefroren per LKW nach Marokko gereist waren, dort gepult, mit Konservierungsmitteln versetzt und zurück nach Deutschland transportiert wurden. So ergeht es einem Großteil der Ware.

Verantwortlich dafür seien „die Holländer“, die den Fischern ihre Ware abkaufen, den Handel und die Preise bestimmten. Außerdem würden sie mit riesigen Trawlern die Krabben wegfischen und dabei das Ökosystem schädigen. Damit nun keine deutsch-holländische Feindschaft erwächst, trägt der niederländische Darsteller Richard Gonlag diese Kritik dezent ironisch vor.

Richtige Empörung schlägt Naturschützern und der EU entgegen. Im Nationalpark Wattenmeer würden immer mehr Gebiete für die Fischerei geschlossen, zudem drohe das Verbot von Grundschleppnetzen. „Die Krabben sitzen doch auf dem Grund! Das verstehen viele nicht. Wenn diese grundberührende Fischerei verboten wird, dann gibt es keine Krabben und keine Schollen mehr“, erklärt ein Fischer. Die Schäden durch die auf Rollen über den Boden gezogenen Netze seien für Flora und Fauna „marginal“, habe eine Studie bewiesen.

Als existenzbedrohend gilt die Verschlickung der Sielhäfen durch den in die Nordsee verklappten Sand der Elbe- und Weservertiefung. Die größte Schwierigkeit aber sei, wie in allen Handwerksberufen, der Nachwuchs. „Ich glaube, wir haben an der ganzen deutschen Küste noch fünf Auszubildende“, berichtet Erik (Jarno Soukup), während die jungen Sta­tis­t:in­nen die Spielfläche verlassen. Ein sinnbildlicher Moment.

Zur Endzeitstimmung tragen zudem politische Signale bei. Erzählt wird von einer gerade beschlossenen „Kapazitätsanpassung“ angesichts schwindender Fangmöglichkeiten. Ein Drittel der Krabbenkutter soll nach einer Entschädigungszahlung, „Abwrackprämie“, außer Dienst genommen und zerlegt werden. Die „Claudia“ hat den Strukturwandel bereits antizipiert und ist dank des Tourismus sehr gut gebucht für Schaufischerei-, Sonnenuntergangs-, Ausflugs-, Hochzeits-, Seebestattungs- und nun auch Theaterfahrten.

„Sielhäfen“ fügt dem sozialpolitischen Ansatz den Kleinod-typischen ästhetischen Mehrwert hinzu. Wenige Requisiten genügen, um das Gesagte gleichzeitig zu abstrahieren und sinnlich zu konkretisieren. Mit Kisten lässt sich die Nahrungskette unter Wasser, mit einem hin und her geschwenkten Baumstamm ein Kutter im wogenden Meer, mit Netzen die Fangsituation für Fische illustrieren. So wird aus der Info- und Selbstverständigungsveranstaltung eine gelungene Theaterproduktion.

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