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Regisseure des Films „Jeunes mères“„Viele Kinder und Jugendliche sind auf sich allein gestellt“

„Jeunes mères“ der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne spielt in einem Heim für junge Mütter. Ein Gespräch über ihre Verantwortung für die Jugend.

Das Heim und die jungen Mütter in „Jeunes mères“ Foto: Wild Bunch Germany

Interview von

Patrick Heidmann

Seit 30 Jahren sind Jean-Pierre und Luc Dardenne, die in den 1970er Jahren zunächst mit dokumentarischen Arbeiten begannen, eine feste Größe sowohl bei den Filmfestspielen in Cannes als auch im europäischen Arthouse-Kino insgesamt. In ihrem neuen Film „Jeunes mères – Junge Mütter“ erzählen die belgischen Brüder, die wir in Paris zum Interview trafen, von fünf Teenagern in einem Heim für junge Mütter.

taz: Im Zentrum Ihres neuen Films „Jeunes mères – Junge Mütter“ steht ein Heim für junge Frauen, die ein Kind erwarten oder gerade eines bekommen haben. Dabei handelt es sich um einen realen Ort, richtig?

Luc Dardenne: Wir besuchten vor einigen Jahren eine solche Einrichtung in der Nähe von Lüttich. Wir trugen uns mit dem Gedanken, einen Film zu drehen über eine junge Mutter, die versucht, eine Bindung zu ihrem Neugeborenen aufzubauen, und in diesem Heim vorbeizuschauen gehörte zu unserer Recherche. Der Gedanke, den Fokus unseres Films zu erweitern und von einer Gruppe junger Mütter zu erzählen, entstand dann tatsächlich vor Ort. Nicht nur, weil es interessant war zu sehen, wie eine solche Hilfseinrichtung funktioniert. Sondern vor allem, weil uns die Frauen und Mädchen mitsamt ihren Geschichten dort so sehr berührten.

Bild: Michael Kottmeier
Im Interview: Jean-Pierre und Luc Dardenne

Die Brüder Jean-Pierre (geb. 1951 in Engis) und Luc Dardenne (geb. 1954 in Awirs) drehen seit 1978 gemeinsam Filme. Nach Anfängen mit Dokumentarfilmen wie „Le chant du rossignol“ (1978) wechselten sie 1986 mit „Falsch“ zum Spielfilm. Für „Rosetta“ gewannen sie 1999 in Cannes die Goldene Palme. Sie widmen sich in ihren Arbeiten gesellschaftlich oft schwierigen Themen.

taz: Warum schlossen Sie die so schnell ins Herz?

Luc Dardenne: Es waren gar nicht so sehr die Einzelschicksale, die uns nahegingen. Auch wenn viele dieser jungen Frauen natürlich aus alles andere als einfachen Umständen kamen und ihre Lebensgeschichten oft eng verknüpft waren mit Armut und Gewalterfahrungen. Doch in einer Welt, die zusehends von Brutalität und Isolation geprägt zu sein scheint, erschien uns vor allem dieser Ort an sich so besonders. Dass es da einen Platz gibt, an dem die Mütter zusammenkommen können, und an dem es um Hilfe, Fürsorge und gegenseitige Unterstützung geht. Wir spürten in diesem Heim die Schwäche vieler Frauen und die Zerbrechlichkeit des Lebens, aber eben auch die Kraft und die Widerständigkeit, die dort aus der Gemeinsamkeit erwachsen. Das erschien uns erzählenswert, heute mehr denn je. Und dabei mehr als nur ein Mädchen in den Blick zu nehmen, war besonders wichtig, denn selbstständig zu werden und Verantwortung zu übernehmen, kann ja ganz unterschiedliche Formen annehmen. Während die eine ihr Baby zu lieben lernt und Kraft daraus zieht, sich um ein kleines Wesen zu kümmern, fasst die andere vielleicht den Entschluss, ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben, damit sie sich um sich selbst kümmern und womöglich ihre Ausbildung fortsetzen oder einen Arbeitsplatz finden kann.

Der Film

„Jeunes mères – Junge Mütter“. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Mit Babette Verbeek, Elsa Houben u.a. Belgien/Frankreich 2025, 104 Min.

taz: Basieren alle Schicksale, die wir im Film sehen, auf realen Fällen?

Jean-Pierre Dardenne: Wir haben keine Geschichte eins zu eins der Realität entlehnt. Aber natürlich haben wir uns inspirieren lassen, nicht nur von den jungen Frauen, denen wir persönlich begegnet waren, sondern auch von all den Geschichten und Erlebnissen, von denen uns die Leiterin und all die Mitarbeitenden des Heims berichteten. Es gibt diesen Ort seit mehr als 60 Jahren, da haben die dort arbeitenden Erzieherinnen und Psychologinnen wirklich alles gesehen. Doch natürlich sind die Biografien unserer Protagonistinnen alle fiktionalisiert, was uns gerade mit Blick auf das Ende des Films ein Anliegen war. Denn wir wussten von Anfang an, dass wir für jede dieser fünf Frauen einen Ausweg finden. Und zwar einen, der sie – und damit auch das Publikum – zumindest mit ein wenig Licht und Hoffnung in die Zukunft entlässt.

taz: Einige Ihrer jungen Darstellerinnen waren Laien, andere hatten schon ein wenig Schauspielerfahrung. Wie arbeiten Sie mit einem solchen Ensemble?

