Regimekritikerin über Saudi-Arabien: „Die saudische Gesellschaft ist bereit“

Regimekritikerin Madawi al-Rasheed hat die neue Oppositionspartei NAAS gegründet. Sie will die absolute Monarchie in Saudi-Arabien abschaffen.

Frauen sitzen am Steuer

Seit 2018 dürfen Frauen in Saudi-Arabien endlich Auto fahren Foto: Tasneem Alsultan/NYT/Redux/laif

taz: Frau al-Rasheed, Sie haben etwas gegründet, das es gar nicht gibt: eine saudische politische Partei. An wen wenden Sie sich damit?

Madawi al-Rasheed: Es ist sehr wohl eine Partei. Wir sind eine Gruppe Akademiker*innen und Aktivist*innen im Exil. Unsere Botschaft geht an die Menschen in Saudi-Arabien. Wir fordern, Demokratie einzuführen und die absolute Monarchie zu ersetzen.

Welchen Status hat Ihre „Partei der Nationalversammlung“ (NAAS)?

Eines unserer Ziele ist es, die Partei als Nonprofitorganisation in Großbritannien zu registrieren, denn zwei von uns leben in London.

Madawi al-Rasheed, 57, ist Sozialanthropologin und politische Kommentatorin. Ihre Familie musste in den 70er Jahren Saudi-Arabien verlassen. Seit den 90ern hat al-Rasheed das Land nicht mehr betreten. Heute ist sie Fellow der British Academy und Gastprofessorin an der London School of Economics. Im Dezember erscheint ihr Buch „The Son King“ über Saudi-Arabien unter Mohammed bin Salman.

In Ihrer Gründungserklärung fordern Sie ein gewähltes Parlament, eine unabhängige Justiz und Rechtsstaatlichkeit. Ist das ein Aufruf zur Revolution?

Das ist Sache des Volkes, aber ein Aufruf zur Revolution ist es nicht. Wir haben nicht dazu aufgefordert, auf die Straße zu gehen. Angesichts der Repression wäre das unethisch. Leute sind verhaftet worden, nur weil sie kritische Meinungen getwittert haben.

Was genau haben Sie mit NAAS vor?

Wir wollen den Saudis alternative Informationen zur Verfügung stellen. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein zu schärfen, was Demokratie bedeutet. „Demokratie“ und „politische Partei“ sind Begriffe, die in Saudi-Arabien tabu sind. Demokratie wird als Blasphemie gesehen, politische Parteien als Schisma. Die Forderung nach Demokratie ist der einzige Weg, die Gesellschaft vor einer Zersplitterung und vor Machtkämpfen innerhalb der Herrscherfamilie zu bewahren.

Saudi-Arabien durchlebt schwierige Zeiten. Der Ölpreis ist auf einem historischen Tiefstand und die Wirtschaft nach wie vor abhängig von Öleinnahmen. Ist das Königreich noch stabil?

Sehr wahrscheinlich wird Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) nach dem Tod seines Vaters Salman König werden. Aber MBS wird in Angst leben, denn es ist ihm nicht gelungen, den Konsens der Königsfamilie zu sichern. Er regiert mit Gewalt. Immer wieder wurden Prinzen inhaftiert. Auch fehlt ihm die Unterstützung der saudischen Finanzelite sowie der traditionellen Elite, die Staat und Regierung immer unterstützt hat. Das könnte ein Machtvakuum schaffen.

In der Berichterstattung ist seit dem Aufstieg von MBS ein Narrativ zu beobachten, nach dem ein positiver Wandel stattfindet: Das Land hat sich für Tourist*innen geöffnet, Konzerte und Kinos wurden erlaubt. Am prominentesten ist das Thema Frauen am Steuer: Seit 2018 dürfen Frauen endlich Auto fahren.

Um das zu verstehen, müssen wir bis 2011 zurückgehen, als die arabische Welt begann, politischen Wandel zu fordern. Seitdem versuchen Salman und MBS das Bild Saudi-Arabiens umzukehren. Vor allem MBS wurde als Lösung gesehen. Er ist jung und es sieht aus, als befürworte er Reformen. Tatsächlich aber führt er eine Gegenrevolution an. Und hier kommen die Forderungen saudischer Frauen und Männer ins Spiel. MBS musste tun, was dem Westen gefällt. Er hat also genau das getan, wofür die Saudis gekämpft haben. Der Widerspruch: Während er Reformen in die Wege leitet, sperrt er die Aktivisten, die diese Reformen fordern, ein.

Hat MBS saudische Frauen ermächtigt?