Jean-Pierre Dardenne: Elsa Houben, die die Julie spielt, ist ein klein wenig älter als die anderen und hatte schon ein paar Mal vor einer Kamera gestanden. Aber auch nicht so häufig, dass sie ein abgebrühter Profi gewesen wäre. Und selbst wenn: Unsere Arbeitsweise ist eigentlich immer die gleiche, ganz gleich, ob wir mit Schauspiel-Neulingen drehen oder mit etablierten Stars wie Marion Cotillard. Unser Prozess des Filmemachens umfasst eine Probenphase von vier bis fünf Wochen. Da spielen wir mit dem Ensemble die Geschichte immer wieder durch, an den Orten, an denen wir dann später auch drehen. Wir nehmen alles mit einer kleinen Kamera auf, und die Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Luc und ich finden gemeinsam die Abläufe und Bewegungen, den Rhythmus des Films und natürlich die Figuren in all ihren Nuancen. Wenn wir dann mit dem eigentlichen Drehen beginnen, haben wir alle Verunsicherung und Ängste ausgemerzt. Alle sind präsent und wissen, was sie tun. Das ist die Basis für die Wahrhaftigkeit und den Realismus unserer Filme.

taz: Die meisten Ihrer Filme handeln von Kindern und Jugendlichen. Warum eigentlich?

Luc Dardenne: Woraus sich Interessen entwickelt haben, finde ich in der Eigenanalyse einigermaßen schwer zu beantworten. Aber tatsächlich beschäftigen wir uns seit „Das Versprechen“ mit den Geschichten junger Menschen und nicht zuletzt mit dem Verhältnis von Kindern und Eltern, also dem Blick auf zwei untrennbar miteinander verbundene Generationen von Menschen. Es ist spannend zu sehen, was Erwachsene Kindern mitgeben können und welchen Einfluss sie auf deren Leben haben. Und gerade der Umstand, dass junge Menschen noch mittendrin stecken in ihrer Entwicklung, dass sie sich verändern und bei ihnen alles permanent im Wandel ist, macht sie für uns als Filmemacher so reizvoll. Am Baum des Lebens sind sie junge, noch grüne Triebe und Zweige, keine alten Äste, um es mal so auszudrücken! Sie sind so viel schützenswerter, deswegen nehmen wir uns ihrer an.

taz: Aus einem Verantwortungsgefühl heraus?

Jean-Pierre Dardenne: Auch, ja. Vielleicht ganz besonders, weil wir zwei Brüder sind, die gemeinsam Filme drehen, und entsprechend dauerhaft mit dem Thema Familie konfrontiert sind. Wir als Ältere müssen uns doch fragen, was wir den Jüngeren mitgeben, wie wir sie vorbereiten aufs Leben und welche Welt wir ihnen hinterlassen. Diese Fragen liegen uns am Herzen, zumal – wie seit „Das Versprechen“ viele unserer Geschichten zeigen – nicht jeder junge Mensch die Eltern oder andere Erwachsene als stabile Präsenz in seinem Leben hat. So viele Kinder und Jugendliche sind auf sich allein gestellt bei der Suche nach ihrer Menschlichkeit.

taz: Mit „Das Versprechen“ gelang Ihnen damals der Durchbruch, der Film ist inzwischen 30 Jahre alt. Bedeutet jung sein heute noch das gleiche wie damals?

Luc Dardenne: Oh, das ist eine große Frage, die andere sicherlich fundierter beantworten können als wir. Es lässt sich nicht leugnen, dass sich vieles geändert hat in unserer Gesellschaft, und das hat Einfluss auf die Erfahrungswelt junger Menschen. Die Lebensumstände, in denen man heute aufwächst, sind rauer und brutaler, und die Verführungen, die überall lauern, noch stärker. Entsprechend reagieren alle Menschen schneller und gereizter, gerade die Jungen zücken schneller die Messer, nicht nur buchstäblich. Von daher ist es heutzutage sicherlich noch schwieriger, jung zu sein, als es das schon vor 30 Jahren war. Doch eines ist auf jeden Fall gleichgeblieben, und das ist die Tatsache, dass junge Menschen auf die Hilfe anderer angewiesen sind, wenn sie eine Chance auf Rettung haben wollen.

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Trailer „Jeunes mères“

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taz: „Das Versprechen“ war damals Ihr erster Film, der beim Festival in Cannes Premiere feierte, wo Sie später dann zweimal die Goldene Palme gewannen. Stimmt es eigentlich, dass Sie einen dieser beiden Preise inzwischen verloren haben?

Jean-Pierre Dardenne: Eine der beiden Palmen war lange verschwunden. Aber inzwischen ist sie wieder aufgetaucht. Sie lag in der untersten Schublade eines Schranks in unserem Büro, ganz hinten. Wir hatten einfach nicht gründlich genug gesucht.

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