Nein, das Regime nutzt Frauen als Symbole von Modernität. MBS hat Frauen in sichtbare Positionen berufen, um zu zeigen, wie fortschrittlich das Regime ist. Schauen Sie sich Reema bint Bandar an, die Botschafterin in Washington. Warum sitzt eine Prinzessin in Washington, während Loujain al-Hathloul, eine junge Aktivistin, immer noch im Gefängnis sitzt? Berufung ist kein ­Empowerment.

Al-Hathloul hat sich für das Recht auf Autofahren eingesetzt und ein Ende des Systems der männlichen Vormundschaft gefordert. Warum gilt jemand wie sie als gefährlich?

Die feministische Bewegung hat eine zentrale Kluft in der saudischen Gesellschaft überwunden. Sie ist weder eine regional oder tribal geprägte noch eine konfessionelle oder islamistische Opposition. Diese Aktivist*innen haben nationale Politik gemacht und Menschen aus unterschiedlichen Milieus mobilisiert, um politische und bürgerliche Rechte sowie Geschlechtergerechtigkeit einzufordern.

Viele in Saudi-Arabien argumentieren, man müsse langsam vorgehen, in Übereinstimmung mit der konservativen islamischen und arabischen Tradition des Landes. Was halten Sie davon?

Im September hat das Regime den 90. Jahrestag der Staatsgründung gefeiert. Das ist eine lange Zeit und wir haben immer noch keine Institution, die das Volk vertritt. Wie lange sollen wir warten? Weitere 90 Jahre? Allmählicher Wandel ist ein Mythos, die saudische Gesellschaft ist bereit!

Im Oktober vor zwei Jahren wurde Jamal Khashoggi in Istanbul von saudischen Agenten getötet. Welche Folgen hatte der Mord für das Land?

Er hat Saudi-Arabien einen irreparablen Schaden zugefügt. MBS ist die Propaganda ausgegangen, um das Vertrauen in seine Führung wiederherzustellen.

Viele beschuldigen MBS, persönlich hinter dem Mord zu stecken, allerdings gibt es dafür keine Beweise. Was ist Ihre Deutung der Geschehnisse?

Khashoggi war nicht nur Journalist. Von dieser Konstruktion Khashoggis durch die Washington Post muss man sich lösen. Khashoggi war ein Mann des Palastes. Er hat eng mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet und muss genug Informationen gehabt haben, um Saudi-Arabien in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen. Sie haben ihn getötet, weil er sich vom Regime losgesagt hatte und in die USA gegangen war. Er war nicht einfach jemand, der Demokratie wollte. In Wahrheit forderte Khashoggi gar keine Demokratie in Saudi-Arabien. Er war nicht der größte Demokrat.

Sie scheinen ihm gegenüber kritisch eingestellt zu sein.

Ich sage nur, wie es war. Kha­shoggi hat Demokratie in der arabischen Welt gefordert, aber er schrieb auch: Ich fordere keine Demokratie in Saudi-Arabien, denn die Herrschaft der Familie Saud ist gut. Das war absolut verrückt, was den Mord natürlich nicht rechtfertigt. Das war ein schreckliches Verbrechen, unfassbar. Aber das passiert, wenn man sich von einem totalitären System lossagt.

Sie sind die wohl bekannteste Saudi-Arabien-Expertin. Gleichzeitig sind Sie eine lautstarke Kritikerin des Regimes. Hatten Sie Angst nach Khashoggi Ermordung?

Wir alle hatten Angst. Uns ist bewusst, dass es seine Todesschwadronen schicken kann.

Ist es das erste Mal, dass Sie sich bedroht fühlen?

Ich wurde schon 1991 bedroht, nachdem ich in Großbritannien promoviert hatte und mein erstes Buch schrieb. König Salman, damals Gouverneur von Riad, schickte mir eine Warnung über meinen Vater: Wenn Ihre Tochter das Buch veröffentlicht, werden wir „disziplinarische Maßnahmen“ ergreifen. So haben sie es ausgedrückt. Dabei war es nur ein Geschichtsbuch, in dem ich über das Emirat der Raschiden schrieb.

Die Raschiden waren Ihre Vorfahren. In den 20er Jahren, bevor das saudische Königreich gegründet wurde, führten sie Krieg gegen die Saudis. Hat Ihr familiärer Hintergrund Einfluss auf Ihre Arbeit?

Die Saudis werfen mir vor, ich wolle zu den glorreichen Tage meiner Familie zurückkehren. Aber mir geht es nicht darum, zu einem Emirat oder einer Dynastie zurückzukehren. Davon hatten wir genug. Die Partei, die wir gegründet haben, ist eine Initiative, mit der wir hoffen, die tribalen und konfessionellen Trennlinien zu überwinden, denen die Saudis so lange ausgesetzt gewesen sind.

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